Arbeitsverbot Wie Flüchtlinge in Deutschland um Arbeit kämpfen

Seite 4/4

„Seitdem ich in Europa bin, durfte ich noch nicht arbeiten“

Mohammed steht an der Tafel in einem Deutschkurs. Zehn junge Frauen und vier Männer aus einem Dutzend verschiedener Nationen sitzen im Neonlicht an grauen Tischen. Sie wirken überwiegend konzentriert, wissbegierig, aber auch abgeklärt. Sie wirken, als hätten sie schon einiges gesehen. Langsam schreibt Mohammed deutsche Wörter an die Tafel, die anderen sehen zu. Der richtige Name des 28-jährigen Ägypters darf nicht genannt werden, denn er fürchtet eine Abschiebung und den ägyptischen Geheimdienst.

„Ich habe einen Bachelor-Abschluss für Tourismus“, sagte Mohammed auf Englisch, „in Deutschland kann ich mich aber derzeit höchstens mit Gelegenheitsjobs in Hotels durchschlagen.“ Der Kurs soll ihn binnen sechs Monaten so weit bringen, dass er eine Sprachprüfung für Fortgeschrittene ablegen kann.

Diese Länder beherbergen die meisten Flüchtlinge
Platz 10: IrakFlüchtlinge: 246.300 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,85  Prozent*   *Der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung in diesem und den folgenden Bildern entstammt eigenen Berechnungen. Quelle: AP
Platz 9: USAFlüchtlinge: 263.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0008  Prozent Quelle: dpa
Platz 8: ChinaFlüchtlinge: 301.000 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0002  Prozent Quelle: dpa
Platz 7: ÄthiopienFlüchtlinge: 433.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,45  Prozent Quelle: obs
Platz 6: TschadFlüchtlinge: 434.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 4 Prozent Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: KeniaFlüchtlinge: 534.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,4 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 4: TürkeiFlüchtlinge: 609.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,8 Prozent Quelle: REUTERS

Jetzt soll Bewegung in die Gruppe kommen. Die Lehrerin, Jana Maatouk, hat Kärtchen verteilt, jeweils zwei mit gleichem Motiv. Anhand der Bilder soll sich die Gruppe in Paare aufteilen. Diese sollen diskutieren: „Pauschal- oder Individualreise - was sind Vor- und Nachteile?“ Doch die Teilnehmer scheinen träge. Die Paare wollen nicht recht zusammenfinden. Maatouk macht Druck: „Verlieren Sie nicht zu viel Zeit, um Ihren Partner zu finden!“

Dann haben alle jemanden gefunden, um die Aufgabe zu diskutieren. Leises Gemurmel herrscht im Raum, die Lehrerin hat ein bisschen Zeit. „Viele Teilnehmer stammen aus autoritären Systemen“, sagt Maatouk, „da sind sie nur Frontalunterricht gewohnt.“ Deshalb täten sich solche Kurse am Anfang mit Gruppenarbeit schwer. Und viele Teilnehmer, die vom Jobcenter hergeschickt werden, würden meinen, sie könnten schon ausreichend Deutsch - und seien daher oft lustlos.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Nach einigen Minuten ruft Maatouk in den Raum. Die Gruppenarbeit ist beendet. Die Schüler wenden sich wieder der Lehrerin zu, und Maatouk fragt eine Syrerin: „Was ist der Vorteil einer Pauschalreise?“ Zögerlich antwortet die Schülerin: „Ein Vorteil ist mehr Freiheit.“ Die Lehrerin fordert: „Machen Sie das nochmal im ganzen Satz, bitte.“ Die Syrerin richtet sich im Stuhl auf und sagt langsam, aber etwas lauter: „Ein Vorteil ist, dass man mehr Freiheit hat.“

Zurück im Maler-Schnupperkurs. Veaceslav zeichnet mit Lineal und Bleistift die Fantasie-Umrisse weiterer Länder auf seine Prüfungswand. Zwei Meter weiter hat Nasir einen langen Pinsel in rote Farbe getunkt. In Libyen hatte der Mann aus Nigeria bei einer großen Baufirma gearbeitet, bis er im Bürgerkrieg 2011 wie Hunderttausende andere Gastarbeiter fliehen musste.

Nasir schaffte es in einem Boot nach Lampedusa. „Seitdem ich in Europa bin, durfte ich noch nicht arbeiten.“ Zu den Kursen der Handwerkskammer kommt er jeden Tag pünktlich - trotzdem fürchtet er, bald nach Italien abgeschoben zu werden und sich dort vielleicht als Ramschverkäufer an irgendeinem Touristenstrand durchboxen zu müssen. „Wir sind nicht gekommen, um Drogen zu verkaufen oder so etwas“, beteuert Nasir, „ich will nur arbeiten.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%