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Arbeitsplatz Warum Büro-WGs Telearbeiter kreativer machen

Mobil, unabhängig, vernetzt – der freischaffende Telearbeiter gilt als Arbeitsform der Zukunft. Doch schließen sich in immer mehr Großstädten Einzelkämpfer zu Bürogemeinschaften zusammen – zu Recht, wie die Forschung zeigt: Um kreativ und produktiv zu sein, brauchen wir Kollegen.

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Gosia Kollek und Sebastian Kaufmann: In der Teeküche entwickeln die beiden Einzelkämpfer ein gemeinsames Projekt Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Als Gosia Kollek abends mit der Arbeit fertig ist, sammelt sie alles ein, was auf ihrem Schreibtisch liegt. Kein Ordner, kein Stift, keine Tasse erinnert am nächsten Tag daran, dass die Grafikdesignerin hier ihrem Job nachgegangen ist. Was nach Kündigung aussieht, ist für die 32-Jährige alltägliche Feierabendprozedur. Die selbstständige Tapetengestalterin mietet sich drei Tage in der Woche einen Schreibtisch im Kölner Gemeinschaftsbüro „Zeiträume“. Das Büro teilt sie sich mit vielen anderen Selbstständigen, die sich hier stundenweise einmieten: Designer und Journalisten, Rechtsanwälte und Kaufleute, sogar ein Sachverständiger für Fischereiwesen.

Die Räume sind bunt, aber funktional. Zwischen den Schreibtischinseln stehen Sitzecken, es gibt keine Bilder, dafür aber zahlreiche Steckdosen an jedem Tisch. Neben dem Großraumbüro mit 20 Arbeitsplätzen gibt es vier Einzelbüros, in die sich zurückziehen kann, wer Ruhe zum Telefonieren oder Zeichnen braucht.

Büros wie dieses entstehen zurzeit überall in deutschen Großstädten. Bundesweit sind es bereits gut 50. Die Idee, die ursprünglich aus den USA stammt, hat ja auch ihren Charme: Freiberufler können es sich meist nicht leisten, ein voll ausgestattetes Büro anzumieten. Viele Kreative schätzen zudem die Freiheit, ihren Arbeitsort flexibel zu wählen. Trotzdem brauchen sie von Zeit zu Zeit einen festen Platz, um ihre Gedanken zu ordnen, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sprich: ein Büro.

Büro-WG Ausdruck des Wunsches nach sozialer Nähe

Genau das bieten die „Coworking Spaces“, wie die Büros in den USA heißen: Schreibtische mit Telefon- und Internet-Anschluss auf Stundenbasis einerseits, eine nette Atmosphäre und abwechslungsreiche Kontakte andererseits.

Forscher werten den Trend als Beleg dafür, dass die Telearbeit schlechter ist als ihr Ruf. Denn überall ging die Gründung der Bürogemeinschaften von Selbstständigen aus, die es leid waren, einsam von zu Hause aus zu arbeiten. „Die Bürogemeinschaften sind ein Ausdruck des Wunsches nach sozialer Nähe“, sagt Karsten Müller, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Universität Mannheim. Kein Mensch arbeite gerne dauerhaft allein.

Diese „soziale Nähe“ schätzt auch Gosia Kollek sehr. Die Designerin ist eigentlich eine ruhige Person. Aber wenn sie an einer Skizze verzweifelt oder sich über eine Mail ärgert, dann spricht sie laut in den Raum, was ihr nicht passt. Fast immer trifft sie dann den Nerv eines Bürokollegen, dem es gerade ähnlich geht. Die beiden machen dann eine Pause in der Teeküche, und oft wird kurz darauf aus dem Frust ein gemeinsames Lachen – über die Ähnlichkeit der Probleme oder die Eigenheiten von Auftraggebern.

Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland bereits 600 000 Menschen auf Auftragsbasis selbstständig. Hinzu kommen rund 3,5 Millionen Menschen, die für ihren Arbeitgeber dauerhaft oder teilweise in Telearbeit von zu Hause tätig sind. Das sind rund zehn Prozent der Beschäftigten.

Ihr Kontakt zu Vorgesetzten und Auftraggebern beschränkt sich meist auf unregelmäßige Treffen, Kollegen sehen sie nur bei Betriebsfeiern – wenn überhaupt.

Kölner Coworking-Büro

Sebastian Kaufmann war lange einer von ihnen. Ihm war die Vorstellung, mit vielen anderen Lemmigen in eine Bürozentrale zu pilgern, lange der pure Horror. Büro – das bedeutete für ihn Zwang, Stechuhr und Hierarchie. Der 29-Jährige gründete deshalb sofort nach dem Studium einen Buchverlag und war erst mal froh, sein eigener Herr zu sein.

Aber je länger er zu Hause arbeitete, umso deutlicher spürte er, wie er „sozial verarmte“, sagt Kaufmann. Zudem vertrödelte er Zeit mit überflüssigen Hausarbeiten oder dumpfem Vorsichhinstarren. Inzwischen sitzt er zwei Tage pro Woche Rücken an Rücken mit Gosia Kollek. Oft ist sie es, die ihn auf neue Gedanken bringt – etwa für die Cover seiner Bücher. „Bei einem ungezwungenen Plausch in der Küche komme ich auf die besten Ideen“, sagt Kaufmann, der heute begeisterter Verfechter der Gemeinschaftsbüros ist.

Psychologen nennen diesen ungezwungenen Plausch auch „freie Assoziation“ – eine der effektivsten Kreativitätstechniken. In den Gemeinschaftsbüros funktioniert sie besonders gut, „da sie in einem ungezwungenen Umfeld angewendet wird, in dem Neid und hierarchische Barrieren keine Rolle spielen“, sagt Wirtschaftspsychologe Karsten Müller. Da jeder an einem anderen Projekt und für einen anderen Chef arbeite, gebe es weder Konkurrenz noch Mobbing.

Teamworker sind produktiver

Gewiss, auch in Unternehmen können so Ideen entstehen. Allerdings wollen viele Angestellte sie nicht ohne Gegenleistung weitergeben oder filtern ihre Gedanken aus Sorge um das eigene Ansehen zu stark. Und wer zu Hause sitzt, dem bleibt die Chance gänzlich vorenthalten. Zudem fällt es Telearbeitern schwer, Arbeit und Privates zu trennen. Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sinkt daher bei 37 Prozent von ihnen die Produktivität. Wer dagegen Beruf und Freizeit räumlich und zeitlich trennt, nimmt seine Erholungsphasen nachweislich als länger wahr und ist zufriedener und leistungsfähiger.

Dabei wurde die Telearbeit lange Zeit durchweg positiv gesehen. So huldigte der Journalist Markus Albers in seinem Bestseller „Morgen komm ich später rein“ der Telearbeit als einzig geeigneter Lebensform für den modernen Menschen. Auch in Umfragen bekundet stets die Mehrheit der Befragten, ganz oder teilweise auf Telearbeit umsteigen zu wollen. Die Vorteile klingen zunächst ja auch überzeugend: Die hohe Flexibilität erleichtere es Telearbeitern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Außerdem entfalle die Pendelei zum Arbeitsplatz – im Schnitt lassen sich laut einer Umfrage des Kommunikationsdienstleisters Avaya so 70 Minuten täglich sparen.

Die Apologeten der Telearbeit versprechen gar, dass ihre Verbreitung Straßen entlasten, die Landflucht stoppen und den Ausstoß von Klimagasen verringern könnte. Heimarbeit als Klimaretter. Die Gefahr der sozialen Isolation wird dabei oft übersehen. Telearbeiter seien schließlich so gut vernetzt, dass sie ihre sozialen Kontakte über Telefon und Internet pflegen können. Aber stimmt das?

Wie wertvoll die Anwesenheit von Kollegen ist, konnten Forscher der Universität von Bologna nachweisen. Dafür ließen die Wissenschaftler eine Gruppe von Studenten jeweils alleine und im Team Briefe eintüten. Die Belohnung war unabhängig von der Leistung. Dennoch waren die Studenten produktiver, wenn sie in einer Gruppenatmosphäre arbeiteten. „Allein die Anwesenheit mitarbeitender Menschen scheint die Konzentration auf die Sache deutlich zu erhöhen“, resümierte Initiator Armin Falk.

Von der Teamarbeit profitierten vor allem die weniger Produktiven – ihre Leistung stieg um fast 40 Prozent. Und obwohl die Produktivität besonders fleißiger Kollegen nachließ, war der Leistungssaldo der Teamarbeiter durchweg besser als der der Einzelkämpfer. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie des Massachusetts Institute of Technology, für die Callcenter-Beschäftigte mit „Soziometern“ ausgestattet wurden. Diese Geräte werden an der Kleidung getragen und messen, wie lange sich ein Arbeitnehmer mit Kollegen unterhält.

Ausgerechnet jene Angestellten waren besonders produktiv, die sich oft und intensiv mit Kollegen unterhielten. Ihre Produktivität lag um fast zehn Prozent über der der konzentrierten Malocher. Wie positiv sich Kollegen auf die Produktivität auswirken, können der Verleger Kaufmann und die Grafikerin Kollek nur bestätigen. Als sie neulich in der Teeküche plauschten, stellten sie fest, wie gut sich ihre Talente ergänzen. Seitdem arbeiten die beiden an ihrer ersten Koproduktion, einem Bilderbuch für Kinder.

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