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Talent oder Fleiß? Was Sie brauchen, um an die Spitze zu kommen

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Training ist nicht alles

Dass sich die 10.000-Stunden-Regel derart verbreitete, ist verständlich. Denn ihre Botschaft macht Mut: Wer sich genug anstrengt, kann alles schaffen. Endlich schien jemand eine Formel für Erfolg gefunden zu haben, noch dazu verpackt in eine griffige Zahl.

Aber so einfach ist es leider nicht.

Davon ist zum Beispiel Zach Hambrick überzeugt. In den vergangenen Jahren hat der Psychologe von der Michigan-State-Universität mehrere Untersuchungen veröffentlicht, die Ericssons These vom antrainierten Erfolg widerlegen. Im Jahr 2014 zum Beispiel wertete er zusammen mit zwei Co-Autoren insgesamt 88 Forschungsarbeiten aus. Jede einzelne hatte sich vor allem mit einer Frage beschäftigt: Was ist wichtiger, Talent oder Training?

Training ist nicht alles, aber ohne Training...

Und tatsächlich: Egal, ob bei Schach, Sport oder Musik – Übung und Training waren zwar immer ein Faktor, niemand wird als Schachgroßmeister oder Violinvirtuose geboren. Doch der tatsächliche Effekt des Trainings war überraschend gering. Bei Schach machte er rund 26 Prozent aus, bei Musik etwa 21 Prozent und bei Sport rund 18 Prozent.

Anders ausgedrückt: Jeden Tag Schach zu üben hilft. Aber es macht niemanden zum neuen Magnus Carlsen. Woraus die restlichen 74 Prozent bestehen, die Schachanfänger von Großmeistern trennen? Darüber können Zach Hambrick und seine Kollegen bisher nur spekulieren.

Psychologen, die den Einfluss von Talent und Training untersuchen, schauen sich häufig Musiker, Schachspieler oder Sportler an. Das hat vor allem zwei Gründe: Erstens lässt sich Leistung in Zahlen ausdrücken, zweitens sind diese Tätigkeiten relativ eindimensional. Wie oft jemand für sie trainiert, lässt sich daher gut beobachten. Es ist einfach, zu messen, wie viele Stunden pro Woche ein Basketballspieler an seinem Drei-Punkte-Wurf arbeitet. Bei einem Wirtschaftsprüfer oder Ingenieur ist das schon schwieriger.

Inwieweit sich die Studien übertragen lassen, ist unklar. Dafür müsste man die komplexen Tätigkeiten, aus denen die meisten Berufe bestehen, erst mal auseinanderhalten und in jedem einzelnen messen, wie viel Einfluss Übung hat. Was man aber auch für diese Bereiche inzwischen weiß: Training ist nicht alles. Denn in vielen Berufen hängt die Leistung vom generellen Intelligenzquotienten ab – und der ist zu einem großen Teil angeboren.

Diese Arten von Intelligenz gibt es

Erblich bedingter Fleiß

Auf den geringen Einfluss von Übung deuten auch zwei weitere Untersuchungen hin. Weil sie ähnliche Erbanlagen besitzen, sind Studien mit Zwillingen ein beliebtes Mittel, um herauszufinden, ob ein Verhalten oder eine Fähigkeit angeboren oder erlernt ist.

2014 rekrutierte ein Team um Nancy Pedersen vom Karolinska-Institut in der Nähe von Stockholm insgesamt etwa 2000 schwedische Zwillingspaare. Alle absolvierten einen standardisierten Musiktest. Anschließend fragten die Forscher die Zwillinge, ob sie ein Instrument spielen und wie oft sie damit üben.

„Musikalische Fähigkeiten sind zu einem Großteil erblich“, schrieben die Forscher in der Studie mit dem Titel „Übung macht nicht den Meister“. Mehrfach konnten sie nachweisen, dass Zwillinge ähnliche musikalische Fähigkeiten besitzen – selbst wenn einer von ihnen jeden Tag fleißig ein Instrument übte, während der andere faulenzte.

Zach Hambrick kam im vergangenen Jahr zum gleichen Ergebnis, als er zusammen mit dem Psychologen Elliot Tucker-Drob die Musikalität von 800 Zwillingspaaren untersuchte. Doch er fand noch etwas anderes heraus: Auch die Bereitschaft, jeden Tag mehrere Stunden zu üben, scheint etwas mit den Genen zu tun zu haben – denn die Zwillinge waren meistens ähnlich diszipliniert. Wer gut werden will, braucht also Fleiß und Talent – aber beide Erfolgsfaktoren sind anscheinend in gewisser Weise erblich bedingt.

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