Brexit Wer will noch in Großbritannien arbeiten?

Für die Briten kann es künftig schwieriger werden, Fachkräfte zu gewinnen. Auch für deutsche Expats kann sich durch einen Brexit einiges ändern. Insgesamt profitiert der deutsche Arbeitsmarkt jedoch von einem Austritt.

Wie es nach dem Referendum weiter geht
Premierminister David Cameron Quelle: dpa
Artikel 50 Quelle: dpa
Der ungeregelte Austritt Quelle: dpa
Das Modell „Norwegen“: Quelle: dpa
Das Modell „Schweiz“: Quelle: dpa
Das Modell „Kanada“: Quelle: dpa
Das „WTO“-Modell Quelle: REUTERS

"Was da in Großbritannien passiert ist, war kein Unfall oder Zufall, das war die Entscheidung von unzufriedenen Menschen", sagt der Friedensnobelpreisträger und ehemaliger UN-Generalsekretär Kofi Annan auf einer Fachtagung vor rund 400 Managern und CEOs aus 50 Ländern. Die Unternehmer sind nach Lausanne gekommen, um vor allem "besser, schneller und bereit für den Wandel zu werden", wie eine Teilnehmerin sagt. Der Brexit ist allerdings auch am Genfer See Thema.

Der 78-jährige Annan spricht von einem Freitagmorgen-Schock. Er sei abends zu Bett gegangen in der festen Überzeugung, dass das Ergebnis knapp ausfallen werde, die Briten aber bleiben würden. "Ich war genau so überrascht wie alle anderen", sagte er. Für ihn besonders bezeichnend: "77 Prozent der Jungen haben dafür gestimmt, zu bleiben und 60 Prozent der Alten für den Austritt."

Damit trägt die Jugend Großbritanniens die Konsequenzen der Entscheidung der mehrheitlich älteren Wähler. Und diese Konsequenzen werden nicht nur bei Zöllen, im Tourismus oder bei Lebensmitteln spürbar sein.

Der Brexit wird den Arbeitsmarkt in Großbritannien verändern, wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass nun die komplette Londoner Finanz- und IT-Branche die Koffer packt und das Land verlässt. "Nach so einer Entscheidung gibt es natürlich viele Gerüchte und Sorgen - aber letzten Endes wird die Zeit es zeigen", sagt Mariano Mamertino, Wirtschaftsanalyst für Europa und Asien bei der Jobsuchmaschine Indeed.

Er sagt aber auch: "Jegliche politische Maßnahme, die die britische Regierung ergreifen wird, um ausländischen Arbeitskräften eine Arbeitsaufnahme innerhalb des Vereinigten Königreichs zu erschweren, wird sich ziemlich sicher negativ auf Unternehmen auswirken, die zur Besetzung ihrer offenen Stellen gerne auf internationale Talente zurückgreifen."

Für andere Nationen lohnt sich das. Schon jetzt wandern Fachkräfte - besonders aus dem IT-Sektor - wegen der hohen Lebenshaltungskosten aus Großbritannien ab und versuchen ihr Glück etwa in München oder Berlin.

"Die stabile Wirtschaft, der gesunde Arbeitsmarkt und eine hohe Nachfrage nach Fachkräften sind definitiv alles “Pull-Faktoren”, die für Deutschland sprechen", so Mamertino. Er geht davon aus, dass der Trend anhält und durch den Brexit noch verstärkt wird. "Sollte der Brexit den Zustrom von Fachkräften nach Großbritannien unterbinden, werden Länder wie Irland, Frankreich und auch Deutschland profitieren."

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

Umgekehrt kann es - abhängig von den kommenden Verhandlungen - für deutsche Arbeitnehmer schwierig werden, in Großbritannien zu arbeiten. Derzeit sind die aufenthaltsrechtlichen Regelungen für EU-Bürger allerdings noch Gegenstand der Diskussionen, wie Verena Braeckeler-Kogel, Leiterin der deutschen Arbeitsrechtspraxis bei Simmons & Simmons, sagt.

Wer derzeit als Expat für eine deutsche oder europäische Firma in Großbritannien arbeite, könne zunächst nur abwarten, kurzfristig ändere sich für sie jedenfalls nichts. "Expats mit Staatsangehörigkeit eines Staates der EU, des EWR oder der Schweiz fallen weiterhin unter die EU-Verordnungen über soziale Sicherheit. Diese betreffen Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Unfallversicherung, Rentenversicherung etc.", sagt sie. Das kann sich ändern, aber noch sei die zukünftige Rechtslage - insbesondere die für Expats wichtigen Themen wie Steuerrecht, Sozialversicherungsrecht und Aufenthaltsrecht, nicht abzusehen. Wer Mitarbeiter nach Großbritannien schicken und auf Nummer sicher gehen will, solle sich an den ohnehin derzeit vorgesehenen Maximalzeitraum von zwei Jahren halten. Danach wisse man mehr, sagt die Arbeitsrechtlerin.

Schließlich besteht zumindest theoretisch noch die Möglichkeit, dass das Referendum nicht ratifiziert wird. Eine Petition, die eine erneute Abstimmung der Briten über den Verbleib in der EU fordert, wurde bereits von mehr als drei Millionen Menschen unterzeichnet. Die sozialen Medien haben natürlich einen Hashtag für die reuigen Wähler und Nichtwähler: #bregret

"Der Antrag auf Verlassen der Union wurde noch nicht gestellt", sagt auch Annan bei der Veranstaltung der IMD-Business School in Lausanne. Brüssel wolle zwar verständlicherweise umgehend an den Verhandlungstisch, die Briten dagegen erbäten sich zunächst Zeit, einen neuen Premierminister zu wählen. Dass es ein Zurück gibt, glaubt Annan jedoch nicht, wie er sagt: "Es ist sehr schwierig, einmal getroffene Entscheidungen zurück zu nehmen."

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%