Berühmte letzte Worte

Was Guido Westerwelle von Marina Abramovic lernen kann

Kann die Künstlerin Marina Abramovic dazu beitragen, dass Guido Westerwelle seinen Blutkrebs besiegt? Unser Kolumnist und Krebspatient Ralf Schwartz ist davon überzeugt.

Auf diese Künstlerinnen sollten Sie achten
Die SchweigsameSie war 1999 die erste Frau, die Deutschland auf der Biennale in Venedig repräsentierte. Unter Kollegen wird sie hoch geschätzt – auf dem Kunstmarkt, aber auch unter Museumskuratoren war die öffentlichkeitsscheue Konzeptkünstlerin und Kunstprofessorin der Akademie Düsseldorf dennoch lange eher wenig sichtbar. Inzwischen wird Rosemarie Trockel, die sich in ihrem Werk seit Jahrzehnten mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandersetzt, regelmäßig mit Ausstellungen und Preisen geehrt – 2007 etwa mit dem Goslaer Kaiserring, der als bedeutendster Kunstpreis Deutschlands gilt und zu dessen Trägern Kunstheroen wie Max Ernst oder Gerhard Richter zählen. Die Bodenhaftung hat die mittlerweile 61-Jährige ob ihrer Erfolge aber nicht verloren: Kunstfreunde, die 2013 gerade keinen sechs- oder siebenstelligen Betrag für eines ihrer Unikate übrig hatten, konnten in dem Jahr als Neu-Mitglied des Kölner Kunstvereins ein Exemplar einer neuen Trockel-Edition erhalten – als Begrüßungsgeschenk. Quelle: Untitled 1985-1988 VG Bild-Kunst Bonn 2014; Foto: Luzphoto/Armando Rotoletti
Die ExtremistinVon zehn Uhr morgens bis sechs Uhr abends, sechs Tage die Woche, rund zweieinhalb Monate lang: Noch bis zum 25. August wird Marina Abramovic für exakt 512 Stunden zur lebenden Skulptur in ihrer gleichnamigen Performance „512 hours“, die derzeit in der Londoner Serpentine Gallery zu sehen ist. Was die Galeriebesucher, die am Eingang Taschen, Jacken, Uhren und Telefone abgeben müssen, zu sehen bekommen? Abramovic weiß es selbst nicht, sie lässt sich spontan inspirieren – von den Besuchern, Alltagsgegenständen, den weißen Wänden. Psychische, körperliche und moralische Grenzen auszutesten – darum geht es der 57-jährigen Tochter serbischer Weltkriegspartisanen, die zu den Pionieren der Performance-Kunst zählt. 1974 ließ sie sich, regungslos, in Neapel von Besuchern entkleiden und traktieren. 2010 saß sie 721 Stunden stumm auf einem Stuhl im New Yorker Museum of Modern Art, Auge in Auge mit wechselnden Besuchern. Zuletzt sammelte sie über eine digitale Plattform rund 450 000 Euro für ein nach ihr benanntes Institut für „immaterielle und lang andauernde Arbeiten“. Der Lohn für die 4800 Spender: je eine Umarmung durch die Künstlerin. Quelle: dpa
Mehr als WitweDie „Ex“ von John Lennon, eine mittelmäßige Musikerin – und vor allem die Frau, die die Beatles auseinandergebracht hat: Bis heute wird Yoko Ono in der breiten Öffentlichkeit gern auf diese Rollen reduziert – und dafür verachtet. Dabei war die Japanerin, die in einer vermögenden Bankiersfamilie aufwuchs und 1956 nach New York übersiedelte, schon eine respektierte Künstlerin, bevor sie und Lennon zu Ikonen der Popgeschichte wurden. Ono gilt als Wegbereiterin der amerikanischen Fluxusbewegung, ihr Loft wurde in den Fünfzigerjahren zum Treffpunkt der US-Kunst-Avantgarde. Erstes Aufsehen erregte sie 1962 mit ihrer Performance „Wall piece for orchestra“, bei der sie zu Musik ihren Kopf kontinuierlich auf den Boden schlug. Und 1965 mit „Cut Piece“ in der Carnegie Hall, bei der das Publikum Onos Kleidung abschneiden durfte. Heute blickt die 81-Jährige auf mehr als 50 Jahre Künstlerkarriere zurück – und einen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, verliehen auf der Kunstbiennale von Venedig 2009. Quelle: Walking On Thin Ice (Video Still), 1981
Die RätselhafteAnfangs finanzierte sie sich ihr Kunststudium in Hamburg und Berlin als Model, 1973 wechselte sie nach Düsseldorf in die Klasse von Gerhard Richter, den sie neun Jahre später heiratete. Die Ehe mit dem Malergenie ist längst Geschichte, aus dem künstlerischen Schatten ihres erfolgreichen Ex-Manns ist Isa Genzken inzwischen ebenfalls getreten – mit einem rätselhaften Werk, das sich weder auf eine eindeutige Interpretation noch gar auf ein Medium festlegen lässt: Mal stopft sie Plastikbären, Whiskeygläser und Eierbecher in aufgeschnittene Turnschuhe und besprüht das Ensemble mit Silberlack, mal legt sie meterlange, gebogene Holzstäbe auf den Boden, mal türmt sie gefärbte Betonplatten zu einer Skulptur auf. „Meine Kunst“, sagt Genzken, „ist schwierig zu verstehen.“ Sie erfreut sich aber zunehmender Beliebtheit bei Kuratoren der wichtigsten Museen weltweit – zuletzt ehrte das Museum of Modern Art die Deutsche aus Bad Oldesloe mit einer Großausstellung. Das schlägt sich auf die Preise nieder: Wer auf dem amerikanischen Ableger der Art Basel in Miami Beach im vergangenen Dezember ein Werk der 65-Jährigen erwerben wollte, musste zwischen 300 000 und 700 000 Dollar hinlegen. Quelle: Strandhäuser zum Umziehen, 2000 Courtesy Sammlung Frac Nord-Pas De Calais, Dunkerque und Galerie Buchholz, Berlin/Köln; Foto: Wolfgang Tillmans/Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln

Natürlich fragen Sie sich, was die international bekannte Performancekünstlerin Marina Abramovic und der deutsche Politiker Guido Westerwelle gemeinsam haben? Nun, beide befinden sich in einer Extremsituation, machen Grenzerfahrungen. Sie freiwillig über ihre künstlerischen Performances. Er unfreiwillig über seine Erkrankung an akuter Leukämie.
Als ich vor wenigen Wochen zum ersten Male Marinas Dokumentation 'The Artist is Present' sah, erkannte ich, dass sie vom Leben, Krankheit, Krebs und Tod handelt.
So unterschiedlich die Situationen scheinen, ich kann Ihnen am eigenen Leibe bestätigen, dass jedes Wort der Künstlerin richtig und äußerst hilfreich ist, denn genau so habe ich bis heute meinen Krebs besiegt, therapiebegleitend natürlich.


Alle folgenden Zitate entstammen ihrer Dokumentation, anlässlich ihrer 2012er Ausstellung im Museum of Modern Art, New York. In Klammern finden Sie die jeweilige Fundstelle - Sie sollten sich allerdings die Dokumentation in ganzer Länge anschauen.
Wenn in meinen Zitaten von 'Performance', 'The Artist is present' oder 'Arbeit' die Rede ist, ersetzen Sie dies bitte gedanklich durch 'Chemotherapie'. Den 'Künstler' im Zitat ersetzen Sie bitte durch 'Krebspatient'.
Die Zitate selbst sind die Botschaft. Bitte lassen Sie sie sich auf der Zunge zergehen, in Ihrem Hirn kreisen. Und zögern Sie nicht, in den Kommentaren nachzuhaken, Fragen zu stellen, Ihre Erfahrungen zu schildern.

Über mehrere Seelen in unserer Brust:
"Es gibt mehrere Marinas. Da gibt es die eine Marina, (...), die keine Grenzen kennt, willensstark ist, jedes Ziel erreicht.
Direkt daneben gibt es die andere Marina, ein kleines Mädchen, (...), sehr verletzlich und unglaublich enttäuscht und traurig.
Dann gibt es noch die, die diese spirituelle Weisheit hat und über allem steht. Das ist meine liebste." - (00:05:30)
Dies muss man zulassen. Punkt. Wir sind die Essenz unserer Erfahrungen. Und die sind nun einmal nicht eindimensional. Das Wichtigste ist die Weisheit, über allem stehen zu können.
"Es gibt diese seltsame Mischung aus Spiritualität und kommunistischer Disziplin. Von heute aus betrachtet war das sehr wichtig für mich. Es hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin." - (00:23:00)
Unser gelebtes Leben ist der Amboss, der aus uns ein mächtiges Schwert und gleichzeitig ein wertvolles Kleinod formt - wenn wir selbst, der Schmied, nur talentiert genug sind, dies geschehen zu lassen.

Westerwelle an Leukämie erkrankt

Über den idealen Bewusstseinszustand in der Therapie:
"Es geht darum, sich leer zu machen. In der Gegenwart zu sein. Deinen Geist im Hier und Jetzt zu verorten. (...)
Künstler müssen Krieger sein. Sie müssen die Entschiedenheit und Ausdauer haben, zu erobern. Nicht nur neue Gebiete, sondern auch sich selbst. Auch die eigenen Schwächen.
Es ist egal, was Du als Künstler tust. Wichtig ist der Bewusstseinszustand, in dem Du es tust.
Bei einer Performance geht es nur um den Bewusstseinszustand." - (00:17:00)
'Erst in der Krankheit zeigt sich der wahre Mensch', sagte die Reinigungsdame einmal zu mir auf der Krebsstation. Dann aber ist es meist zu spät, gerade bei Krebs und anderen tödlichen Erkrankungen. Inhalieren Sie diesen Artikel schon heute.
"Wenn Du das drei Monate machst, wird die Performance zu Deinem Leben. Die Menschen verstehen nicht, dass das Schwierigste daran ist, gar nichts zu tun. (...) Es gibt nur Dich, Deine Energie, und sonst nichts." - (00:19:20)
Und Ihre Energie ist umso stärker, je weniger Sie sich ablenken lassen, vom Job, von Sorgen und Verpflichtungen. Jetzt gibt es nur eine Sorge: gesund werden. Dem ist alles unterzuordnen.

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