Tattoos im Job Wann Körperschmuck zum Jobkiller wird

Tattoos sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen – eigentlich. In einigen Branchen ist der Körperschmuck allerdings verpönt und kann den Job kosten.

Jobkiller Tattoo. Quelle: Getty Images

„S'il te plaît ... apprivoise-moi!“ – „Bitte zähme mich”: Dieses Zitat aus „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry verbaute einer Bewerberin den Weg in die Polizeiausbildung. Sie hatte sich die Zeile auf den Unterarm tätowieren lassen – und wurde deshalb nicht zum Auswahlverfahren bei der Bundespolizeiakademie zugelassen.

Dabei sind die Zeiten, in denen nur Seefahrer und Knastbrüder Tattoos haben, lange vorbei: In Deutschland ist mittlerweile jeder Zehnte tätowiert, in der Altersgruppe von 16 bis 29 Jahren sogar jeder Vierte. Tätowierte lassen sich längst nicht mehr einer bestimmten Einkommensschicht oder einer bestimmten Subkultur zuordnen, wie eine Studie der Universität in Bochum zeigt.

Trotzdem dürfen Arbeitgeber tätowierte Bewerber ablehnen. Zumindest bei der Polizei. Das hat das Verwaltungsgericht in Darmstadt 2014 im Falle von Bewerberin entschieden. Ihre Tätowierungen könnten als „Zeichen eines gesteigerten Erlebnisdrangs“ verstanden werden, außerdem drückten sie „überzogene Individualität“ aus, so die Richter damals in ihrem Urteil. Wegen solcher Fälle glauben immerhin 18 Prozent der Deutschen, dass sie mit sichtbaren Tätowierungen keinen Job bekommen. Zwei Drittel fürchten in bestimmten Branchen Einschränkungen.

Teure Tattoos

In manchen Berufen sind Tattoos ein Problem

Grundsätzlich sind Tattoos heute kein Jobkiller mehr, sagt Cornelia Marquardt, Partnerin bei Norton Rose Fulbright und Fachanwältin für Arbeitsrecht. „In besonderen Situationen, beispielsweise bei der Polizei, können Tattoos aber zum Problem werden“, sagt sie. Das liege in erster Linie daran, dass die Kleiderordnung dort im Sommer auch Kurzarm-Shirts vorsehe, die Tattoos dann aber nicht mehr verdecken. Und das müsse möglich sein, so Marquardt. „Deshalb sollten sie sich nicht auf den Händen und oberhalb des Kragens befinden.“

Fest steht aber auch: Chefs haben grundsätzlich das Recht, beim Erscheinungsbild ihrer Mitarbeiter mitzusprechen, insbesondere beim Auftreten der Angestellten nach außen, Tätigkeiten mit Publikumskontakt. „Bei sichtbaren Tattoos im Gesicht, an den Händen, dem Hals kann das eine Rolle spielen. Wir sind in Deutschland hinsichtlich Tattoos noch in einem sehr konservativen Umfeld“, sagt Christian Götz, Arbeitsrechtsexperte der Gewerkschaft Verdi. Deshalb gelten für Angestellte des öffentlichen Dienstes und Beamte besonders strenge Regeln, sie stehen nicht nur in einem besonderen Vertrauensverhältnis zu ihrem Arbeitgeber, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Aber auch Kellner, Flugbegleiter oder Empfangsdamen müssen sich entsprechende Vorschriften gefallen lassen.

Wer mit Tattoo eingestellt wird, braucht nichts zu befürchten

Welche Kleidung Chefs vorschreiben dürfen
MützenpflichtDie Lufthansa schreibt ihren männlichen Piloten vor, während der Arbeitszeit eine Mütze zu tragen. Das gilt auch für die Zeit, in der sie nicht fliegen, sich aber auf dem Flughafen aufhalten. So regelt es die "Betriebsvereinbarung Dienstbekleidung". Ein Pilot aus Nordrhein-Westfalen hatte dagegen geklagt, da er sich gegenüber seinen Kolleginnen benachteiligt sieht, weil diese keine Mütze tragen müssen. Das Landesarbeitsgericht Köln hatte seine Klage vor einigen Monaten abgewiesen, da die Regelung juristisch keine Benachteiligung sei. Sonst dürfte es generell keine unterschiedliche Dienstkleidung für Männer und Frauen geben. Quelle: dpa
KleidungsvorschriftenGanz allgemein gilt: Arbeitgeber dürfen grundsätzlich bestimmen, welche Kleidung Mitarbeiter während der Arbeit zu tragen haben. Die jeweilige Kleiderordnung muss mit dem Betriebsrat abgestimmt werden (Paragraf 87 Absatz 1 Nr. 1 Betriebsverfassungsgesetz) und sollte dem Arbeitsumfeld Rechnung tragen: Wer Kundenkontakt hat, muss sein Unternehmen optisch anders repräsentieren als jemand, der nur hinter seinem Schreibtisch sitzt. Quelle: dpa/dpaweb
Tattoos und PiercingsEine besondere Repräsentationspflicht haben unter anderem Beamte. Das musste eine junge Frau erfahren, die sich für eine Ausbildung bei der Bundespolizei beworben hatte und wegen eines großflächigen und deutlich sichtbaren Tattoos abgelehnt wurde. Nur, wenn die Tätowierung klein dezent gewesen wäre – vor allem aber auch ohne besondere Symbolik – hätte man die Frau eingestellt (Beschluss, Aktenzeichen 1 L 528/14.DA.). Quelle: Reuters
FrisurAuch bei der frisur von Beamten gibt es Vorschriften. Wie ein Polizist im Dienst aussehen darf, ist allerdings Sache des jeweiligen Bundeslandes. In Rheinland-Pfalz wollte ein Polizist 2003 entgegen einem Rundschreiben des Innenministeriums sein Recht auf einen schulterlangen Pferdeschwanz bei der Arbeit einklagen. Das Koblenzer Oberverwaltungsgericht verwehrte ihm den Wunsch. Quelle: dpa
OhrringeEin Münchner Polizeibeamter, der im Dienst Ohrschmuck und lange Haare tragen wollte, bekam 1999 vor dem Bundesverwaltungsgericht Recht. Dies gehöre zur „freien Entfaltung der Persönlichkeit“. Seine Vorgesetzten wollten ihm den Schmuck per Dienstanweisung verwehren, weil das nicht zum gewünschten Erscheinungsbild der Polizei passe. Quelle: dpa
NagellackEiner Sicherheitsfirma am Flughafen Köln-Bonn wollte ihren Mitarbeiterinnen vorschreiben, ihre Fingernägel nur einfarbig zu lackieren und sie nicht länger als 0,5 cm über der Fingerkuppe zu tragen. Die männlichen Kollegen sollten dagegen ihre Haare nur in natürlichen Farben färben dürfen. Das Landesarbeitsgericht Köln urteilte, dass der Arbeitgeber in diesem Fall die Länge der Fingernägel vorgeben dürfe, da zu lange Nägel ein Verletzungsrisiko seien. Die Farbe der Haare und Nägel blieb jedoch den Angestellten überlassen (Az.: 3TaBV 15/10). Quelle: dpa
UnterwäscheAnders urteilten die Richter über die Farbe und Art der Dessous, die dieselbe Sicherheitsfirma ihren Mitarbeiterinnen vorschreiben wollte. Farbige Dessous könnten durchscheinen und sich negativ auf die Wahrnehmung des Sicherheitspersonals auswirken. Auch, dass Mitarbeiter unter der Dienstuniform Büstenhalter oder Unterhemden zu tragen haben, leuchtete den Richtern ein, denn ohne nutze sich die Dienstkleidung schneller ab (Az.: 3TaBV 15/10). Quelle: dpa
RasierenDie norddeutsche Drogeriemarktkette Budnikowsky empfahl ihren Mitarbeiterinnen in einer sechsseitigen Bekleidungsempfehlung, ihre Beine zu rasieren, wenn sie einen Rock tragen. Außerdem untersagt das Management bunten Nagellack, auffälliges Make-up, High Heels oder Modeschmuck. Männliche Mitarbeiter sollten maximal einen "gut ausrasierten Voll- oder Oberlippenbart" tragen. So etwas geht eindeutig zu weit und hätte vor keinem Richter Bestand. Quelle: AP
ParfumGleiches gilt für einen Style-Guide der Schweizer Großbank UBS, die ihren Angestellten riet, morgens nach dem Duschen Parfum aufzutragen. Außerdem sollten sich Mitarbeiter nicht die Haare färben. Quelle: dpa
KörperhygieneDer Arbeitgeber darf außerdem Wert auf Körperhygiene legen. Wer mieft, kann sogar gekündigt werden. 2010 urteilte das Arbeitsgericht Köln, dass die Kündigung eines Angestellten während der Probezeit aufgrund von Schweißgeruch rechtens war (4 Ca 10458/09). Quelle: dpa

Die entscheidende Frage sei allerdings, ob das Tattoo überhaupt sichtbar sei – und wann es gestochen wird, so Götz. „Nicht offen sichtbare Tattoos gehen den Arbeitgeber nichts an und deswegen kann auch nicht gekündigt werden“, sagt er. Denn generell ist Körperschmuck jeglicher Art Privatsache. Und da sie sich nicht so leicht ändern lasse, wie beispielsweise die Haarfarbe, kann „der Arbeitgeber nicht während eines bestehenden Arbeitsverhältnisses einseitig die Richtung wechseln“, so Götz.

Konkret heißt das: Wer mit Tattoos eingestellt wird, kann nicht nach ein paar Jahren wegen Tattoos entlassen werden. Anders sieht es aus, wenn sich Mitarbeiter über die Regeln hinwegsetzen. „Wenn es eine strikte Anweisung gegen sichtbare Tattoos gibt und sich ein Angestellter trotzdem eins anfertigen lässt, kann es Probleme geben“, sagt Götz. Eine Kündigung sei aber die Ultima Ratio.

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