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Coaching Die zweifelhaften Methoden vieler Karriereberater

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Branche leidet an einem Wirrwarr von Qualitätsstandards Quelle: Falko Matte - Fotolia.com

So wie die Bankerin, die ahnungslos einen Knebelvertrag über fünf Coaching-Stunden unterschrieb – für 17 000 Euro. Oder die Qualitätsbeauftragte eines Medizintechnik-Unternehmens, die ein 5000 Euro teures Coaching buchte, um ihre Probleme mit einer jüngeren Vorgesetzten zu lösen. Doch statt Hilfe zu bekommen, wurde sie mit Mutmaßungen darüber konfrontiert, ob sie eher „spröde Jungfrau“ oder „Sexbestie“ sei.

Zwar grenzt sich Coaching ausdrücklich von der Psychotherapie ab. Die Methoden aber sind vielfach aus der Therapie- und Supervisionsszene entlehnt. Und das nicht zufällig: Als das Psychotherapeuten-Gesetz Ende der Neunzigerjahre strengere Ausbildungskriterien festlegte, wechselten viele ins ungeschützte Coaching. Zweifelsohne leidet die Branche an einem Wirrwarr von Qualitätsstandards und den damit verbundenen Tricksereien. Doch auch ihre seriösen Vertreter wollen das Problem letztlich nicht lösen. In Deutschland gibt es mehr als 25 Coaching-Verbände mit jeweils eigenen Beitrittsvoraussetzungen, die kein Interesse daran haben, Marktmacht abzugeben.

Hilfe zur Selbsthilfe, nicht Ratschläge von der Stange

Da ist der einzelne Coach, der fürchtet, mit einer einheitlichen Ausbildung zum „Lebensberater“, wie es zum Beispiel in Österreich der Fall ist, sein Alleinstellungsmerkmal zu verlieren. Und da sind über 330 verschiedene sogenannte Institute und Ausbilder – viele von ihnen selber Coaches –, die irgendwen zu irgendwas aus- und weiterbilden und dabei Zertifikate verteilen, von denen keiner weiß, was sie letztlich wert sind.

Außer Harald Geißler. Er leitet die Forschungsstelle Coaching-Gutachten, die der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität angegliedert ist. Geißler lässt sich von Zertifizierungen schon lange nicht mehr blenden: „Fast jeder, der zahlt, bekommt sie auch“, sagt Geißler. Er verlasse sich lieber auf das, was er sieht.

Wer in seine Datenbank aufgenommen werden will, muss unter anderem einen beispielhaften Prozess aus seiner Praxis mit Schauspielern nachstellen. Die größten Scharlatane hält Geißler sich damit vom Hals. Und oft muss er feststellen, dass viele Coaches „eigentlich Trainer sind“. Der Unterschied: Während Coaches in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe leisten, hören die oft ebenfalls miserablen Trainer ihren Klienten nicht mal richtig zu und stülpen ihnen stattdessen – rhetorisch versiert – Ratschläge von der Stange über.

So haarsträubend das auch klingt: Genau solche Trainings sind nach wie vor der „Einschleusemechanismus“ in ein Unternehmen, sagt Geißler. Trainings zu Kreativität oder Rhetorik, zu besseren Verkaufsgesprächen oder effektiverer Teamarbeit sind für viele Freiberufler das Brot-und-Butter-Geschäft. Diesen Schluss legt auch eine Marburger Studie zum Coaching-Markt nahe. Demnach machen zwei von drei Anbietern mit Coaching nur maximal 30 000 Euro ihres jährlichen Umsatzes.

Und so gibt es sie zuhauf, die beratenden, coachenden Motivationstrainer, die ganze Belegschaften begeistern, in der Tradition des Niederländers Emile Ratelband („Tsjakka!“) oder des Deutschen Jürgen Höller („Gib nie, nie, niemals auf!“). Und die nicht Nein sagen, wenn die Teilnehmer nach der Veranstaltung seelenwund fragen, ob sie denn auch Einzelcoaching anbieten. Natürlich ungeachtet dessen, dass der Referent womöglich nur ein ehemaliger Leistungssportler, Direktverkäufer oder Unternehmensberater ist. Oder alles zusammen.

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