WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Arbeitsmarkt Wie viel Flexibilität ist möglich?

Unternehmen, Märkte, Technik, Lebensmodelle – alles verändert sich rasant. Noch nie wurde von den Menschen so viel Anpassungsfähigkeit verlangt. Aber kann man das überhaupt?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Wiedersheimi-Chamaeleon: Von Quelle: AP

Es gibt da diesen alten Witz. Der Optimist sagt: „Das Glas ist halb voll.“ Der Pessimist sagt: „Das Glas ist halb leer.“ Der Pragma-tiker hingegen schaut die beiden nur schief an und sagt dann halb im Spaß: „Das Glas ist doppelt so groß wie es sein müsste.“ Ist das nur ein Witz? Die Anekdote besitzt längst den Charakter einer zeitgemäßen Parabel. Recht haben zwar alle drei. Doch während die ersten beiden im Alltag meist noch weltanschaulich darüber debattieren, wohin sich das Trendbarometer „Füllmenge“ entwickeln wird, hat der Dritte nüchtern die Rahmenbedingungen erfasst und kann sich diesen bequem anpassen – austrinken oder nachschenken. Die Haltung ist heute geradezu überlebenswichtig.

Kaum ein Begriffspaar ist in den vergangenen Jahren so sehr strapaziert worden wie das sperrig klingende Duo der Flexibilität und der Anpassungsfähigkeit. Arbeitsforscher, Managementexperten, Organisationspsychologen – egal, wen man fragt: Alle beteuern unisono, dass die Arbeitswelt sich radikal gewandelt hat und auch weiterhin rasant verändern wird. Und nur wer sich schnell genug darauf einstellen kann, heißt es, profitiert davon. Ständige Projektwechsel, Auslandseinsätze und der technische Fortschritt machen das unumgänglich. Vom lebenslangen Lernen ganz zu schweigen.

Es ist das Hohelied auf den Fortschritt, die Marktwirtschaft, den Wettbewerb und das Darwin’sche Prinzip, das nicht der Fitteste überlebt, sondern der Anpassungsfähige. Das stimmt. Macht einer wachsenden Zahl allerdings auch enorme Angst. Nicht wenige erkennen darin inzwischen nicht nur Chancen, sie haben Sorge, überhaupt noch Schritt halten zu können, und fühlen sich hoffnungslos überfordert.

Persönlich stark über künftige Entwicklung in Deutschland verunsichert

Erst vergangene Woche veröffentlichte TNS Emnid im Auftrag der Job AG eine repräsentative Umfrage, in der 39 Prozent der Berufstätigen angaben, über die künftige Entwicklung in Deutschland persönlich stark verunsichert zu sein, 27 Prozent bezogen das zudem auf die wirtschaftliche Situation ihres Unternehmens. Die Menschen in diesem Land spüren: „Das dicke Ende kommt noch.“ – Aber sie reagieren darauf höchst unterschiedlich. Im klassischen Sinn beschreibt der Begriff der Anpassungsfähigkeit zunächst einmal Menschen, die in der Lage sind, sich auf neue Anforderungen ihrer Umwelt einzustellen. Manche dieser Umstellungen sind vorhersehbar, allen bleibt genug Zeit, sich darauf einzustellen.

Andere kommen überraschend. So wie bei dieser Wirtschaftskrise, die scheinbar immer neue, dramatischere Wendungen nimmt. Oder der Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull, der den gesamten europäischen Luftverkehr zum Erliegen brachte. Solche Umschwünge treffen die meisten unvorbereitet. Doch das wäre nicht weiter schlimm, solche Überraschungen passieren jeden Tag. Oder wie Benjamin Franklin einst spottete: „Im Leben ist nichts sicher, außer der Tod und die Steuer.“

Problematisch wird es erst dann, wenn wir uns dabei ohnmächtig fühlen, wenn wir das wahre Ausmaß nicht einschätzen können und mit zu vielen Variablen kalkulieren müssen. Denn was für den einen nur eine leichte Veränderung seines Verhaltens impliziert, kann für den anderen schon eine komplette Kehrtwende im Denken und Handeln bedeuten. Nicht wenigen Menschen fällt das auch deshalb so schwer, weil es sie zu einem radikalen Bruch mit Traditionen und liebgewonnenen Gewohnheiten zwingt. Die Fähigkeit dazu ist nicht unbedingt eine deutsche Tugend. Unflexibel und immobil seien die Deutschen, lauten die Vorwürfe immer wieder. Und zum Teil stimmt das auch.

Nur ein Beispiel: Wie eine EU-Studie vor zwei Jahren feststellte, pendeln die meisten hierzulande lieber zur Arbeit als an den Arbeitsort zu ziehen. 41 Prozent nehmen dafür sogar mindestens zwei Stunden tägliche Fahrzeit in Kauf. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kam wiederum Ende des vergangenen Jahres zu dem Ergebnis, dass selbst zwei Drittel der Hartz-IV-Empfänger sich nicht vorstellen können, für einen Job umzuziehen. Es scheint sogar so, dass einige Studiengänge flexibler machen als andere – oder zumindest einen bestimmten Menschenschlag anziehen. Während den Ingenieuren bis dato der Ruch anhaftet, besonders heimatverbunden und starr zu sein, zählen die Physiker auf dem Arbeitsmarkt seit Jahren zu den Akademikern mit dem breitesten Einsatzspektrum.

Von den rund 93 000 erwerbstätigen Physikern im Jahr 2007 arbeiteten drei Viertel nicht in ihrem Fachgebiet. Stattdessen verdienten sie ihren Lebensunterhalt als Informatiker oder Mathematiker (15 Prozent) oder in Ingenieurberufen (7 Prozent). Andere zog es in völlig fachfremde Gefilde: Mehr als jeder Zehnte arbeitete als Unternehmensberater oder Manager. Und jeder Dreißigste fand als Patentanwalt, Politiker oder in Dienstleistungssparten sein Auskommen.

Die große berufliche Flexibilität zahlt sich offenbar auch finanziell aus: Nach Angaben des Hochschulinformationssystems lag das Jahresbrutto eines Physikers zehn Jahre nach seinem Abschluss 25 Prozent über dem Durchschnitt aller Universitätsabsolventen. Vor einigen Jahren veröffentlichte das US-Magazin „Fast Company“ eine Titelgeschichte mit dem Titel „Change or Die“ – verändere dich oder stirb. Das klang ein wenig martialisch, trifft aber ganz gut die heutige Realität zahlreicher Unternehmen – vor allem jener, die sich beharrlich allem Wandel verweigern. Die zentrale Frage des Artikels damals war jedoch auf den Einzelnen gemünzt und lautete: „Könnten Sie Ihr Leben umkrempeln, wenn Sie es müssten?“

Wie prägen zahlreiche Umzüge Quelle: REUTERS

Angenommen der Arzt sagt zu Ihnen: „Es tut mir leid, aber Sie müssen Ihr Leben, alles, was Sie bisher getan haben, Ihre kompletten Pläne und Ziele ändern – oder Sie werden sterben.“ Gemeint sind also nicht so triviale Dinge, wie das Rauchen aufzuhören. Der Arzt fordert einen radikalen Wechsel: Beruf, Privatleben, Familie – nichts bleibt, wie es ist.

Vielleicht stehen Sie kurz vor dem Höhepunkt Ihrer Karriere, wollen das eine große Projekt unbedingt noch abschließen. Doch daraus wird nichts. Um weiterzuleben, müssten Sie kündigen, wegziehen, Freunde verlassen, neu anfangen – auch mit dem Arbeitspensum und dem gesellschaftlichen Status. Und das binnen weniger Tage. Es wäre eine Art Zeugenschutzprogramm für jemanden, der gerade Al Capone verpfiffen hat – nur auf Rezept. Könnten Sie das?

Neun von zehn können es nicht, so das Ergebnis der Umfrage damals. Selbst diejenigen konnten es nicht, die bereits einige Bypässe hatten. Lieber gingen sie an ihrer Beharrlichkeit und ihren Plänen zugrunde. Um das zu verstehen, muss man womöglich erst einmal begreifen, wie Gewohnheiten wirken und warum wir so vehement an ihnen festhalten. Wer beispielsweise nur einmal die Hände anders faltet als sonst, wird sich sofort unbehaglich fühlen. Die US-Psychologin Dawna Markova hat herausgefunden, dass Menschen rund zwei Wochen brauchen, um sich allein an eine solch simple Geste zu gewöhnen. Bis dahin feuert das Gehirn unablässig Alarmsignale ans Bewusstsein.

So funktioniert das auch in weitaus bedeutenderen Bereichen. Wie Hirnforscher heute wissen, lernt unser Gehirn praktisch von außen nach innen. Üben wir eine neue Fähigkeit ein, wird zunächst die Großhirnrinde aktiv. Dort sitzt die Zentrale für unser bewusstes Tun. Je häufiger wir einen solchen Ablauf wiederholen, desto mehr verselbstständigt er sich, und die Hirnsignale wandern ins Hirninnere – bis sie sich schließlich als Routine im limbischen System festsetzen. Der Effekt: 95 Prozent unserer täglichen Entscheidungen erreichen unser Bewusstsein gar nicht mehr, hat zum Beispiel der Harvard-Professor Gerald Zaltman festgestellt. Wir handeln automatisch, routiniert eben.

Mühsal stetig neuer Entscheidungen

Nun bewahren solche Rituale jedoch nicht nur vor der Mühsal stetig neuer Entscheidungen. Sie wiegen uns auch in Sicherheit und lullen uns ein in scheinbare Geborgenheit. Während sich alles um uns herum bewegt, bilden Gewohnheiten feste Konstanten – eine Art intellektuellen Hafen, in den man sich flüchten kann, wenn es draußen turbulent wird. Dumm nur, wenn sich die Katastrophe von der Landseite her anbahnt. So erzielen Traditionen regelmäßig ihre desas-tröseste Wirkung in Gruppen und Organisationen. Experimente zeigen immer wieder: Wenn Teammitglieder versuchen, eine Entscheidung zu treffen, dann verbringen sie die meiste Zeit damit, anderen Dinge zu erzählen, die sie schon alle wissen. Kaum einer ist bereit, neue Aspekte einzubringen oder Informationen zu teilen, die nur er oder sie besitzt. Teils aus strategischem Interesse, teils aber auch aus Sorge, die kühnen Gedanken könnten eben deshalb, weil sie so ungewohnt sind, Hohn und Spott auslösen.

Genau deshalb bringen im Management auch Appelle, Belehrungen und Modernisierungsprogramme so wenig: Egal, wie überzeugend sie formuliert sind – den tradierten Verstand erreichen die Argumente nicht. „Veränderungen bedeuten Konflikte, und die lassen sich nicht immer wegkommunizieren“, warnt auch der Change-Management-Experte Torsten Oltmanns. „Wer Veränderungen erklärt bekommt, muss sie noch lange nicht akzeptieren.“ Mit Routinen ist es daher eher so wie mit Suchmaschinen-Einträgen: Die lästigen kriegt man aus dem Cache so schnell nicht heraus, man kann sie nur durch bessere verdrängen. Wie ist es dann aber zu erklären, dass einige Menschen von Natur aus anpassungsbereiter sind als andere? Solche bewundernswerten Typen haben anscheinend nicht nur sensible Antennen für Umschwünge und erkennen früh die Zeichen der Zeit – sie ziehen daraus auch ohne Vorbehalte Konsequenzen oder suchen die Neuerungen geradezu.

Jedes Jahr irgendwo beworben

Der ehemalige Manager und heutige Coach Roland -Jäger zum Beispiel hat sich in seiner Zeit als Führungskraft jedes Jahr irgendwo beworben – als, wie er es nennt, „Realitäts-Check“: „Ich wollte sehen, was es neben meinem Job noch Spannendes gibt – und ich wollte wissen, ob ich für andere Arbeitgeber noch attraktiv bin.“ Laut Psychologen spielt die Kindheit für derlei Einstellungen eine entscheidende Rolle. Überbehütete Kinder, die etwa von ihren Eltern in Watte gepackt wurden, haben auch nie gelernt, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Werden sie später vor eine Wahl mit weitreichenden Konsequenzen gestellt, fehlt ihnen das Selbstvertrauen, die Situation zu meistern. Die Folge: Sie reagieren mit Abwehr und teils irrationalen Ängsten.

Auch die persönlichen Erfahrungen sind ausschlaggebend. Wenn etwa die Eltern fünfmal berufsbedingt umziehen und sich die Kinder permanent ein neues soziales Umfeld suchen mussten, kommt es drauf an, wie sie diese häufigen Ortswechsel erlebt haben: Fanden sie stets neue Freunde? Zogen sie in eine schönere Stadt? Oder war der Wandel geprägt durch immer neue Isolation und einen stetigen Abstieg? „Letzteren fehlt dann einfach die Fähigkeit, in der Veränderung etwas Gutes zu sehen“, sagt die Berliner Psychologin und Trainerin Birgit Permantier. Doch jedes Mal, wenn man versucht, seine Ängste zu verdrängen, „werden sie stärker“, betont der Heidelberger Psychologe Roland Kopp-Wichmann, der dazu gerade ein Buch veröffentlicht hat („Ich kann auch anders“). Durch äußeren Druck ließen sich eingefahrene Verhaltensmuster zwar zum Teil ändern, nachhaltiger aber sei, die vorhandenen Ängste zu verbalisieren und durch andere, bessere Gefühle zu ersetzen.

Geradezu meisterhaft hat das der jüdische Psychologe Viktor Frankl seinerzeit gelöst – jedoch unter schlimmsten Umständen: Die Nazis deportierten den Wiener 1944 in das Konzentrationslager in Türkheim. Er überlebte und verarbeitete seine Erfahrungen später in einem Buch. So wunderte sich Frankl, warum einige der Häftlinge trotz inhumanster Bedingungen offenbar fähiger waren zu überleben als andere. Dabei erkannte er, dass diejenigen bessere Chancen hatten, die in dieser Hölle dennoch einen Sinn sahen oder ihr zumindest einen gaben. Frankl selbst etwa klammerte sich an die Vorstellung, später einmal Vorlesungen darüber zu halten, wie sich ein solches Lager auf die Psyche auswirkt – was Jahre später auch geschah.

Und so ist denn auch Veränderungsbereitschaft keine übernatürliche Gabe. Vielmehr beruht sie auf Verhaltensmustern, die man sich ab- beziehungsweise antrainieren kann. „Persönlichkeitsmerkmale sind zwar recht stabil“, sagt der Trierer Arbeitspsychologe Conny Antoni, „doch wenn Menschen das Gefühl bekommen, durch den Wandel erfolgreich sein zu können oder selber Einfluss darauf zu nehmen, sinkt der Widerstand merklich.“ Gewiss, sich seinen Ängsten zu stellen und sie als unbegründet zu entlarven, erfordert einen Kraftakt. Aber die Mühe lohnt sich: Die Vorwärtsverteidigung verschafft einem nicht nur eine Kon-troll-erfahrung, sondern meist auch mehr Lebenszufriedenheit. Oder, wie es der Schriftsteller Martin Mosebach einmal formulierte: „Man muss sich um das Neue keine Sorgen machen. Das kommt ganz von selbst.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%