Depressionen im Büro Die Scham-Spirale

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Bei einer Depression muss Quelle: dpa

„Viele Manager oder Politiker sind Perfektionisten und haben ein Idealbild von sich selbst“, sagt Wolfersdorf. „Kaum weicht die Realität von ihrem Idealbild ab, droht alles zusammenzubrechen.“ Die Scham treibe manche bis in den Suizid. Es sei denn, aufmerksame Angehörige, Freunde oder Kollegen holen Hilfe. So wie im Fall von Heiko Eltz*. Wenn der Unternehmer aus Süddeutschland heute von seiner Depression erzählt, klingt er gefasst und aufgeräumt. Noch zu Beginn dieses Jahres war er von diesem Zustand weit entfernt: Da hatte er sich gerade Schlaftabletten und einen Gartenschlauch gekauft, um sich mit den Abgasen seines Autos zu ersticken.

Zuvor hatte sich über vier Jahre eine schwere Depression aufgebaut. Es fing damit an, dass Eltz nachts wach lag und sich tagsüber immer gehetzter fühlte. Geschäftspartner, Familie, Freunde – allen wollte er gleichzeitig gerecht werden. „Was ich auch tat“, sagt Eltz, „ich hatte das Gefühl, es ist zu wenig.“ Eltz fiel es schwer, sich zu konzentrieren und Dinge zu merken. Dienstfahrten strengten ihn so sehr an, dass er danach tagelang nicht mehr konnte. Häufig saß er bis drei Uhr nachts im Büro; wochenlang griff er zu Wodka, um sich aufzuputschen.

Im Januar dieses Jahres kam der Zusammenbruch: „Ich lag im Bett und konnte nicht mehr aufstehen“, sagt Eltz, „es ging einfach nicht mehr.“ Kurz bevor er Schluss machen wollte, fanden ihn Angehörige und brachten ihn ins „Schlössli“ bei Zürich, spezialisiert auf „Stressfolgeerkrankungen“, stadtnah und doch auf dem Lande. Und sehr diskret: Wer sich bei Chefarzt Martin Keck anmeldet und unerkannt bleiben will, bekommt auf Wunsch ein Pseudonym, das auf alle Akten und Papiere gedruckt wird.

Burn-Out klingt für manchen wie eine Auszeichnung

Nur Keck weiß dann, wer sich wirklich hinter Rosi Müller oder Ulf Meier verbirgt: Investmentbanker, Manager und Politiker, die immer tiefer in das Loch Depression gestürzt sind. „Die nennen das Burn-out, weil das wie eine Auszeichnung klingt“, sagt Keck, „ich nenne das berufsbedingte Erschöpfungsdepression.“ Wenn die tief gestürzten Hochleister bei Keck Platz nehmen, drückt er ihnen eine Broschüre in die Hand. Darin steht ein wichtiger Satz: „Richtig behandelt, ist die Depression heutzutage heilbar.“

Darunter findet sich ein Schaubild, auf dem eine orangefarbene Gesundheitskurve ein tiefes Loch formt: Im tiefsten Punkt setzt die Akuttherapie an. Sie dauert sechs bis zwölf Wochen, in denen die Patienten neben Antidepressiva vor allem eine individuelle Psychotherapie bekommen, stationär und dann ambulant. Heiko Eltz hat diese Phase inzwischen hinter sich. Er unternimmt wieder kleinere Reisen und macht Pläne. Mit seiner Depression geht er offen um, um anderen zu helfen und das Thema aus der Tabuzone zu holen. „Die Reaktionen sind durch die Bank positiv“, sagt Eltz, „viele haben schon ähnliche Dinge durchgemacht.“

Nach der Akuttherapie steigt die Gesundheitskurve wieder an, bis sie nach einigen Monaten auf dem alten Niveau vor der Erkrankung angelangt ist. Erst wenn weitere sechs Monate ohne Rückfälle und mit Therapiesitzungen vergangen sind, gilt der Patient als geheilt. Spätestens jetzt kehrt er an den Arbeitsplatz zurück. Aber wie hilft man ihm beim Neustart? Wie sollten Kollegen und Vorgesetzte Betroffene generell behandeln?

Zum Beispiel die Deutsche Telekom, die Workshops und eine Notfallhotline anbietet. Oder E.On: Seit 2008 informiert der Energiekonzern gezielt Führungskräfte, Vorstände und Betriebsräte über psychische Belastungen und vermittelt ihnen in Schulungen und Rollenspielen, wie sie Betroffenen am besten weiterhelfen. Manager bekommen Coaching-Gutscheine, die sie anonym einlösen können.

„Wir wollen psychische Krankheiten entstigmatisieren“, sagt E.On-Gesundheitsmanager Uwe Nickel, „sodass betroffene Kollegen sich nicht verstecken müssen und rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen können.“ Auch Laura Wilms und Vera Schneider haben es auf diese Weise geschafft. Schneider leitet heute die Personalentwicklungsabteilung ihres Unternehmens. Sie hilft betroffenen Kollegen und gibt ihre Erfahrungen in Seminaren weiter. Und Laura Wilms heuerte bei BMW an. Als sie dort einen Rückfall erlebte, reagierte ihr neuer Chef verständnisvoll und hilfsbereit: „Das hat unheimlich gut getan“, sagt die 44-Jährige, „und mir die Rückkehr in den Job sehr erleichtert.“

* Name von der Redaktion geändert

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