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Christopher Rauen im Interview "Psychosen kann man nicht coachen"

Der Psychologe und Manager-Coach Christopher Rauen über Quacksalber in der Branche und die Grenzen von persönlichem Karriere-Coaching.

Christopher Rauen, 39, ist Vorsitzender des Deutschen Bundesverbandes Coaching (DBVC) und Lehrbeauftragter der Universitäten Freiburg, Hannover, Flensburg und Osnabrück

WirtschaftsWoche: Herr Rauen, was kann ein Coach leisten?

Christopher Rauen: Die wichtigste Funktion ist die des neutralen Feedbackgebers. Führungskräfte bekommen oft nur politisch motivierte Rückmeldungen. Ich nenne das den Honecker-Effekt: Wo der damalige DDR-Staatschef entlangfuhr, wurden vorher die Fassaden angemalt und Schlaglöcher ausgebessert, sodass er den wahren Zustand des Landes nicht erkannte. Vielen Managern geht das ähnlich. Ein guter Coach kann ihnen das ungeschönte Feedback geben, das sie von ihrem Umfeld nicht mehr bekommen.

Das können aber doch nur Rückmeldungen zu Verhaltensweisen sein. Der Coach kennt das Unternehmen schließlich nicht von innen.

Weil das so ist, kann Coaching auch keine Fachberatung, sondern allenfalls eine Prozessberatung sein. Nur sieht der Manager im Tagesgeschäft oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr.

Den sieht der Coach womöglich auch nicht, wenn der Klient seine Geschichte schönfärbt und den Coach so manipuliert...

...was eine große Gefahr des Coachens ist. Wenn der Coach sich allein auf Schilderungen verlässt und den Klienten nicht kritisch hinterfragt oder sich keine zweite Außensicht einholt, dann kann der ganze Prozess zu einer gegenseitigen Beweihräucherung entarten.

"Sonst sieht er vielleicht nur dessen Schokoladenseite"

Wie bitte?! Sie raten, dass ein Coach Dritte zu seinem Klienten befragen sollte?

Jedenfalls sollte er seinen Klienten mindestens in dessen relevantem Umfeld erleben und nicht nur in seinem Büro. Sonst sieht er vielleicht nur dessen Schokoladenseiten – und um die geht es nicht.

Und was, wenn sich herausstellt, dass da jemand mit einer veritablen Psychose sitzt?

Schwere psychische Erkrankungen kann man nicht coachen, so jemand braucht eine Therapie. Das jedoch ist eine völlig andere Form der Beratung. In diesem Fall muss der Coach seinem Klienten sagen, dass er ihm nicht helfen kann – ihn mit dem Problem aber auch nicht alleine lassen. Ein guter Coach verfügt über ein Netzwerk zu Ärzten und Therapeuten, an die er so jemanden vermitteln kann.

Was wäre, wenn der Coach zugleich ein ausgebildeter Psychotherapeut ist?

In diesem Fall muss man die Rollen klar trennen. Der Coach muss deutlich sagen, wo das Coaching endet und die Therapie beginnt. Zudem brauchen beide dafür einen ganz anderen Kontrakt und der Klient sollte vorher genau schauen, ob die Kompetenzen des Coachs, beziehungsweise des Therapeuten zum Problem passen. Auch in der Psychotherapie gibt es Spezialisten, etwa für Neurosen oder Psychosen. Meine Erfahrung ist aber, dass die Anfragen eher andersherum gestellt werden.

Wie andersherum?

Es gibt häufiger Manager, die Coaching auf Krankenschein machen wollen, Motto: Sie sind ja auch Therapeut, können wir Ihre Dienstleistung dann nicht über die Krankenkasse abrechnen? Natürlich darf man sich als Coach darauf keinesfalls einlassen. Von moralischen Gründen abgesehen macht man sich dadurch erpressbar. Das verstößt gegen alle Standesregeln.

Apropos: An welchen Stellen überschreitet ein Coach diese Grenzen?

Leider höre ich immer wieder, dass Klienten schon im Vorgespräch genötigt werden, regelrechte Knebelverträge zu unterschreiben. Darin soll sich der Klient dann zum Beispiel verpflichten, zehn Sitzungen zu bezahlen, obwohl sein Anliegen vielleicht schon nach der vierten Sitzung gelöst ist. Das macht kein seriöser Coach!

Was machen Sie, wenn Sie während des Prozesses feststellen, dass sich Ihr Problem noch verschlechtert hat?

Sobald man das erkennt, muss man das Coaching abbrechen. Auch das macht einen guten Coach aus, dass der Klient jederzeit aus dem Prozess aussteigen kann. Zudem empfehle ich bei schlechten Erfahrungen mit einem Coach, diese einem Coaching-Verband, aber auch der örtlichen Industrie- und Handelskammer zu melden oder sich gar an einen Sekten- und Weltanschauungsbeauftragten zu wenden, damit Scharlatane bekannt werden.

Haben die Kunden juristische Ansprüche gegen einen solchen Coach?

Auf juristischem Weg hat man fast keine Chance. Sie bezahlen ja nicht ein Ergebnis, sondern eine Dienstleistung. Der Coach wird immer sagen können, er habe gut gecoacht, der Klient aber nicht gut umgesetzt. Deshalb ist es so wichtig bei der Auswahl des Coachs, mehrere Angebote einzuholen und zu vergleichen.

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