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Demografie Generation Silberfuchs

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Nowak Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

Weil schon 2015 jeder vierte Mitarbeiter im Unternehmen zwischen 55 und 65 Jahre alt sein wird, hat sich auch Continental intensiv mit den Bedürfnissen seiner Belegschaft auseinandergesetzt – damit die Kollegen auch künftig mit den bis zu 80 Kilogramm schweren Reifen hantieren können. „Die demografische Entwicklung treibt die ergonomische an“, sagt Klaus-Dieter Wendt, Sicherheitsingenieur im Werk Hannover-Stöcken.

Bundesweit hat der Automobilzulieferer knapp 24 000 Produktionsarbeitsplätze analysiert: Körperhaltung und Muskelarbeit, Lasten und Erschütterungen, Lärm und Temperaturen, Zugluft und Beleuchtung wurden gemessen. Aus den Daten entstand, auf einer Skala von eins bis sieben, für jeden Arbeitsplatz ein Wert, der den Grad der Belastung beschrieb.

Simpel und preiswert

Das Ziel für die Führungskräfte für 2009 und 2010 lautete: Um jeweils zehn Prozent soll die physische Belastungsrate gesenkt werden. „Neue Arbeitsplätze“, so der Leiter Gesundheitsschutz, Arbeits- und Unternehmenssicherheit Peter Dolfen, „sollen die Mitarbeiter physisch so wenig wie möglich belasten.“

Manchmal waren die Lösungen simpel und preiswert: Eine Halogenleuchte verbessert das Licht und mindert Augenbeschwerden, mattierte Tischplatten schützen vor Reflektionen. Und dank höhenverstellbarer Arbeitsplatten können Arbeiter, die kleiner als 1,70 Meter sind, die Reifen nun so gut bearbeiten wie Kollegen mit 1,90 Meter Körpermaß.

Investitionen, die sich langfristig lohnen. Denn oft gingen ergonomische Verbesserungen mit Produktivitätsgewinnen einher. Die Laseruntersuchung der Reifen im Bereich Forschung & Entwicklung am Standort Hannover-Stöcken geht nun schneller, weil dank eines verlängerten Rollbands das manuelle Drehen und Herumheben des schweren Gummimonstrums entfällt. Auch die Säge, die Abschnitte aus den Reifen schneidet, wird nun nicht mehr in gebückter Haltung von Hand bestückt und justiert. Stattdessen wird der Reifen über einen Minikran bewegt und dann justiert. Folge: Statt zwölf Minuten braucht der Arbeiter nur noch zwei Minuten für einen Reifen. Und weil er den Sägevorgang selbst nicht beobachten muss, kann er in der Zwischenzeit körperlich weniger anstrengende, administrative Aufgaben erledigen.

Lust am Lernen

Erleichterungen, von denen auch Herbert Nowak profitiert. Allein seine Metallschürze aus Kettengliedern, die jedem Ritter Ehre machen würde, wiegt fünf Kilo. Entsprechend froh ist er um jedes Gramm, dass er nicht noch zusätzlich heben und verschieben muss. Der 56-Jährige wurde vor 32 Jahren bei Continental im Mischsaal angelernt, hat später im Versand Lkws mit Reifen beladen und arbeitet heute in der Abteilung Forschung & Entwicklung. Um dorthin wechseln zu können, belegte Nowak Abendkurse in Chemie und Englisch.

Dass bei Weiterbildungen nicht nur fachliche Qualifikationen gepaukt werden sollten, haben Christian Stamov Roßnagel und Sven Voelpel von der Jacobs University in Bremen herausgefunden: Bei einer Befragung von rund 1100 Beschäftigten stellten sie fest, dass gerade ältere Arbeitnehmer, die sich länger nicht fortgebildet hatten, erst einmal das Lernen selbst wieder lernen müssen.

Um diese Lust am Lernen neu zu wecken, hat die Otto Group das Format „Lunch & Learn“ entwickelt: 20 Minuten dauert ein Vortrag, etwa über „Die Zukunft der digitalen Katalogproduktion“, 20 Minuten diskutieren die Mitarbeiter bei Snacks das Gehörte, 20 Minuten befragen sie den Referenten.

Auch der Krananlagenprüfer Brockmann weiß, wie wichtig geistige und körperliche Beweglichkeit für sein weiteres Berufsleben sind. Er bildet sich heute regelmäßig weiter, weil sich Elektronik und Software für die Kräne ständig verändern. Außerdem hat er aufgehört zu rauchen. „Sonst leidet die Kondition“, sagt der 54-Jährige, „Und das kann ich mir in meinem Alter einfach nicht leisten.“

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