Ausprobiert Wie es sich im Privatjet reist

Champagner statt Tomatensaft, Drei-Gänge-Menü statt Aluschale und Beinfreiheit ohne Ende: Um den Privatjet ranken sich viele Mythen. Wie fliegt es sich denn so?

WirtschaftsWoche-Redakteur Johannes Steger (rechts) unterhält sich mit Carsten Michaelis, Vize-Europa-Chef von Netjets. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Mit dem Luxus ist es ja nun einmal so: Er zeigt sich für jeden anders. Für den einen ist es der rahmengenähte Schuh, für den anderen die funkelnde Rolex-Uhr, für den Nächsten ist es die Freizeit.

Meine Definition von Luxus wartet auf dem General Aviation Terminal des Frankfurter Flughafens auf mich. Ich gehe durch die Sicherheitskontrolle, ein Bus bringt mich vom eigenen Terminal direkt zum Flugzeug, der Pilot begrüßt mich persönlich. Anschließend noch über den schwarzen Teppich flaniert, und schon sitze ich in einem Privatjet, Typ Cessna Citation Latitude.

Mir kommt der Industrielle und Frauenheld Gunter Sachs in den Sinn. In den Sechzigerjahren prägten er und seine damalige Frau Brigitte Bardot mit ihren Reisen an die Côte d’Azur den Begriff des Jetsets. Aber auch Bilder von Thomas Middelhoff, Ex-Arcandor-Chef, der auch noch auf den Privatjet bestand, als das Unternehmen schon so gut wie zahlungsunfähig war. So ergeht es nicht nur mir.

Ein Blick in die Luxus-Kabine
WirtschaftsWoche-Redakteur Johannes Steger (rechts) unterhält sich mit Carsten Michaelis, Vize-Europa-Chef von Netjets. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Darum geht es: Am Frankfurter Flughafen wartet eine Cessna Citation Latitude auf unseren Redakteur. Für manche ist eine Airbus A380 die Königin der Lüfte, für andere die private Cessna. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Einsteigen, bitte: Statt über die Gangway geht es über einen schwarzen Teppich in den Flieger. Lange Wartezeiten am Gate gibt es auch nicht: 15 Minuten vor dem Abflug am Airport anzukommen reicht völlig aus. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Statt aus kaltem, grauem Kunststoff sind viele der Oberflächen im Privatjet mit dunklem Holz vertäfelt. So war es zumindest in unserem Exemplar – gegen Aufpreis erfüllen die Flugzeugbauer viele Kundenwünsche. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Sie haben vergessen, sich am Gate eine Zeitung zu greifen oder gar am Kiosk zu kaufen? Kein Problem, die Auswahl an Bord sollte für die meisten Flüge reichen. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Bequemer Ledersessel statt dünner Folterbank, richtiger Dreipunktgurt statt einfachem Hüftgurt: Die Kabine des Jets ist durch und durch hochwertig – das zeigt sich auch in Details wie der gepolsterten Ablage. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Die Jubiläumsausgabe zum 90-jährigen Bestehen der WirtschaftsWoche darf an Bord natürlich nicht fehlen. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Manche Dinge gehen selbst in der Business Class auf einem Linienflug nicht – im Privatjet hingegen schon. Dazu kommt die Zeitersparnis, die bis zu mehrere Stunden betragen kann. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Den Service vom Piloten persönlich gibt es allerdings nur auf dem Rollfeld – in der Luft hat der ehemalige niederländische Militärpilot andere Aufgaben. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
Statt einem Butterbrot aus der Plastikfolie gibt es im Privatflieger ein saftiges Sandwich, belegt mit Roastbeef und Roquefort. Serviert wird es in einer hochwertigen Holzbox. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche
In der Bordtoilette stehen mehrere Seifen von Hochpreisherstellern zur Wahl, die Hände werden natürlich mit einem wohlriechenden Stoffhandtuch getrocknet. Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Spätestens seit der Finanzkrise und jetfliegenden Investmentbankern hat die Branche ein Imageproblem. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Der Verband der Flugzeugproduzenten für die Allgemeine Luftfahrt (GAMA) verzeichnete Anfang 2016 einen Rückgang beim Absatz mit Businessjets um ganze 16 Prozent. Schuld daran sind auch das verschärfte chinesische Antikorruptionsgesetz, das den Mächtigen das Frönen im Luxus erschwert, die sinkende Nachfrage in den arabischen Ländern und die strikten Coorperate-Governance-Regeln vieler Unternehmen.

Privatjet spart bis zu fünf Stunden

Gerade Letzteres führt dazu, dass eben immer weniger Konzernchefs per Privatjet eingeflogen werden. „Unter unseren Kunden finden sich auch CEOs und Eigentümer mittelständischer Unternehmen“, sagt Carsten Michaelis, Vize-Europa-Chef von Netjets, einem Anbieter von Businessjets. Aha, denke ich mir: Ausgerechnet der angeblich so sparsame Mittelstand nimmt also gern mal den Jet. Die Gründe dafür sind aber wieder recht bodenständig. Die Kunden schätzen den Zeitvorteil, erklärt Michaelis.

Die Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben das einmal nachgerechnet. Und tatsächlich: Laut der Studie wird der durchschnittliche Reisevorteil pro Trip auf 127 Minuten geschätzt, bei 20 Prozent der Geschäftsreiseflüge entstand sogar ein Reisezeitvorteil von über fünf Stunden. Bei Flügen zwischen den USA und Europa war die durchschnittliche Ersparnis 214 Minuten pro Flug.

Privatjet-Branche im Zeichen der Krise
Airbus Quelle: PR
Insgesamt 1200 Airbus-Flugzeuge fliegen in China, Hongkong und Macau. 20 davon sind Business-Jets. 180 Luxusmaschinen des europäischen Flugzeugbauers sind weltweit unterwegs. Sie sollen Unternehmen zu ihren Geschäftspartnern bringen und Superreichen das Reisen versüßen. Weit abseits der Economy-Class. Bild: Airbus Quelle: PR
Bis 2018 kommen eine Reihe neuer Modelle des Flugzeugbauers auf den Markt. Maschinen wie die ACJ319neo können bis zu 12.500 Kilometer ohne Zwischenstopp fliegen. Zum Beispiel von San Francisco nach Peking. Bild: Airbus Quelle: PR
Hersteller von Business-Jets werben damit, dass die Privatjets ihre Besitzer überall hinbringen. Auch an entlegene Orte wie die Antarktis. Hier zum Beispiel zur US-amerikanische McMurdo-Station, der größten Forschungsstation des Kontinents.   Bild: Airbus Quelle: PR
Auch für den US-amerikanischen Flugzeugbauer Boeing ist der chinesische Markt wichtig. Dort fliegen aktuell 21 Business-Jets des größten Flugzeug-Herstellers der Welt – drei weitere sind bestellt. Seit 20 Jahren ist der Flugzeugbauer im Privatjet-Bereich unterwegs. Seit 1996 konnte er 238 Flugzeuge dieser Art weltweit verkaufen. Bild: Boeing Quelle: PR
Luxus oder Arbeit: Je nach den Wünschen des Kunden richten die Hersteller die Flugzeugkabinen ein. In den meisten können die Firmen in separaten Räumen Meetings abhalten und sich auf Termine vorbereiten. Privatpersonen können aus ihren Flugzeugen aber auch kleine Wohlfühl-Oasen machen. Quelle: Boeing Quelle: PR
Der US-amerikanische Flugzeugbauer Gulfstream hat bisher 2500 Flugzeuge an Unternehmen, Privatbesitzer und Regierungen geliefert. Allein 154 im vergangenen Jahr. Besonders erfolgreich ist das Modell G550 (im Bild). Gebraucht gibt es das so ab 20,5 Millionen US-Dollar. Bild: Gulfstream Quelle: PR
Im asiatisch-pazifischen Raum fliegen aktuell rund 290 Gulfstream-Maschinen. Die Flotte hat sich alleine in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. In China, Hongkong und Taiwan immerhin verdreifacht. Bild: Gulfstream Quelle: PR
Gesteuert werden die Flugzeuge in Übrigen selten von ihren Besitzern. Piloten, Wartung und Instandhaltung wird alles von externen Anbietern übernommen. Der Kaufpreis ist also nur die halbe Miete. Bild: Gulfstream Quelle: PR
Auch der viertgrößte Flugzeugbauer Embraer aus Brasilien ist in China aktiv. Bisher konnte das Unternehmen 224 Flugzeuge in China verkaufen. 36 davon Business-Jets. Das Unternehmen rechnet in den kommenden zehn Jahren mit einem branchenweiten Wachstum von drei Prozent. Embraer setzt vor allem auf die steigende Nachfrage in den USA. Bild: Embraer Quelle: PR

Und es stimmt, normalerweise bin ich mindestens eineinhalb Stunden vor Abflug da. Das hat gute Gründe: Einen Flug nach Wien hätte ich mal beinahe verpasst, weil ich ewig hinter lauter aufgeregten Reisegruppen in der Schlange stand. Heute reichen 15 Minuten aus. Hätte ich vor Abflug noch eine Verhandlung gehabt, die sich in die Länge zieht, reicht eine Info an den Anbieter, und das Flugzeug wartet. Das Team macht einen neuen Slot mit dem Flughafen aus.

Ein weiterer Grund, der gerade den Mittelstand in den Jet lockt: Die Flugzeuge fliegen nicht auf der normalen Luftautobahn, sondern höher, da, wo sonst nur das Militär unterwegs ist. Zum einen kann der Privatjet sein Ziel deshalb auf dem direkten Weg anfliegen. Zum anderen kann er daher praktisch jeden Flughafen anfliegen, und sei er noch so klein.

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Möchte beispielsweise ein Mittelständler aus der westfälischen Provinz zu einem Geschäftstermin in das osteuropäische Pendant, hat er ein Problem. Linienverbindungen vom nahe gelegenen Flughafen Paderborn? Schwierig. Mit dem Privatjet kein Problem, der fliegt auch die sogenannten „hard to reach places“ an, also Orte die infrastrukturell schlecht angebunden sind.

„Bitte anschnallen, wir starten.“ Leichter gesagt, als getan. Den Gurt suche ich für ein paar Sekunden vergebens, man merkt: Das ist neu für mich. Ich finde ihn oben rechts neben meiner Schulter, nicht wie üblich auf Hüfthöhe. Und damit nicht genug. Der Start hält eine weitere Premiere für mich bereit: Zum ersten Mal starte ich mit dem Rücken zum Himmel, mein Sitz steht „verkehrt“ herum. Anstatt in den Himmel zu blicken, schaue ich auf die Startbahn herab. Auch vom üblichen Gerumpel beim Start ist nichts zu spüren, nicht einmal mein Handy in der Hochglanzablage neben mir bewegt sich.

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