Arbeitsmarkt 2016 Zahl der Jobsucher auf Rekordtief

Mit einer historisch niedrigen Arbeitslosigkeit hat sich 2016 als ein starkes Jahr erwiesen. Für 2017 dämpft Bundesagentur-Chef Weise allerdings die Erwartungen.

Wann es Zeit für einen Jobwechsel ist
FrustWenn Sie gar keine Freude mehr an dem haben, was Sie tun, wenn Sie schon morgens mit Bauchschmerzen aufstehen und die positivste Stimmung, zu der Sie an der Arbeit fähig sind, eine genervte Grundhaltung ist, sollten Sie darüber nachdenken, ob Sie dauerhaft so weitermachen wollen. Die Düsseldorfer Outplacement-Beraterin Heike Cohausz rät in einem solchen Fall: "Stellen Sie sich zunächst folgende Fragen: Was genau hat meinen Frust ausgelöst? Wieso möchte ich nicht mehr mit meinem Chef arbeiten? Welche konkreten Situationen haben dazu geführt, dass ich gehen will?" Können Sie die Faktoren, die Ihren Frust auslösen, nicht verändern oder beeinflussen, sollten Sie ernsthaft über einen Jobwechsel nachdenken. Quelle: Fotolia
Ein Mitarbeiter der Firma Miele hält am Mittwoch (02.05.2012) in Lehrte am Firmengelände anlässlich eines Warnstreiks ein Plakat mit der Forderung nach 6,5 Prozent Gehalt hoch. Quelle: dpa
Gestiegene AnforderungenImmer mehr, immer schneller: Sie müssen immer mehr Arbeit bestenfalls in der gleichen, am liebsten aber in der Hälfte der Zeit, erledigen? Kollegen, die in den Ruhestand gehen oder kündigen werden nicht ersetzt, sondern die Arbeit bleibt an den übrigen Mitarbeitern hängen? Wenn es sich nicht nur um kurze Stressphasen - beispielsweise wegen Urlaubs- oder Krankheitsvertretungen - handelt, sind stetig steigende Anforderungen ohne entsprechende (pekuniäre) Würdigung für 17 Prozent ein Grund für eine Kündigung. Wenn Sie dem wachsenden Arbeitsberg nicht mehr Herr werden und auch keine Besserung in Sicht ist, wäre ein Jobwechsel eine Option. (Quelle: Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services unter 2200 Beschäftigten) Quelle: Fotolia
LangeweileDoch auch das Gegenteil gibt es häufig: Die Aufgaben, die Sie zu erledigen haben, sind überschaubar - und vor allem monoton. Sie langweilen sich nine to five. Bei einer Umfrage des Personaldienstleisters Robert Half unter mehr als 2400 Fachkräften sagte beispielsweise jeder zweite deutsche Arbeitnehmer, dass er für die Chance auf mehr Abwechslung sofort bei einem neuen Arbeitgeber anheuern würde. Und ein Jobwechsel kann dann tatsächlich etwas bewirken. Die Experis-Umfrage unter 1049 Jobwechslern zeigt, dass 46 Prozent derer, die den Schritt gewagt und gekündigt haben, ihre Tätigkeit nun für vielfältiger halten. Ein Viertel der Studienteilnehmer bemerkte, dass sich das sehr positiv auf die eigene Motivation auswirkte. Quelle: dpa
Blick auf das Hermsdorfer Kreuz in Thüringen, Schnittstelle der Autobahnen 4 und 9 Quelle: dpa/dpaweb
Zeit für die FamilieOb wegen Pendelei, Arbeitsberg oder Überstunden - manchmal fehlt einfach die nötige Zeit für Freunde, Familie und Privatleben. In diesem Fall müssen Sie sich die Frage stellen, ob Ihnen Ihr Job das Wert ist. "Jede Lebenssituation ist anders und auch die Ziele können im Lauf der Zeit variieren", sagt Beraterin Cohausz. Wenn es für den Berufseinsteiger noch völlig in Ordnung war, 60 Stunden die Woche zu arbeiten und durch die Welt zu jetten, ist dieses Modell für junge Eltern gänzlich ungeeignet. Auch für den älteren Arbeitnehmer wäre ein anderes Arbeitsmodell eventuell sinnvoll, auch wenn das alte Jahre lang gut funktioniert hat. "Ein Seiten- oder Rückschritt kann für eine ruhigere Phase im Leben, etwa um mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können, sinnvoll und wichtig sein", sagt Cohausz. Auch ein Funktions- oder Branchenwechsel können sinnvoll sein. Fragen Sie sich: Wo möchte ich in zehn Jahren stehen? Bringt mich der Schritt dorthin? Ist mir Führungsverantwortung wirklich wichtig? Quelle: Fotolia
KarrierechancenFür viele soll es allerdings nicht seit- oder rückwärts, sondern nach vorne gehen. Aber viele können in ihrem Unternehmen maximal 67 werden, mehr geben die Perspektiven nicht her. Wer mehr von seinem Berufsleben möchte, muss sich in diesem Fall nach einem neuen Job umsehen. Tiemo Kracht, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Kienbaum empfiehlt unzufriedenen Arbeitnehmern zu überprüfen, ob die Unternehmens- und Ertragsentwicklung eine tragfähige Basis für eine weitere Karriere bietet. " Wenn die nächste Führungsebene, für die Sie sich vorbereitet haben, mit einem Kandidaten besetzt wird, der jünger, im gleichen Alter oder geringfügig älter ist, kann der nächste Karriereschritt auf Jahre versperrt sein", sagt er. Quelle: Fotolia
Burn-outDie Zahl der Gestressten und psychisch Erkrankten wächst seit Jahren bedenklich. Burn-out gilt längst als Volkskrankheit. Psychologen attestieren immer mehr Arbeitnehmern, vollkommen ausgebrannt zu sein. Überall schwelt der Frust. Und mit ihm die Bereitschaft, den Job zu wechseln. Wer wegen Überlastung im Job psychische Probleme bekommt, sollte neben einer Therapie unbedingt auch über einen Job- oder zumindest Arbeitsplatzwechsel nachdenken. Quelle: Fotolia
Unmögliche ArbeitszeitenEin Auslöser für Burn-out, zumindest aber ein Garant für Unzufriedenheit und damit den Wunsch nach einem Jobwechsel, sind unmögliche Arbeitszeiten. Für 32 Prozent der Arbeitnehmer sind immer längere Arbeitszeiten und regelmäßige Überstunden ein Grund, den Arbeitgeber zu wechseln. Quelle: Fotolia
ArbeitsklimaAber nicht nur die Bedingungen, die das Unternehmen seinen Mitarbeitern aufoktroyiert, können die Lust am Arbeiten schmälern, auch das vorherrschende Arbeitsklima kann ein Motivationskiller sein. Wenn Sie weder mit Ihrem Chef noch den Kollegen auf Dauer zusammen arbeiten können oder wollen, müssen Sie gehen. Sonst machen Sie sich unglücklich. "Spaß und Freude an der Aufgabe und jeden Morgen gerne ins Büro zu gehen, sind absolute Voraussetzung für einen erfolgreichen Job. Nur lassen sich die eigenen Stärken voll für das Unternehmen einsetzen", bestätigt auch Heike Cohausz von P4 Career Consultants. Und die Experis-Studie zeigt, dass ein Drittel der Jobwechsler das Arbeitsklima im neuen Unternehmen als angenehmer empfindet. Das hat laut Experis-Geschäftsführer Attilio Berni aber nicht zwangsläufig etwas mit netteren Vorgesetzten oder Kollegen zu tun. "Vielmehr kommen die Mitarbeiter positiv eingestellt in den neuen Job, was sich auf ihr Umfeld auswirkt", sagt Berni. Quelle: Fotolia

In Deutschland waren 2016 so wenige Menschen arbeitslos wie seit 25 Jahren nicht mehr. Trotz Flüchtlingszuwanderung und weltwirtschaftlicher Risiken erwies sich der deutsche Arbeitsmarkt als konjunktureller Stabilitätsanker. „2016 war ein starkes Jahr für den Arbeitsmarkt, besser als 2015 und besser als wir erwartet haben“, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, am Dienstag in Nürnberg. Zugleich dämpfte er die Erwartungen für 2017: „Nach dem guten Jahr 2016 haben wir das Ziel, das Gute zu wiederholen.“ Angesichts der bereits historisch niedrigen Arbeitslosigkeit wäre es schon ein Erfolg, wenn diese nicht steigen würde.

Mit durchschnittlich 2,691 Millionen sei die Zahl der Erwerbslosen auf den niedrigsten Stand seit einem Vierteljahrhundert gesunken, berichtete die BA in ihrer Jahresbilanz. Dies seien 104.000 weniger Menschen ohne Job als im Jahr davor. Abermals gesunken ist auch die Jahresarbeitslosenquote, sie ging um 0,3 Punkte auf 6,1 Prozent zurück. Profitiert habe der Arbeitsmarkt 2016 sowohl von der guten Binnenkonjunktur als auch vom starken Export, sagte Weise.

Robust zeigte sich der deutsche Arbeitsmarkt auch zuletzt im Dezember: Zwar stieg die Zahl der arbeitslosen Männer und Frauen witterungsbedingt um 36 000 auf 2,568 Millionen. Der Anstieg lag aber unter dem Durchschnitt der vergangenen drei Jahre. Im Vergleich zum Vorjahr gab es in Deutschland zum Jahresende 113.000 weniger Jobsucher. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,1 Punkt auf 5,8 Prozent.

Zählt man allerdings auch jene Jobsucher hinzu, die derzeit Aus- und Fortbildungsmaßnamen absolvieren und daher in der offiziellen Arbeitslosenstatistik nicht auftauchen, gab es im Dezember 3,565 Millionen Menschen ohne Arbeit. Die sogenannte Unterbeschäftigung war zuletzt durch die steigende Zahl erwerbsloser Flüchtlinge, die derzeit noch an Sprach- und Eingliederungskursen teilnehmen, spürbar gestiegen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zeigte sich in ihrem Ausblick am Dienstag dennoch zuversichtlich: „Es spricht viel dafür, dass der Arbeitsmarkt auch im neuen Jahr aufnahmefähig und der Schwung erhalten bleibt“, heißt es in einer Erklärung der Ministerin. Zwar wirkten sich die Wintermonate Januar und Februar dämpfend aus. „Aber die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt ungebrochen, sie steigt zum Jahresende nochmals an und liegt deutlich über dem Vorjahr“, betonte Nahles.

Erneut leicht gestiegen ist die Zahl der Flüchtlinge, die auf eine Arbeit hoffen. Insgesamt waren im Dezember 425.000 als arbeitssuchend registriert, 164.000 davon galten als arbeitslos. Ihre Zahl ist binnen eines Jahres um gut 60 000 gestiegen. Zugleich finden aber auch immer mehr Flüchtlinge eine Arbeit. Im Oktober 2016 hatten zuletzt 123.0000 Menschen aus acht Asylherkunftsländern außerhalb Europas einen sozialversicherungspflichtigen Job - 37 000 mehr als im Oktober 2015.

Sechs Tipps für Jobsucher

Nicht mehr ganz so rasant wie in der ersten Jahreshälfte 2016 stieg zuletzt die Zahl der Erwerbstätigen. Mit 43,82 Millionen lag sie im November nur noch um 297 000 höher als vor einem Jahr. Dasselbe gilt für die sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze: Ihre Zahl lag nach Hochrechnungen der Bundesagentur im Oktober bei 31,73 Millionen - und damit nur noch um 363 000 höher als vor einem Jahr. Im Juni 2016 hatte der entsprechende Zuwachs noch bei 602 000 gelegen.

Forderungen des Bunds der Steuerzahler nach einer Senkung der Arbeitslosenbeiträge wies Weise derweil zurück. Er erinnerte dabei an die Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2009 und 2010. „Damals haben wir ohne Steuer- und Beitragsmittel rund 17 Milliarden Euro aus den BA-Rücklagen gegen die Krise geschoben“, sagte Weise. Mit dem Geld seien damals Kurzarbeitergeldprogramme finanziert worden, um Entlassungen im größeren Stil zu verhindern. „Daher stellt sich für mich momentan nicht die Frage, jetzt das Geld zu verteilen.“

Die Bundesagentur hatte im Jahr 2016 erneut einen größeren Überschuss erwirtschaftet und damit ihre Rücklagen auf mehr als 11 Milliarden Euro erhöht. Der Bund der Steuerzahler hatte sich daraufhin dafür ausgesprochen, den Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung von derzeit 3,0 auf 2,5 Prozent zu senken. Für eine Beitragssenkung hatten sich auch der Freiburger Ökonom und „Wirtschaftsweise“ Lars Feld und der Vizechef der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Michael Fuchs, ausgesprochen.

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