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Arbeitsmarkt Wie viel Flexibilität ist möglich?

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Wie prägen zahlreiche Umzüge Quelle: REUTERS

Angenommen der Arzt sagt zu Ihnen: „Es tut mir leid, aber Sie müssen Ihr Leben, alles, was Sie bisher getan haben, Ihre kompletten Pläne und Ziele ändern – oder Sie werden sterben.“ Gemeint sind also nicht so triviale Dinge, wie das Rauchen aufzuhören. Der Arzt fordert einen radikalen Wechsel: Beruf, Privatleben, Familie – nichts bleibt, wie es ist.

Vielleicht stehen Sie kurz vor dem Höhepunkt Ihrer Karriere, wollen das eine große Projekt unbedingt noch abschließen. Doch daraus wird nichts. Um weiterzuleben, müssten Sie kündigen, wegziehen, Freunde verlassen, neu anfangen – auch mit dem Arbeitspensum und dem gesellschaftlichen Status. Und das binnen weniger Tage. Es wäre eine Art Zeugenschutzprogramm für jemanden, der gerade Al Capone verpfiffen hat – nur auf Rezept. Könnten Sie das?

Neun von zehn können es nicht, so das Ergebnis der Umfrage damals. Selbst diejenigen konnten es nicht, die bereits einige Bypässe hatten. Lieber gingen sie an ihrer Beharrlichkeit und ihren Plänen zugrunde. Um das zu verstehen, muss man womöglich erst einmal begreifen, wie Gewohnheiten wirken und warum wir so vehement an ihnen festhalten. Wer beispielsweise nur einmal die Hände anders faltet als sonst, wird sich sofort unbehaglich fühlen. Die US-Psychologin Dawna Markova hat herausgefunden, dass Menschen rund zwei Wochen brauchen, um sich allein an eine solch simple Geste zu gewöhnen. Bis dahin feuert das Gehirn unablässig Alarmsignale ans Bewusstsein.

So funktioniert das auch in weitaus bedeutenderen Bereichen. Wie Hirnforscher heute wissen, lernt unser Gehirn praktisch von außen nach innen. Üben wir eine neue Fähigkeit ein, wird zunächst die Großhirnrinde aktiv. Dort sitzt die Zentrale für unser bewusstes Tun. Je häufiger wir einen solchen Ablauf wiederholen, desto mehr verselbstständigt er sich, und die Hirnsignale wandern ins Hirninnere – bis sie sich schließlich als Routine im limbischen System festsetzen. Der Effekt: 95 Prozent unserer täglichen Entscheidungen erreichen unser Bewusstsein gar nicht mehr, hat zum Beispiel der Harvard-Professor Gerald Zaltman festgestellt. Wir handeln automatisch, routiniert eben.

Mühsal stetig neuer Entscheidungen

Nun bewahren solche Rituale jedoch nicht nur vor der Mühsal stetig neuer Entscheidungen. Sie wiegen uns auch in Sicherheit und lullen uns ein in scheinbare Geborgenheit. Während sich alles um uns herum bewegt, bilden Gewohnheiten feste Konstanten – eine Art intellektuellen Hafen, in den man sich flüchten kann, wenn es draußen turbulent wird. Dumm nur, wenn sich die Katastrophe von der Landseite her anbahnt. So erzielen Traditionen regelmäßig ihre desas-tröseste Wirkung in Gruppen und Organisationen. Experimente zeigen immer wieder: Wenn Teammitglieder versuchen, eine Entscheidung zu treffen, dann verbringen sie die meiste Zeit damit, anderen Dinge zu erzählen, die sie schon alle wissen. Kaum einer ist bereit, neue Aspekte einzubringen oder Informationen zu teilen, die nur er oder sie besitzt. Teils aus strategischem Interesse, teils aber auch aus Sorge, die kühnen Gedanken könnten eben deshalb, weil sie so ungewohnt sind, Hohn und Spott auslösen.

Genau deshalb bringen im Management auch Appelle, Belehrungen und Modernisierungsprogramme so wenig: Egal, wie überzeugend sie formuliert sind – den tradierten Verstand erreichen die Argumente nicht. „Veränderungen bedeuten Konflikte, und die lassen sich nicht immer wegkommunizieren“, warnt auch der Change-Management-Experte Torsten Oltmanns. „Wer Veränderungen erklärt bekommt, muss sie noch lange nicht akzeptieren.“ Mit Routinen ist es daher eher so wie mit Suchmaschinen-Einträgen: Die lästigen kriegt man aus dem Cache so schnell nicht heraus, man kann sie nur durch bessere verdrängen. Wie ist es dann aber zu erklären, dass einige Menschen von Natur aus anpassungsbereiter sind als andere? Solche bewundernswerten Typen haben anscheinend nicht nur sensible Antennen für Umschwünge und erkennen früh die Zeichen der Zeit – sie ziehen daraus auch ohne Vorbehalte Konsequenzen oder suchen die Neuerungen geradezu.

Jedes Jahr irgendwo beworben

Der ehemalige Manager und heutige Coach Roland -Jäger zum Beispiel hat sich in seiner Zeit als Führungskraft jedes Jahr irgendwo beworben – als, wie er es nennt, „Realitäts-Check“: „Ich wollte sehen, was es neben meinem Job noch Spannendes gibt – und ich wollte wissen, ob ich für andere Arbeitgeber noch attraktiv bin.“ Laut Psychologen spielt die Kindheit für derlei Einstellungen eine entscheidende Rolle. Überbehütete Kinder, die etwa von ihren Eltern in Watte gepackt wurden, haben auch nie gelernt, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Werden sie später vor eine Wahl mit weitreichenden Konsequenzen gestellt, fehlt ihnen das Selbstvertrauen, die Situation zu meistern. Die Folge: Sie reagieren mit Abwehr und teils irrationalen Ängsten.

Auch die persönlichen Erfahrungen sind ausschlaggebend. Wenn etwa die Eltern fünfmal berufsbedingt umziehen und sich die Kinder permanent ein neues soziales Umfeld suchen mussten, kommt es drauf an, wie sie diese häufigen Ortswechsel erlebt haben: Fanden sie stets neue Freunde? Zogen sie in eine schönere Stadt? Oder war der Wandel geprägt durch immer neue Isolation und einen stetigen Abstieg? „Letzteren fehlt dann einfach die Fähigkeit, in der Veränderung etwas Gutes zu sehen“, sagt die Berliner Psychologin und Trainerin Birgit Permantier. Doch jedes Mal, wenn man versucht, seine Ängste zu verdrängen, „werden sie stärker“, betont der Heidelberger Psychologe Roland Kopp-Wichmann, der dazu gerade ein Buch veröffentlicht hat („Ich kann auch anders“). Durch äußeren Druck ließen sich eingefahrene Verhaltensmuster zwar zum Teil ändern, nachhaltiger aber sei, die vorhandenen Ängste zu verbalisieren und durch andere, bessere Gefühle zu ersetzen.

Geradezu meisterhaft hat das der jüdische Psychologe Viktor Frankl seinerzeit gelöst – jedoch unter schlimmsten Umständen: Die Nazis deportierten den Wiener 1944 in das Konzentrationslager in Türkheim. Er überlebte und verarbeitete seine Erfahrungen später in einem Buch. So wunderte sich Frankl, warum einige der Häftlinge trotz inhumanster Bedingungen offenbar fähiger waren zu überleben als andere. Dabei erkannte er, dass diejenigen bessere Chancen hatten, die in dieser Hölle dennoch einen Sinn sahen oder ihr zumindest einen gaben. Frankl selbst etwa klammerte sich an die Vorstellung, später einmal Vorlesungen darüber zu halten, wie sich ein solches Lager auf die Psyche auswirkt – was Jahre später auch geschah.

Und so ist denn auch Veränderungsbereitschaft keine übernatürliche Gabe. Vielmehr beruht sie auf Verhaltensmustern, die man sich ab- beziehungsweise antrainieren kann. „Persönlichkeitsmerkmale sind zwar recht stabil“, sagt der Trierer Arbeitspsychologe Conny Antoni, „doch wenn Menschen das Gefühl bekommen, durch den Wandel erfolgreich sein zu können oder selber Einfluss darauf zu nehmen, sinkt der Widerstand merklich.“ Gewiss, sich seinen Ängsten zu stellen und sie als unbegründet zu entlarven, erfordert einen Kraftakt. Aber die Mühe lohnt sich: Die Vorwärtsverteidigung verschafft einem nicht nur eine Kon-troll-erfahrung, sondern meist auch mehr Lebenszufriedenheit. Oder, wie es der Schriftsteller Martin Mosebach einmal formulierte: „Man muss sich um das Neue keine Sorgen machen. Das kommt ganz von selbst.“

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