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Burnout-Experte Sprenger im Interview "Männer betrifft es stärker"

Der Psychotherapeut Bernd Sprenger über die Gefahren der Arbeitswelt und drei simple Wege aus der psychischen Krise.

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Sprenger, 54, ist seit sieben Jahren Chefarzt der Oberbergklinik Berlin/Brandenburg in Wendisch Rietz

WirtschaftsWoche: Herr Sprenger, viele Arbeitnehmer fühlen sich heute stark beansprucht. Sehen Sie den Burn‧out schon auf dem Weg zur Volkskrankheit?

Sprenger: In den entwickelten Industrieländern könnte das passieren.

Worauf führen Sie das zurück?

Das Problem resultiert aus der Beschleunigung der Arbeitswelt einerseits und der Verarbeitungsfähigkeit der Menschen andererseits. Viele sind dem heutigen Tempo nicht mehr gewachsen – gleichzeitig wollen sie sich nicht eingestehen, dass sie Probleme haben und eigentlich kürzertreten müssten...

...weil ihnen das als Schwäche ausgelegt werden könnte. Betrifft das Männer und Frauen gleichermaßen?

Tendenziell betrifft es Männer stärker. Denn Frauen sind stressresistenter und gestehen sich Schwächen schneller ein.

Unabhängig davon, in welcher Branche jemand arbeitet?

Als der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger das Burnout-Syndrom 1974 entdeckte, dachte er vor allem an sogenannte Helferberufe wie beispielsweise Ärzte oder Sozialarbeiter. Bei diesen war die Erschöpfung traditionell hoch. Heute sind davon alle Schichten und Branchen betroffen.

Wo genau liegt der Unterschied zwischen Stress und Burnout?

Das entscheidende Merkmal ist die Erholungsfähigkeit. Wenn Sie unter Stress leiden, was heute ja fast normal ist, fühlen Sie sich nach kurzer Erholung schon wieder fit. Bei einem Burnout können Sie sich gar nicht mehr entspannen und sind dauerhaft erschöpft.

Aber Erschöpfung alleine bedeutet doch noch keinen Burnout.

Nein, es kommt auf die emotionale Erschöpfung an. Ein Beispiel: Wenn Sie Opernfan sind und Premierenkarten geschenkt bekommen, dann können Sie sich als Burnout-Opfer darüber nicht mehr freuen, sondern sehen dieses Geschenk als reine Belastung.

„Jeder kommt mit kleinen Schritten wieder aus dem Burnout raus“

Mit dem Burnout verschwindet also jegliche Lebensfreude.

Genau. Wer unter einem echten Burnout-Syndrom leidet, hat keinerlei Energie und Lebenslust mehr und empfindet keinen Spaß mehr an Hobbys oder Aktivitäten, die ihm früher einmal große Freude bereitet haben.

Wie schnell entwickeln Menschen einen solchen Burnout?

Bei manchen dauert das nur wenige Monate, bei anderen kann sich das über Jahre hinziehen. Die sogenannte präklinische Phase drückt sich bei allen gleich aus: Typisch ist, dass unsere Patienten in dieser Phase Stress als normal ansahen und jeden Tag 120 Prozent gaben.

Dennoch erleidet nicht jeder, der im Job immer Vollgas gibt, später einen Burnout.

Nein, es kommen beim Einzelnen immer mehrere Dinge zusammen: Einerseits die äußere Arbeitsbelastung. Diese ist bei vielen Menschen sehr hoch. Der zweite Faktor sind die Gestaltungsmöglichkeiten im Job. Wichtig ist hierbei die eigene Wahrnehmung. Ich kenne Patienten, die viel Freiheit im Job hatten, dies aber gar nicht so empfanden.

Sind diejenigen, die mehr Freiheit im Arbeitsalltag haben, weniger gefährdet?

Definitiv. Die Selbstbestimmung scheint ein wichtiger Schutz vor dem Ausbrennen zu sein. Psychologische Studien haben gezeigt, dass es eines der seelischen Grundbedürfnisse ist, die Lebensumstände so weit wie möglich selbst zu kontrollieren.

Dennoch schützt das nicht vor Stress im Job...

...nein, aber die Frage ist, wie man damit umgeht. Manche blühen unter Stress auf, andere brechen irgendwann zusammen. Jeder Organismus reagiert bei Stress zunächst gleich: Der Blutdruck steigt, es werden Stresshormone ausgeschüttet. Was jemand allerdings als Stress empfindet, ist hochgradig verschieden. Daher ist das Wichtigste, zuerst die persönlichen Stressfaktoren zu identifizieren.

Und wenn man das herausgefunden hat?

Dann kann ich den bewussten Umgang mit meinen Stressfaktoren einüben. Also etwa entsprechende Situationen vermeiden, falls das geht, oder Entspannungsübungen absolvieren.

Was raten Sie Menschen, die dennoch erste Burnout-Symptome bemerken?

Genügend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung.

Also eigentlich triviale Dinge...

...sehr trivial, ja. Es erstaunt mich immer wieder, dass viele Menschen sich überhaupt nicht mehr um diese Sachen kümmern. Ungesunde Verhaltensweisen wie beispielsweise wenig Schlaf, lange Arbeitszeiten und permanente Höchstleistung gelten vielen als Ideale.

Umdenken und der Burnout ist abgewendet?

Das ist die gute Nachricht: Aus dem Burn‧out kommt jeder mit einfachen, kleinen Schritten wieder heraus. Das Schwierige ist, den Patienten klarzumachen, dass sie etwas ändern müssen.

Ein Patient bleibt bei Ihnen im Durchschnitt sechs Wochen. Wie viele der Betroffenen kommen ein zweites Mal?

Wenige. Wer das Problem erkannt und verinnerlicht hat, wird selten rückfällig.

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