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200 Jahre Fahrrad Für die Straße oder eher fürs Wohnzimmer?

Erst Laufmaschine, dann Luxusgefährt, dann Fahrzeug der Armen. Mutiert das Zweirad nun zum Einrichtungsmöbel und Fetisch großstädtischer Demonstrativkonsumenten?

200 Jahre Fahrrad: Le Vélo erweckt alte Drahtesel wieder zum Leben. Quelle: Dennis Löffka für Le Vélo

Die Werkstatt wirkt wie aus der Zeit gefallen. Unter der Holzdecke hängen Rahmen mit korrodierten Rohren und Muffen. Die Zahnkränze sind abgenutzt, die Kabel lottern. Von ihrer einstigen Funktion und Schönheit ist nicht viel geblieben. Beides schenkt ihnen Senad Sarac zurück. Der ehemalige Radprofi ist ein passionierter Radrestaurator. Sarac macht in seiner Hamburger Werkstatt bewegliche Teile wieder gangbar, richtet Felgen aus, fixiert lose Verbindungen und zieht neue Reifen auf. Am Ende stehen die alten Räder da in neuer Blüte: elegante Zeugen einer vergangenen Epoche, mehr zum entspannten Gleiten geeignet denn zum rastlosen Rasen. Sie tragen herrliche Namen: Adler, Göricke, Sparta.

Und sie haben eine, nun ja: Authentizität, die auf ihre Besitzer abstrahlen soll: „Meine Kunden wollen ein Unikat“, sagt Sarac.

Sarac weiß: Wer heute ein Fahrrad kauft, erwirbt nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Image, das die Persönlichkeit seines Besitzers unterstreicht. Das Rad soll Auskunft geben über des Käufers Lifestyle, seine Haltung, seine Stellung in der Welt. Wichtiger als Fahreigenschaften und als technische Ausstattung ist, dass das Rad den Charakter seines Fahrers adelt. Dafür zieht das Zweirad auch mit in die Wohnung, dafür lässt es sich als Einrichtungsmöbel und Wandschmuck verehren. Das Zweirad soll als Partner stets zugegen sein, sichtbar für den Eigentümer und seine Besucher: ein Dekorations- und Lustobjekt – ein Fetisch großstädtischer Demonstrativkonsumenten.

Allein 64 schicke Modelle hat der Blog itallstartedwithafight zuletzt zur Wahl der schönsten Wandhalterung fürs Wohnzimmer-Rad ins Rennen geschickt. Der stets unkonventionell planende Möbelhersteller Moormann hat eine Insellösung für Zimmer geschaffen: Einen Block, auf dem oben das Bett thront und die Fläche darunter als Schrank nutzt - inklusive offener Aufhängung für ein Rad - vorzugsweise mit Stahlrahmen, wie das Produktfoto es zeigt.

Natürlich hat auch die Werbung das vom Kellerkind zum Loft-Star avancierte Rad als Symbol für urbane Lässigkeit und ökotrendigen Besitzindividualismus entdeckt. In seiner aktuellen Kampagne lässt das Modelabel Gucci einen Puma um einen jungen Mann streifen, der im Gesicht umfassend tätowiert ist, einen rosa Pullover und eine gelbe Art Fliege trägt. Das Model sitzt auf einem hellblauen Stahlrennrad, wie sie in den Achtzigerjahren produziert wurden. Alles in diesem Bild symbolisiert den letzten Modeschrei: retromoderne Metrosexualität.

Vor Jahren war es noch das Tenorsaxofon, das der Werbung zur Andeutung eines modernen Lebensstils diente: Jazz gleich Improvisation und Freiheit! Heute feiern besonders die edelschlichten Radmodelle mit einem einfachen Zahnrad an der Hinterachse den Sinn für die Moderne und die puristische Form. Ganz gleich, ob Gucci, die Zigarettenmarke Gauloises oder Hersteller luxuriöser Wohnzimmermöbel zwischen den Betonwänden moderner Living-Rooms: Sie alle inszenieren eine aufs Minimum reduzierte Version des Fahrrades: Reifen, Rahmen, Lenker, Kette.

Mit diesen Fahrrädern sorgen Sie sicher für Aufsehen
Da fehlt doch was.... Richtig, das sogenannte Sattelrohr, das nahezu alle klassischen Fahrräder besitzen und den Sattel mit dem Tretlager verbinden. Velowland ist ein Unternehmen, das sich auf Unikate spezialisiert hat. Dieses giftgrüne ist mit Vorsatz an der Ästhetik des dennoch geringfügig schnelleren Lamborghinis im Hintergrund orientiert. Quelle: Cyclingworld Düsseldorf (25./26. März) Quelle: PR
Jung, urban, hip - da darf das Rad gerne mal in fabrikfrisch aussehen, als wäre es ein Kellerfund in Opas altem Häuschen. Cremecycles spielt gekonnt auf der Klaviatur der Ästhetik, die ihre Basis bei den Fixie-Kurieren aus New York hat, erweitert um Weißwandreifen, wie sie auch die Autoindustrie für historisierende Fahrzeuge wählt. Moderne Schaltungstechnik ist natürlich dennoch verbaut. Denn so mühselig treten wie Opa wollen dann doch nur die wenigsten. Quelle: PR
Wattitud - Alles, E-Bike und in diesem Fall ist der Akku formschön hinter einer Art Tank-Optik von Motorrädern versteckt. Federgabel mit sichtbaren Federn. Alles Retro - außer dem Antrieb. Quelle: PR
Es sind die Profipendler, die die Vorzüge eines Faltbikes zu schätzen wissen, wenn es darum geht, im ICE zum Bahnhof in der Arbeitsstadt zu pendeln und von dort aus die letzten Kilometer rasch zu radeln - und abends wieder heimwärts. Faltbikes dürfen dort nämlich mit hinein, weil sie als Gepäck durchgehen. Das Go-Cycle macht sich sehr klein und ist zusätzlich mit Elektroantrieb ausgestattet. Quelle: PR
In Südtirol ist man als Radfahrer ja schneller an empfindlichen Anstiegen als es der durchschnittliche Radfahrer wünscht. Die in Bozen ansässige Marke Leaos legt bei der Konstruktion von E-Bikes, die einen flott die Anstiege nach oben befördern, vor allem Wert auf das Design. Mit Holz und Leder lassen sich die Modell individuell konfigurieren. Quelle: PR
Aus alt mach neu - das ist das Motto von Senad Sarac, der seit Jahren unter dem Namen Levelo Bikes antike Fahrradteile aus allen Epochen sammelt und daraus neue einzigartige Räder zusammenbaut. Quelle: PR
In den Innenstädten haben sich Fahrradkuriere für kleinere Dinge schon lange etabliert. Als Transportmittel, um auch mal schwere Gegenstände von A nach B zu befördern, steht mit Cargorädern wie diesem der Marke HNF Heisenberg aus Berlin der nächste Erfolg vor der Tür. Quelle: PR

Als Karl Friedrich Christian Ludwig Freiherr Drais von Sauerbronn vor knapp 200 Jahren, am 12. Juni 1817, auf der von ihm entworfenen Laufmaschine zur ersten Zweiradfahrt der Weltgeschichte aufbrach, konnte er nicht ahnen, welcher Entwicklung er den Boden bereitete. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 15 Kilometern pro Stunde bewegte er die mehr als 22 Kilogramm schwere Holzmaschine von seinem Wohnort in Mannheim ins sieben Kilometer entfernte Schwetzingen. Bequem kann das nicht gewesen sein. Weder Luftbereifung noch Federung dämpften die Stöße des holprigen Bodenbelags.

Ein Statement war es gleichwohl. Denn Drais legte damals das zentrale, keineswegs selbstverständliche Prinzip des Zweiradantriebs fest: Der Fahrer muss das Rad in der Balance halten – und das Radeln erlernen. Während die meisten Kinder heute auf Laufrädern aus Holz (oder auch Schwarzmetallic-Stahl mit goldenen Felgen) spielerisch ihren Gleichgewichtssinn trainieren, mussten Anfang des 19. Jahrhunderts Erwachsene in Fahrschulen lernen, oben zu bleiben. Umso mehr, als Drais’ Laufmaschine sich zum Veloziped weiterentwickelte, zu einem Zweirad mit Kurbeln und Pedalen an einem großen Vorderrad, bei dem der Fahrer weit über dem Boden saß und entsprechend tief fallen konnte.

Immerhin: Der Hochsitz des Velozipeds war in der Kaiserzeit zugleich auch Sinnbild eines gehobenen Lebensstils: Ein Facharbeiter musste 1870 noch sieben Monatslöhne hinblättern, um eines zu erwerben.

Maßgeschneiderte Zweiräder

Die ersten Käufer ließen die in Werkstätten gefertigten Zweiräder oft maßschneidern; in vielen Städten bildeten sich elitäre Rad-Clubs: Das Veloziped reüssierte als Distinktionsmerkmal. In England schuf der Wagenbauer Denis Johnson das Pedestrian Curricle, das als hobby horse oder dandy horse bezeichnet wurde. Kurzum: Der Dandyismus umarmte damals die Möglichkeit, sich mit dem Veloziped von der Masse abzuheben. Er war in der Verknüpfung von modischer Kleiderwahl und avantgardistischem Transportmittel ein Vorbild für das, was dem heutigen Hipster sein Fixie ist.

Fixie, das kommt von fixed gear und steht für die starre Achse, die New Yorker Radkuriere nutzen, um sich mit schmal gesägten Lenkern durch den Autostau zu schlängeln. Gebremst wird beim Fixie allein durch die Rückwärtsbewegung der Pedale (kein Rücktritt!): Rollt das Rad, drehen die Pedale automatisch mit. Die alltagstauglichere, modische Version ist das Singlespeed, das hippe Ein-Gang-Fahrrad (mit Rücktritt und/oder Handbremse), das heute bevorzugte Fortbewegungsmittel von Großstadtbewohnern.

Die Kultur des Fixies mit seinem schlichten schlanken Stahlrohrrahmen ist so erfolgreich, dass auch moderne E-Bikes für mehrere Tausend Euro sich auf sein Design beziehen. Optische Reduktion mit elektrischem Doping – das ist die postmoderne Welt des Fahrrades, der Code für urbane Unabhängigkeit: Tatsächlich beugen sich heute Menschen in Straßenkleidung auf dem Weg zur Arbeit tief in den Untergriff wie einst Eddy Merckx, der Kannibale aus Belgien, wenn er auf den Zielkilometern einer Tour-de-France-Etappe seine Gegner vernichtete.

Wie ein Trend die Wirtschaft fördert
Im Trend: Radfahren Quelle: dpa
Wie gut ist es eigentlich um die Radwege in Deutschland bestellt? Quelle: dpa
Wie sicher ist das Fahrradfahren? Quelle: dpa
Reisen mit dem Rad - ist das noch zeitgemäß? Quelle: dpa
Unterstützen Radler die lokale Wirtschaft? Quelle: dpa

Warum aber ist das Fahrrad zur Ikone der Metropolenmoderne geworden? Weil Autos nicht mehr Schnelligkeit und Fortschritt, sondern Stau und Stillstand versinnbildlichen? „Es ist jedenfalls nicht die Werbung, die versucht, einen Gegenstand zu pushen“, sagt Rüdiger Goetz von der Designagentur kw43, die zwei deutsche Mountainbike-Produzenten betreut, sondern umgekehrt: „Die Werbung ist nur der Spiegel eines gesellschaftlichen Trends.“

Aber was ist es dann? Das Rad wird schließlich nicht nur als emissionsfreier mobiler Musterknabe gefeiert, sondern steht auch in der Kritik, vor allem seit Renn- und E-Biker dem Radeln alle Gemütlichkeit geraubt haben. Einerseits hat die Bewegung der Critical Mass, die mit Radkolonnen für die Rechte von Radfahrern demonstriert, viele Teile der westlichen Welt erobert: Städte wie Kopenhagen sind Vorreiter bei der Förderung des radkonzentrierten Innenstadt-Verkehrs. Andererseits gerät das Fahrrad neuerdings als Gefährt rücksichtsloser Rüpel in Verruf.

Diese E-Bikes werden von Experten empfohlen
Radler mit Elektrorädern sollen künftig Radwege nutzen können Quelle: dpa
Kategorie: CitybikeTestsieger: Centurion E-Fire Sport 408 Details: 2.149 Euro, Getriebenabe, Mittelmotor, 24,4 Kilo. Sehr ergonomischer und bequemer Rahmen. Dank hoher Rahmensteifigkeit läuft das Rad ruhig und spurstabil. Der starre Hinterbau schränkt den Fahrkomfort etwas ein. Federgabel und Tektro-Scheibenbremsen verrichten ihre Arbeit sehr gut. Ein Pedelec, das viel Spaß macht! Antrieb: Bosch Active Line 400 Wh Quelle/Getestet in: E-Bike 2/15, Note: 1,6 Quelle: PR
Kategorie: CitybikeTestsieger: Meridia E-spresso Sport 400 Details: 3.099 Euro, Getriebenabe, Mittelmotor, 25,6 Kilo. Antrieb: Bosch Active Line 400 Wh Sauber verarbeiteter Rahmen mit kompakter Geometrie. Die Sitzposition ist leicht sportlich, der Schwerpunkt liegt angenehm zentral. Das Fahrverhalten ist ausgewogen und gut kontrollierbar - ein echtes Spaßbike. Der kräftige Bosch-Performance-Motor und die stufenlose Nuvinci-Getriebenabe passen zum sportlichen Charakter des Testsiegers. Quelle/Getestet in: E-Bike 1/15, Note: 1,5 Quelle: PR
Kategorie: TiefeinsteigerTestsieger: Bergamont E-Ville C-N360 Details: 2.999 Euro, Getriebenabe, Mittelmotor, 26,5 Kilo. Neu definierter Tiefeinsteiger mit sportlichen Genen. Mustergültiges Fahrverhalten durch den sehr steifen Rahmen, aber der Komfort könnte höher sein. Die Antriebskombination aus kräftigem Motor und stufenloser Nuvinci-Nabe arbeitet einwandfrei. Ansprechendes Design, toll verarbeitet, hochwertig ausgestattet. Antrieb: Bosch Performance Line 400 Wh Quelle/Getestet in: E-Bike 1/15, Note: 1,5 Quelle: PR
Kategorie: TiefeinsteigerTestsieger: Falter E 8.8 Wave Details: 2.399 Euro, Getriebenabe, Mittelmotor, 25,3 Kilo. Zuverlässiger, sauber verarbeiteter Tiefeinsteiger, der spurtreu geradeaus rollt, dafür aber nicht maximal wendig ist. Die Kombination aus Antrieb und elektrisch schaltbarer Nexus-Getriebenabe funktioniert tadellos. Das Pedelec ist aufgeräumt und sauber verarbeitet. Antrieb: Shimano Steps 418 Wh Quelle/Getestet in: E-Bike 2/15, Note: 1,7 Quelle: PR
Kategorie: TiefeinsteigerPreis-Leistungs-Tipp: Corratec E-Power 2 Details: 2.399 Euro, Getriebenabe, Mittelmotor, 24,9 Kilo. Wendiger 26-Zöller mit tadellosen Fahreigenschaften. Bei Federgabel und Sattelstütze wurde zu sehr gespart: der Komfort leidet unter der wenig sensibel Gabel, auch wenn die 47 Millimeter breiten Reifen etwas von der Härte schlucken. Tadellos verarbeitet und alltagstauglich ausgestattet. Antrieb: Bosch Active Line 400 Wh Quelle/Getestet in: E-Bike 1/15, Note: 1,8 Quelle: PR
Kategorie: TourenräderTestsieger: Bergamont E-Line C XT Nyon Details: 3.199 Euro, Kettenschaltung, Mittelmotor, 22,7 Kilo. Dank des sehr steifen Rahmens wird die Kraft von Fahrer und Motor gut in Vortrieb umgesetzt. Trotz schmaler Reifen, aber dank toller Federgabel und entspannter Sitzposition, fährt sich das Rad komfortabel, das Fahrverhalten ist tadellos. Das Nyon-Display von Bosch bietet neben den üblichen Infos ein vollwertiger Navigationssystem und Fitnessfunktionen. Antrieb: Bosch Performance Line 400 Wh Quelle/Getestet in: E-Bike 1/15, Note: 1,6 Quelle: PR

Neuerdings? Nun, tatsächlich erteilten die Behörden in Deutschland erste Fahrverbote schon im 19. Jahrhundert. Im New Yorker Central Park waren zwischenzeitlich Hochräder verboten. Kutschfahrer bekämpften Radler. Vielleicht hat es seinen guten Grund, dass das Fahrrad heute zunehmend viel Zeit in deutschen Wohnzimmern verbringt?

Senad Sarac jedoch möchte mit den Unikaten seiner Marke Le Vélo keine Museumsstücke bauen. Er verlegt Kabel in alte Rohre für moderne LEDs in historischen Leuchten und erzählt davon, dass er bei Bedarf auch Akkus einbaut, damit seine Kunden auf dem Rad ihr Smartphone laden können. „Ich baue die Fahrräder für die Straße“, sagt Sarac, „und nicht fürs Museum."

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