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Angelina Jolie "Ich werde immer politischer"

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"Niemand sollte sich aus Schuldgefühl für Menschen einsetzen"

Sie suchen sich sperrige Themen aus – „Unbroken“ ist die Überlebensgeschichte des amerikanischen Soldaten Louis Zamperini, der im japanischen Gefangenenlager gefoltert wurde. Zuvor drehten sie ein blutiges Drama im jugoslawischen Bürgerkrieg, das kommerziell nicht reüssieren konnte.

Mein primäres Ziel ist nicht der kommerzielle Erfolg – auch wenn das meine Geldgeber gerne anders sehen würden. Aber ich will, dass ein Film für das Publikum zugänglich ist. Ein 15-Jähriger, der sich „Unbroken“ ansieht, braucht unterhaltsame Elemente, die die schwierigeren Teile des Films für ihn verdaulich machen. Ich wollte diese Geschichte verfilmen, weil ich in den Fußstapfen dieses außergewöhnlichen Mannes gehen wollte. Wobei ich nie gedacht hatte, dass man mir ein Projekt dieser Größenordnung anvertraut. Und mein Regiedebüt „In the Land of Blood and Honey“ entstand aus Zufall. Ich habe nach meinen Reisen durch die Krisengebiete der Welt für mich selber eine Geschichte über das Thema geschrieben, wie der Krieg zwischenmenschliche Beziehungen verdreht und entstellt. Wenn Brad sie nicht gelesen und vorgeschlagen hätte, dass ich sie verfilmen sollte, wäre ich wohl nie Regisseurin geworden.

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Auch mit „Unbroken“ erzählen Sie eine Kriegsgeschichte. Kommt die Affinität zu solchen Themen von Ihren Erfahrungen als UN-Botschafterin?

Die haben sicher damit zu tun. Ich bin seit rund 15 Jahren unterwegs und den unterschiedlichsten Menschen begegnet – Kriegsopfern, Flüchtlingen, die 15, 20 Jahre in Camps leben –, auch in Gebieten, wo sich die internationale Gemeinschaft nicht einschaltet. Und mit meinen Filmen versuche ich die Zuschauer auch für diese Themen zu sensibilisieren. „Unbroken“ dreht sich um die Wichtigkeit des Verzeihens. Louis Zamperini kehrte nach dem Krieg zurück und schüttelte seinen Gefängniswärtern die Hände, er besuchte Opfer von Hiroshima, er fühlte sich mit den Japanern verbunden. Er wusste, dass auf beiden Seiten Zivilisten starben. Deshalb zeige ich im Film auch die Bombardierung Tokios.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auf dieses Thema einließen?

2001 drehte ich in England und verfolgte den Bürgerkrieg in Sierra Leone in den Fernsehnachrichten. Nach meiner Rückkehr in die USA konnte ich jedoch nur noch wenige Informationen dazu finden, also kontaktierte ich das UN-Flüchtlingshilfswerk und fragte, ob ich nicht dorthin reisen und ihren Mitarbeitern über die Schulter schauen konnte. Und die Eindrücke dort veränderten mein Leben. Ich sah ein Flüchtlingscamp mit 500.000 Bewohnern, ich sah Menschen, denen man die Gliedmaßen abgehackt hatte, Menschen, die weinten, weil sie kein Essen für ihre Kinder hatten. Als ich zurückkam, wusste ich, dass ich mit meinem bisherigen Leben nicht mehr so weitermachen konnte. Im Vergleich dazu waren meine eigenen Sorgen so lächerlich.

Diese Länder beherbergen die meisten Flüchtlinge
Platz 10: IrakFlüchtlinge: 246.300 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,85  Prozent*   *Der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung in diesem und den folgenden Bildern entstammt eigenen Berechnungen. Quelle: AP
Platz 9: USAFlüchtlinge: 263.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0008  Prozent Quelle: dpa
Platz 8: ChinaFlüchtlinge: 301.000 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0002  Prozent Quelle: dpa
Platz 7: ÄthiopienFlüchtlinge: 433.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,45  Prozent Quelle: obs
Platz 6: TschadFlüchtlinge: 434.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 4 Prozent Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: KeniaFlüchtlinge: 534.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,4 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 4: TürkeiFlüchtlinge: 609.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,8 Prozent Quelle: REUTERS

Wollen Sie mit Ihrem Engagement auch Ihr Gewissen besänftigen? Immerhin leben Sie weiterhin in einer Luxusblase.

Nein. Niemand sollte sich für diese Menschen einsetzen, weil er sich schuldig fühlt. Das würde bedeuten, dass man sie bemitleidet. Und keiner auf der Welt möchte bemitleidet werden.

Wie viel menschliches Leid haben Sie selbst erfahren?

Nichts, was sich mit dem vergleichen ließe, was all diese Menschen erlitten haben. Die schlimmste Erfahrung war es, als ich 2007 meine Mutter an den Krebs verlor. Aber ich spüre eine enge Verbindung zu traumatisierten Menschen. Ich habe Kinder in den Armen gehalten, die von Bombenangriffen im Schockzustand waren, ich habe viele Nächte mit Flüchtlingen verbracht, die mir ihre Lebensgeschichte erzählten, ich habe etliche Frauen gesprochen, die vergewaltigt wurden. Ich weiß also bis zu einem gewissen Grad, was diese Erfahrungen bedeuten – so dankbar ich dafür bin, dass ich sie selbst nicht durchmachen musste.

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