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Büroliebe Beziehung in der Krise

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Arzt-Paar Friebe-Jargon: Trotz vieler Vorteile des gemeinsamen Arbeitsplatzes legen beide Wert auf Distanz im Job Quelle: Nathan Beck für WirtschaftsWoche

Anscheinend gibt die akute seelische Not den größeren Ausschlag als die potenziell finanzielle. Wenn beide Partner das Gefühl haben, im selben Boot zu sitzen und gemeinsam der gleichen Sturmflut trotzen zu müssen, halten sie umso besser aus und auch zusammen. Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Susanne Hartmann und Jan Schmidt zum Beispiel arbeiten häufig 12 bis 14 Stunden am Tag. Und zwar zusammen. Die beiden sind Geschäftsführer eines Unternehmens, das rund um die Hochschulreife alles für Abiturienten organisiert. Sie fahren frühmorgens gemeinsam zur Arbeit, sitzen sich dann an zwei Schreibtischen gegenüber und fahren abends wieder zurück in die gemeinsame Wohnung.

„Wir haben wirklich eine 24-Stunden-Beziehung“, sagt Susanne Hartmann. Das helfe vor allem in schweren Zeiten wie diesen. „Wir können alle Probleme mit dem anderen offen und ehrlich besprechen“, sagt Hartmann. „Ich bin dann kein Einzelkämpfer mehr, das tut gut.“

„Weil die Welt immer unsicherer und instabiler wird, wollen sich die Leute zumindest im Privaten Sicherheit schaffen“, ist zum Beispiel auch der Ökonom und Philosoph Christoph Lütge von der TU Braunschweig überzeugt.

Büroliebe gegen den Stress

Der Stress tut sein Übriges dazu. So erklären Psychologen die zunehmenden Beziehungskisten im Büro mit hormonellen Schwankungen: Bei anhaltendem Druck pumpt der Körper mehr Stresshormone in den Blutkreislauf. Die wiederum hemmen die Ausschüttung von Testosteron, das bremst den Trieb und fördert die romantische Liebe. Wird sie erwidert, hilft sie wiederum, den Hormonhaushalt ins Gleichgewicht zu bringen.

Und weil der meiste Stress derzeit im Job entsteht, ist es für viele naheliegend, dort auch gleich nach dem Partner in spe zu suchen.

Kein Zweifel: Der Arbeitsplatz bietet für die Anbahnung einer Beziehung klare Vorteile gegenüber den eher sterilen und unpersönlichen Online-Singlebörsen oder dem Kennenlernen beim Candle-Light-Dinner. Davon ist etwa der Berner Paartherapeut und Psychologe Klaus Heer überzeugt: „Nirgendwo sonst kann man den potenziellen Partner so genau unter die Lupe nehmen, bevor man sich auf ihn einlässt.“

Ob Susanne bei geringstem Stress sofort überfordert ist, Klaus beim Essen in der Kantine schmatzt oder wie Petra nach einem aufreibenden Arbeitstag mit Augenringen aussieht, entdecken die Schmachtenden nicht erst dann, wenn der Hormonrausch der ersten Verliebtheit abklingt und die Sehkraft wieder einsetzt – sie erleben es Tag für Tag.

„Man hat schlicht eine größere gemeinsame Basis“, sagt Veronica Friebe-Jargon. Die Ärztin arbeitet zusammen mit ihrem Mann Dirk, ebenfalls Arzt, an der Uniklinik Freiburg. „Wir müssen uns nichts von Neuem erklären.“

So sehr beide die Vorteile des gemeinsamen Arbeitsplatzes schätzen, so sehr legen sie allerdings auch Wert darauf, nicht auf derselben Station zu sein. „Die Chirurgie ist kein Debattierclub. Manchmal ist der Umgangston etwas rauer, das könnte der Partner in den falschen Hals bekommen“, sagt Dirk Jargon. Auch sonst hat die Distanz Vorteile.

"Verliebte oder Paare stehen unter besonderer Beobachtung"

Büroliebschaften sind nicht ungefährlich – insbesondere in Zeiten, in denen Jobs gefährdeter sind als sonst und mancher Chef vielleicht nur nach einem Vorwand sucht, eine Kündigung auszusprechen.

Zwar dürfe kein Arbeitgeber Beziehungen am Arbeitsplatz verbieten, sagt der Arbeitsrechtler Ulf Weigelt. Aber wer am Arbeitsplatz seine Pflichten vernachlässige, der riskiere eine Abmahnung – und im Wiederholungsfall durchaus eine fristlose Kündigung.

„Verliebte oder Paare stehen unter besonderer Beobachtung“, sagt Weigelt und rät, sich möglichst nicht angreifbar zu machen.

Denn nur dann sehen deutsche Personaler die Liaison im Büro unkritischer als ihre Kollegen in den USA, die ihren Mitarbeitern Flirts am Arbeitsplatz oft per Ethik-Richtlinie verbieten. Offiziell jedenfalls existiert in keinem Unternehmen, bei dem sich die WirtschaftsWoche erkundigte, ein solches Liebesverbot: Allianz, Deutsche Bank, Volkswagen, ADAC, Deutsche Post, Bayer oder Siemens – sie alle zeigen sich äußerst offen gegenüber Jobbeziehungen.

Der Arbeitsplatz sei die „Heiratsbörse Nummer eins“, konstatiert Dieter Wirsich, Leiter der externen Kommunikation des ADAC. Er weiß, wovon er spricht – auch er lernte seine Frau bei der Arbeit kennen. Und in der aktuellen Situation spare das zudem ja auch noch Geld: „Man kann zusammen mit dem Auto zur Arbeit fahren.“

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