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Berühmte Namen Raus aus dem Schatten der Eltern

Jette Joop braucht den Namen Joop nicht mehr, die junge Stoiber ist ganz auf CSU-Linie, Knigge junior benimmt sich tadellos, und Steigenbergerjunior wird Blumenhändler: Wer einen großen Namen trägt, hat Startvorteile, lebt aber auch unter besonderem Erwartungsdruck. Wie die Sprösslinge berühmter Familien damit umgehen.

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Constanze Hausmann, Tochter von Edmund Stoiber Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche

Seit sie verheiratet ist, führt Constanze Hausmann ein „bequemeres Leben“. Die 36-Jährige ist Mutter von drei Kindern und arbeitet als Rechtsanwältin in der Münchner Kanzlei Raupach & Wollert-Elmendorff. Früher, als sie sich Mandanten noch mit ihrem Mädchennamen vorstellte, folgte stets die unvermeidliche Frage, ob sie mit Edmund Stoiber verwandt sei. Soweit kein Problem für die älteste Tochter des ehemaligen bayrischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden. Doch „was die Leute teilweise damit verbinden, ist unvorstellbar“, sagt die Juristin. Zum Beispiel: „Erzählen Sie das aber bitte nicht Ihrem Vater!“ Oder: „Kann Ihr Vater da nicht mal helfen?“ Dass allein schon ihr Beruf die Junganwältin Stoiber zu Diskretion und Unabhängigkeit verpflichtete – egal.

Ein typisches, immer wiederkehrendes Erlebnis für die Kinder berühmter Eltern: Als eine Stoiber, ein Steigenberger oder ein Knigge geboren zu werden, bedeutet, „mit dem Nachnamen ein ganzes Assoziationsfeld zu erben“, sagt Arist von Schlippe, Psychologe und Inhaber des Lehrstuhls für Führung und Dynamik von Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke. Da ist auf der einen Seite die Öffentlichkeit, die mit dem bekannten Namen ein bestimmtes Bild verknüpft, andererseits die erfolgreiche Familie, deren Tradition der Junior sich würdig erweisen soll.

Von „Beziehungskonten“ spricht der Psychologe von Schlippe, die in jeder Familie geführt werden: „Wir fragen uns unbewusst: Bin ich gemessen an den Erwartungen der Verwandtschaft im Plus oder im Minus?“ Was auch für einen Krause oder Schulze gilt, ist für die Sprösslinge von Promis aus Wirtschaft, Politik oder Kultur demnach doppelte Herausforderung: sein Leben allen Vorstellungen und Festlegungen von außen zum Trotze selbst zu bestimmen und zu dem zu werden, der man ist.

Edmund Stoibers Tochter Constanze wird zwar noch immer gefragt, wann sie in die Politik gehen möchte. Doch heute kann sie darüber schmunzeln. Das war nicht immer so. Als Teenager hatte sie auf dem Pausenhof einen „schweren Stand bei Grünen-nahen Mitschülern, die mich gar nicht kannten“, sagt sie. Und im Politikunterricht litt sie unter Lehrern, „die es manchmal nicht geschafft haben, zwischen dem politischen Kurs des Vaters und der Schülerin zu trennen“. Constanzes sechs Jahre jüngere Schwester Veronica musste in einer Englischstunde gar einmal übersetzen: „Die CSU macht fadenscheinige Politik.“

Im Jura-Studium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität konnte Constanze Stoiber schließlich in die Anonymität des Massenbetriebs abtauchen. Und seit sie in ihrem „politikfreien“ Job mit dem Familiennamen ihres Mannes Jürgen auftritt, einem selbstständigen Unternehmensberater, sei der Vater „kein Thema mehr“. Als Constanze Hausmann mache sie ihre Arbeit „gerne und so gut ich kann“. Die Erfahrungen aus ihrer Jugend aber, ist die Münchnerin überzeugt, haben sie souverän gemacht: „Als Anwältin wird man oft persönlich angegriffen. Ich habe früh gelernt, auch mit unfairer Kritik umzugehen.“

Unabhängig davon, ob jemand den berühmten Namen ablegt oder behält – um aus dem mächtigen Schatten der Väter oder Mütter zu treten, muss die heranwachsende Generation sich „gestaltend mit den Erwartungen Dritter auseinandersetzen“, sagt Psychologe von Schlippe. Denn wer sich dem sogenannten „Delegationsdruck“ – den Erwartungen oder Wünschen seiner Umgebung – passiv ausliefert, läuft Gefahr, daran zu zerbrechen.

Tragische Beispiele ewiger Erben, die es nicht geschafft haben, zu einer eigenen Identität zu gelangen, zeigt die Geschichte. So sehr beispielsweise August von Goethe hoffte, endlich vom „Gängelbande“ des Dichtervaters loszukommen, blieb er über seinen frühen Tod hinaus bloß der untalentierte Nachkomme eines Genies. Im Alter von 40 Jahren verstarb er alkoholkrank auf einer Romreise. „Goethe Filius“ steht bezeichnenderweise auf seinem Grabstein.

Ein Konflikt will in jeder Jugend verhandelt sein: Die eine Seite verinnerlicht stark das Vorbild der Familie, die andere will sich dagegen abgrenzen. „Das ist normal“, betont der renommierte Familientherapeut Helm Stierlin. Gewinne jedoch der Drang, sich gegen die Eltern zu stellen, die Überhand, könne er selbstzerstörerisch wirken. Das Gegenmittel: „Den inneren Widerstreit reflektieren, am besten zusammen mit allen Beteiligten“, sagt Stierlin.

Albert Steigenberger, 51, gehört zu einer Generation, in der sich die Frage nach beruflicher Selbstverwirklichung „gar nicht stellte“. Klar, dass er als einziger Sohn von Egon Steigenberger einmal die Hotels der Steigenberger-Gruppe leiten würde. Auch sein Vorname Albert nach dem Großvater und Gründer: ein Auftrag. „Prinz“ wurde der kleine Junge gerufen, der damit „noch nichts“ anfangen konnte. „Auch später habe ich mich nicht gewehrt“, sagt er. Albert machte in Frankfurt sein Abitur, begann dann folgsam das Studium der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften in Münster – die passende Kombination fürs Hotelmanagement. Aber nicht das Passende für ihn.

Seine Unzufriedenheit ertränkte er immer häufiger im Alkohol. Als sein Vater 1985 verstarb, brach der Wunschnachfolger das Studium ab und ließ sich sein Erbteil von 25 Millionen Mark auszahlen. Der Junior verfiel der Trinksucht, sein Hang zu Pferdewetten eskalierte. Auf harten Umwegen besann Steigenberger sich schließlich darauf zurück, was er von sich aus immer gerne getan hatte: Pflanzen waren „von Kindesbeinen an“ sein Hobby, als Student dekorierte er seine Wohnung stets mit Blumen. „Diese Leidenschaft habe ich leider erst spät wieder entdeckt“, sagt er heute.

Doch nicht zu spät: Während seine Mutter und die drei Töchter heute über Vermögen und Hotels der Steigenberger-Gruppe wachen, besitzt der einzige männliche Nachkomme fünf Bahnhofsblumenläden in Köln, Düsseldorf, Krefeld und Bochum. Es mache ihm Spaß, „etwas Eigenes zu machen, was mir liegt. Keiner kauft bei mir Blumen, weil ich Steigenberger heiße“, betont er. Lieber ein kleines Original sein, als ein großes Abziehbild.

Albert Steigenberger, Spross der Steigenberger-Gruppe Quelle: Rüdiger Nehmzow für WirtschaftsWoche

Jeder will als Individuum wahrgenommen werden, sich nicht im ständigen Vergleich mit einem Vorgänger abarbeiten. Für die Träger großer Namen bedeutet das im Beruf oft „unglaubliche Mühe, deutlich zu machen: Ich habe das allein geschafft“, sagt Psychologe von Schlippe. Besonders, wenn eigene Talente und Neigungen sie in die Fußstapfen des Seniors treten lassen.

Kein Zufall, dass unter den Pionieren der New Economy zahlreiche Sprösslinge bekannter Manager auftauchten: Vor ihnen lag zur Jahrtausendwende ein „völlig neues Universum, wo man etwas aufbauen konnte, ohne im Schatten zu stehen“, erklärt Lars Wössner, Vorstandsmitglied beim E-Mail-Marketing-Anbieter Ecircle und Sohn von Ex-Bertelsmann-Chef Mark Wössner. Wie Wössner suchten auch andere in der Welt des Internets ihr Unternehmer-Gen unbelastet auszuleben. Max Cartellieri zum Beispiel, Filius des ehemaligen Deutsche-Bank-Vorstandsmitgliedes Ulrich Cartellieri, tat sich als Mitgründer des Meinungsportals Ciao.com hervor. Bruno Schick aus dem Autozulieferer-Clan Burgmaier Metalltechnik gewann für Surplex, einen Internet-Marktplatz für Gebrauchtmaschinen, zwei Tennisfreunde als Investoren: Lars Schlecker vom Drogeriemarkt-Imperium und Marc Schrempp, Sohn des ehemaligen DaimlerChrysler-Chefs.

Doch die Kritiker ließen nicht lange auf sich warten. Als „Reiche Söhne AG“ oder „Old Boys Network“ bezeichneten die Medien die jungen Gründer aus Unternehmerfamilien. Anonyme Brieferschreiber bezichtigten Jürgen Schrempp der Vetternwirtschaft: Der Autobauer verpflichte die Käufer ausrangierter DaimlerChrysler-Maschinen, das Startup Surplex einzuschalten, an dem der Sohn beteiligt ist. Der Vorwurf war schnell ausgeräumt, der Beigeschmack blieb – Marc Schrempp tauchte ab.

Aus Sorge vor dem Ruch der Protektion meiden einige der Jungunternehmer bis heute die Öffentlichkeit. Genauso wie Lars Schlecker lassen Michael Birkel aus der Nudel-Dynastie oder Benjamin Otto vom Versandhandelsriesen von ihren Pressesprechern ausrichten, sie hätten „kein Interesse“, über ihre beruflichen Tätigkeiten im Zusammenhang mit ihren Familiennamen zu sprechen.

Thomas Hundt, der Sohn des Arbeitgeberpräsidenten, betonte von Anfang an nachdrücklich, er gründe seine Existenz ohne Hilfe seines Vaters Dieter. Das Startkapital von 50.000 Mark sparte er mit seinem Geschäftspartner zusammen. „Ich hatte den tiefen Anspruch, es alleine hinzukriegen“, sagt Hundt junior. Auf die Standardfrage: „Sind Sie der Sohn?“ gab er die Standardantwort: „Nein, ich bin es selber.“

Studium und Startup waren für den heute 40-Jährigen wichtige Phasen im „Ablösungsprozess“. Im zweiten Semester warf er sein Maschinenbau-Studium in Stuttgart hin – ein Bruch mit der Familientradition sowie eine Absage an den Vater, der ihn gerne in seiner Nachfolge als Chef der Allgaier Werke gesehen hätte. „ Neun Monate vor meiner Geburt stand mein Studienfach fest“, scherzt Hundt. Doch im Ingenieurwesen fehlte ihm der gestalterische Aspekt. Stattdessen entschied er sich für die Architektur, in der Familie als „brotlos“ verpönt.

Der erste Schock legte sich schnell: Nach dem zügig erworbenen Diplom zieht Thomas Hundt mit einem Studienkollegen 1998 eine Agentur hoch, die beispielsweise für das Porsche-Museum multimediale Raumkonzepte realisiert. Inzwischen beschäftigt das Stuttgarter Unternehmen Jangled Nerves 30 Mitarbeiter. Den Stolz des Vaters spürt der Sohn, wenn der sich „interessehalber“ die Bilanzen anschaut. Was den Gründer zufrieden macht: Eine Architektur-Professur an der Stuttgarter Hochschule für Technik sowie Designpreise wie zuletzt der „Red Dot Grand Prix“ öffnen ihm die Tür fürs Neugeschäft – und „nicht der Name des Vaters“.

Klar kann der ein Startvorteil sein. Motto: Wer bereits einen guten Namen hat, muss ihn sich nicht erst mühevoll verdienen. Entscheidend, um damit glücklich zu werden: Diese Eintrittskarte als Möglichkeit nutzen, aber nicht dauerhaft darauf setzen, wissen Psychologen.

Die „Verdrahtung“ seines Vaters in der Wirtschaft habe die Gesprächsbereitschaft potenzieller Kunden gefördert, sagt Lars Wössner, 36. Doch danach „geht es knallhart darum: Überzeugt man oder nicht?“ Der Junior leitet das internationale Geschäft der Münchner Firma Ecircle. Der Senior und Ex-Bertelsmann-Chef Wössner wacht als Aufsichtsratsvorsitzender über den Dienstleister für digitales Dialogmarketing. Als „überschneidungs- und konfliktfrei“ beschreibt Lars Wössner die Zusammenarbeit. „Ich kann durchweg sagen: Da ist kein falsches Vitamin B im Spiel.“

Mit jeder Generation entspannt sich das Verhältnis zu einem prominenten Vorgänger. Patrick Adenauer zum Beispiel, Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers, setzt seinen Namen „gerne für das Amt als Präsident des Verbands ,Die Familienunternehmer – ASU‘ ein“. Der 47-Jährige ist aus Verbandssicht die ideale Besetzung: Als ein Adenauer findet er Gehör bei Politikern. Auf der anderen Seite vertritt er als Bauunternehmer, der mit seinem Bruder Paul einen 200-Mann-Betrieb leitet, glaubwürdig Unternehmer-Interessen.

Ganz pragmatisch geht Moritz Freiherr Knigge, Urahn des Schriftstellers Adolph Freiherr Knigge, mit dem großen Namen um. „Ich trage ihn wie eine Marke“, sagt der 39-Jährige freimütig. Unter der führen der Betriebswirt und sein Kompagnon Michael Schellberg in Düsseldorf eine Unternehmensberatung mit Schwerpunkt „wertorientierte Mitarbeiterführung“. Grundlage ihrer Seminare ist Adolph Freiherr Knigges Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“, veröffentlicht im Jahr 1788. Entgegen verbreiteter Meinung sei dies keine Benimmfibel, sagt der junge Knigge, sondern eher ein „hochaktueller Kommunikationsleitfaden“.

Entsprechend war es dem Urahnen auf der Suche nach einer Geschäftsidee „zu platt“, Etikette-Kurse zu geben – eine Idee seiner Geschwister. „Wer den klugen Knigge studiert hat, weiß: Das trifft es nicht“, betont Moritz Freiherr Knigge. Mit Anfragen, ob er richtige Tischmanieren beibringen kann, muss er als Unternehmensberater leben. Oder mit den prüfenden Blicken eines Gegenübers, wenn er im Restaurant durch seinen Milchkaffee rührt.

Zu Gelassenheit und Authentizität ermutigte schließlich sein weiser Vorfahr bereits im 18. Jahrhundert – großer Name hin oder her: „Sei nicht zu sehr ein Sklave der Meinungen andrer von Dir! Sei selbständig! Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was Du sollst?“

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