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Depressionen im Büro Die Scham-Spirale

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Grafik: Gründe für frühzeitige Rente

Kurz darauf ist der Spuk vorbei. Aber die Symptome kommen immer wieder. Innerhalb weniger Wochen verwandelt sich Vera Schneider in einen völlig verängstigten Menschen: Aus Furcht will sie am liebsten nur noch auf dem Sofa liegen. Kardiologen und Neurologen finden nichts. Erst bei einer Verhaltenstherapie wird klar, dass Vera Schneiders Panikattacken psychische Gründe haben. „Ich bin in dem Job aufgegangen und habe den Stress nicht als störend empfunden“, sagt sie, „trotzdem hat er mir geschadet.“

Gelegentliche Stressspitzen können Menschen verkraften. „Aber Dauerstress verändert den Stoffwechsel im Körper“, sagt der Mainzer Psychiater Otto Benkert. Wenn das Hirn unter dem Dauerfeuer des Stresshormons Kortisol steht, sterben Nervenzellen ab und bilden sich nicht mehr neu. Diese neurobiologischen Veränderungen sind – wahrscheinlich genetisch begünstigt – ein Auslöser für eine Depression. Experte Benkert hat dafür einen Begriff entwickelt: Stress-Depression. In seinem gleichnamigen Buch spricht er bereits von einem „Massenleiden“.

Wird es nicht behandelt, steigt nicht nur das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken. Im Extrem kann der Druck bis zum Suizid führen. Knapp 9400 Menschen nahmen sich 2007 in Deutschland das Leben. So wie kürzlich Nationaltorwart Robert Enke. Beim französischen Konzern France Télécom brachten sich seit 2008 sogar mehr als 20 Mitarbeiter um. In einem Abschiedsbrief machte ein Techniker Stress und Arbeitsbedingungen für seinen Entschluss verantwortlich.

Angststörungen, Suchtprobleme oder Depressionen

Werner Gross kennt diesen Stress, der Führungskräfte erst in die Verzweiflung und dann in seine Offenbacher Praxis treibt. Man muss nur seinen Terminkalender studieren und weiß, wo die Wirtschaftskrise gerade besonders heftig tobt. „Nach den Börsencrashs kamen erst die Banker“, sagt der Psychotherapeut, „jetzt kommen Führungskräfte aus dem produzierenden Gewerbe und dem Handel.“ Sie haben Angststörungen, Suchtprobleme oder eben Depressionen. Wie der junge Manager mit der Blitzkarriere, der zwischen Deutschland, Nordamerika und Asien pendelte und in einer Beziehung lebte, für die Psychologe Gross die Kürzel „DCC“ und „LAT“ verwendet: „Dual Career Couple“, „Living Apart Together“ – eine Partnerschaft, in der beide Karriere machen und sich daher oft an verschiedenen Orten aufhalten. Ein Leben voller Erfolg, aber auch voller Belastungen, beruflich und privat. Der Manager stand immer unter Strom. Bis seine Beziehung auseinanderbrach. „Eine Depression ist ein multifaktorielles Geschehen“, sagt Gross. Persönlichkeit, Beruf, Privatleben – alles spielt eine Rolle. Gross vergleicht das mit einem Fass, das immer voller läuft, bis ein Tropfen es zum Überlaufen bringt.

Für den jungen Manager war dieser Tropfen die Trennung. Nach düsteren Wochen klopfte er an die Tür von Werner Gross, um sich „coachen“ zu lassen. Auch das ist typisch: Führungskräfte haben Schwierigkeiten, ihre Erkrankung vor sich und der Umwelt einzugestehen. Deswegen nennen Manager ihre Therapeuten Coachs und ihre Therapie „Persönlichkeitsoptimierung“. Auch wenn die Krankenkasse ein Coaching nicht bezahlt und dafür 19 Prozent Umsatzsteuer anfallen.

Das zeigt: Psychische Krankheiten sind ebenso tabuisiert wie verbreitet. Dahinter steckt die Angst, nicht mehr als leistungsfähig, als nicht belastbar zu gelten und die Karrierepläne begraben zu müssen. Wer traut schon einem Chef Führungsqualitäten zu, der sich selbst nicht im Griff hat? „Auf eine überstandene Bypass-Operation ist man stolz und gilt als Held der Arbeit“, sagt Thomas Schläpfer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. „aber eine Depression verschweigt man lieber.“

Manche Betroffene sind so geübt im Verheimlichen, dass sie ihrem Umfeld lange überhaupt nicht auffallen, obwohl sie innerlich Höllenqualen leiden. „Smiling Depressives“, zu Deutsch: lachende Depressive, nennt Manfred Wolfersdorf solche maskierten Menschen. Der Suizidforscher und Chefarzt der Psychiatrischen Klinik des Bezirkskrankenhauses Bayreuth schaut ganz gezielt hinter solche Fassaden und untersucht, warum sich auch besonders erfolgreiche Menschen das Leben nehmen.

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