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Architekt Markus Allmann "Das Verfallsdatum rückt immer näher“

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"Die gute Regel des Bauens und die Lust am Außergewöhnlichen"

Ihre Kollegin Hilde Léon sprach davon, dass man „lieber leise“ sein möchte, „wenn all schreien“.
Ja, es wurde zu viel geschrien in den vergangenen Jahren. Auch deshalb wollen heute viele Architekten leiser, subtiler arbeiten. In dieser Hinsicht ist das Haus von Nagler/Kaufmann wirklich vorbildlich. Gerade in seinen ästhetischen Feinheiten, in den kleinen Verformungen, den Dachneigungen, der gestuften Schalung, im Spiel der unterschiedlich breiten Bretter der Fassade. Auch im Inneren: Man steht wie in einem Freiraum, wie in einem Wald zwischen Vertikalen, aller sehr hell. Da sind feine  Lichtverhältnisse geschaffen worden, bei sparsamstem Einsatz der Mittel. Ein wunderbar zurückhaltendes Gebäude. Man vermutet gar nicht, dass hier tausend Schüler Platz haben.

Trotzdem, das große Rauschen der Elbphilharmonie…
…mit Bildern, wie man sie noch nie gesehen hat, das ist natürlich etwas Anderes. Es geht mir ums dialektische Prinzip: Dass wir beides haben, die gute Regel des Bauens und die Lust am Außergewöhnlichen, am gewagten Gegenentwurf. Das muss nicht das Signature-Building sein, die expressive Handschrift. Das kann auch ein neues Wohnmodell sein oder eine neue Bürolandschaft. Diese Lust am Experimentieren mit Lebens- und Bauformen vermisse ich bei vielen Architekten.

Ist das auch eine Generationsfrage?
Ja, im Gegensatz zur Generation der Architekten, die sich durch ihre expressive Formensprache am Markt einen Namen gemacht hat, orientieren sich die Jüngeren mehr an der Lebensqualität von Architektur, an dem, was für die Nutzer unmittelbar spürbar wird. Wir haben es mit diskreten Interventionen zu tun, nicht so sehr mit abstrakten Kunstobjekten, die auf Bildwirkung zielen. Nehmen Sie nur das Wohnhaus „Bremer Punkt“: das ist ein klug auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmtes Projekt, günstig und schnell erstellbar, flexibel handhabbar in der Aufteilung der Wohngrundrisse noch während der Bauphase. Lauter Qualitäten, die im Dialog mit den zukünftigen Nutzern und ihren Nachbarn entstehen. Insofern ist dieses Projekt auch ein Kind seiner Zeit. Wir trauen uns heute nicht mehr ohne weiteres zu, langfristige Prognosen zu stellen über die Art, wie wir in Zukunft wohnen werden.

Wie der Klassenraum das Lernen beeinflusst
Schülerinnen gehen durch die Eingangshalle vom Neubau des Sachsenheimer Lichtenstern Gymnasiums Quelle: dpa/dpaweb
Farbspektrum Quelle: Fotolia
Ein leeres Klassenzimmer einer Schule Quelle: dpa
Das mit viel Holz gestaltete 200 Quadratmeter große Atrium ist am 20.04.2015 in der Kindertagesstätte "Wellenreiter" in Wismar Quelle: dpa
Kim, Miguel, Oliver und Michael aus der ersten Klasse der Grundschule Langenenslingen (Baden-Württemberg) rennen aus dem Schulgebäude. Quelle: dpa
Ein Ventilator steht in einem Büro. Quelle: dpa
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Quelle: dpa

Spiegelt sich darin die generelle Skepsis gegenüber Zukunftsentwürfen?
Ja, wir haben heute ein diffuses, nicht negatives, aber doch von Sorgen geprägtes Bild der Zukunft. Unsere Lebens- und Wohnverhältnisse wandeln sich heute in viel kürzeren Zeiträumen als früher. Das führt dazu, dass man eine Architektur entwickelt, die sich auf kurzfristige Kurswechsel einstellen kann, die immer wieder die Möglichkeit nutzt, sich neu zu konfigurieren.  

Können Sie, kann Ihr Architekturbüro überhaupt noch etwas mit dem Kriterium der Zeitgemäßheit anfangen? 
Diesen Begriff benutzen wir nur ungern in einer Zeit, da das Verfallsdatum von Architekturen immer näher rückt. Wir vermeiden sogar, von zeitgenössischer Architektur zu sprechen, weil wir wissen, dass Architektur von heute vielleicht übermorgen schon unbrauchbar geworden ist. Erst recht haben wir nicht den Anspruch, für die Ewigkeit zu bauen. Bezeichnend ist ja, dass Bauprovisorien, die für eine kurze Zeitspanne gedacht waren, sich heute als langlebiger erweisen als Bauten, deren Planung weit in die Zukunft ausgreift. Die sind oft vom ersten Tag ihrer Benutzung an Fehlplanungen. Der Berliner Flughafen ist heute schon zu klein.

Ist es ein Nachteil für die deutsche Architektur, dass sie, anders als etwa die Schweizer, keinen erkennbaren, nationalen Stil hervorgebracht hat? Anders gefragt: Würde ihr ein Alleinstellungsmerkmal nützen?
Kurzfristig ja, auf lange Sicht ist es gut, wie es heute ist. Das sehen Sie auch im Vergleich mit den Bestrebungen etwa im Tessin, wo ein Handvoll Architekten versucht hat, einen eigenständigen Tessiner Stil zu entwickeln. Oder in Holland, wo ähnliche Bestrebungen gerade mal eine Dekade Bestand hatten. Deutschland ist zu vielgestaltig, zu föderalistisch, als dass da eine eigenständige, gesamtdeutsche Handschrift herauslesbar wäre. Mir fällt allenfalls ein Nord-Süd-Gefälle auf. Es kommt mir manchmal so vor, als würde im Süden feiner, akkurater gebaut, im Norden dafür großzügiger. Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob in München eine Elbphilharmonie möglich gewesen wäre.

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