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Arbeitsmarkt Teure Joblegionäre

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Steffen Helke Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

Doch nicht nur der Verlust an Humankapital ist ein Problem für die Volkswirtschaft. Wer sich über Jahre hinweg mit befristeten Jobs durchschlagen muss, hält sein Geld lieber zusammen, als es auszugeben. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass von Arbeitslosigkeit bedrohte Haushalte rund zehn Prozent weniger konsumieren als jene mit sicheren Einkommen. Und schließlich drohen auch Qualitätsverluste bei der Arbeit. „Bei befristeten Beschäftigungsverhältnissen schleicht sich oft eine Legionärsmentalität ein“, warnt Walter Bungard, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim. Der Mitarbeiter sei weniger loyal, das Engagement sinke.

Wer beispielsweise an einer Hochschule eine Vorlesung nur ein oder zwei Semester halten darf, hat weder einen Anreiz für gehaltvolle Vorträge noch ausreichend Gelegenheit, didaktische Mängel beim nächsten Mal abzustellen. Der ständige Kampf um einen Anschlussvertrag kostet zudem Zeit und Nerven. „Und wenn ein Mitarbeiter ein Unternehmen verlässt, geht auch immer Erfahrungswissen verloren. Die Einarbeitungszeit für neue Leute ist oft lang“, sagt Psychologe Bungard.

Besser als gar kein Job

Aber es gibt auch die andere Seite. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten bietet die befristete Jobs für Arbeitgeber ein ökonomisches Ventil, das ihnen einen flexiblen Personaleinsatz erlaubt. Ein Job mit Verfallsdatum ist besser als gar keiner, und für viele Arbeitnehmer bietet er ein Sprungbrett in eine dauerhafte Anstellung: Immerhin fast die Hälfte aller befristeten Arbeitsverträge sind im vergangenen Jahr nach deren Ende „entfristet“ worden.

Ob eine Anstellung auf Zeit zu einer dauerhaften wird, hängt davon ab, wie das Unternehmen die befristete Beschäftigung nutzt. Für Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe dient die Befristung gern als verlängerte Probezeit, weiß IAB-Forscher Walwei, dort sei die Übernahmequote überdurchschnittlich. Im öffentlichen Dienst hingegen wird die Anstellung auf Zeit genutzt, um auf Arbeitsschwankungen flexibel zu reagieren. „Den Mitarbeitern wird dort im Vergleich zur Privatwirtschaft nur sehr selten gekündigt, wenn jemand einmal unbefristet angestellt ist, bleibt er auch auf der Stelle,“ erklärt Christian Hohendanner vom IAB. Deshalb sei die befristete Beschäftigung das einzige flexible Instrument, was die Arbeitgeber dort zur Verfügung haben. Und das nutzen sie auch: Nach den aktuellsten Auswertungen waren 2006 67 Prozent aller Neueinstellungen in der öffentlichen Verwaltung befristet. Dagegen wurden dort nur weniger als ein Viertel der Mitarbeiter mit befristeten Verträgen in unbefristete übernommen.

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    Die Lage für Hochqualifizierte könnte sich als Folge des demografischen Wandels künftig etwas entspannen. „Es wird künftig immer schwieriger für die Unternehmen, Fachkräfte zu bekommen und zu halten“, sagt Walwei. Sie müssten deshalb entsprechend reagieren – und den begehrten Arbeitskräften stabilere Verhältnisse bieten als heute. Darauf hofft auch Steffen Helke. Er hat genug von der Wissenschaft – und will demnächst in der privaten Wirtschaft nach einem dauerhaften Job suchen.

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