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Digitales Utopia Abschied von der Privatsphäre

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Screenshot der Quelle: dpa

So gibt es auch gute Gründe dafür, warum zahlreiche Führungskräfte großer Unternehmen bisher nicht allzu häufig in virtuellen Netzwerken zu finden sind. Gewiss, das mag zum Teil ein Generationsproblem sein. Doch es ist auch klug, nicht überall sofort und immer erreichbar zu sein. Wenn ein CEO etwa selbst twittert, gewinnt er so noch lange keine Glaubwürdigkeit. Aber er macht sich verfügbar und schürt die Erwartung, dass er persönlich antwortet. Ansonsten enttäuscht er und schadet seinem Image und womöglich auch noch dem seines Unternehmens.

Und umgekehrt: Wie würden Sie reagieren, wenn Sie jeden Tag von ihren Kunden, Dienstleistern oder Mitarbeitern Hunderte von E-Mails via Skype, Twitter oder Facebook erhalten würden?

Zu viel Nähe kann den Einzelnen schnell überfordern und das Streben nach Abgrenzung vom öffentlichen Mob fördern. Ich meine, Öffentlichkeit um jeden Preis ist keine Tugend. Vielmehr stellt Abgrenzung auch einen wichtigen Schutzmechanismus dar, der etwa Managern hilft, ihre primären Aufgaben konzentriert zu erfüllen, statt sich alle paar Sekunden unterbrechen zu lassen. Mehr noch: Wie glaubwürdig oder seriös wirkt eine Führungskraft noch, die ständig mailt, chattet oder twittert, statt verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen und zu exekutieren?

Manchmal ist Zurückhaltung zwingend notwendig

In der totalen Transparenz erfahren wir alles über einen Menschen: persönliche Schwächen, Vorlieben, Ängste und Krankheiten. Doch wenn das Private völlig offen zugänglich ist, verliert es seine Bedeutung und verkleinert die Entscheidungsspielräume des Einzelnen. Schließlich müsste dieser jeden Schritt austarieren und sich überlegen, wie er sich auf seine Karriere, sein Unternehmen oder seine Beziehungen auswirkt.

Zwar inszenieren bereits manche Manager und Politiker ihr privates Leben öffentlich, doch Authentizität ist etwas anderes. Glaubwürdigkeit gewinnen Entscheider nicht dadurch zurück, dass sie sich ins Glashaus setzen. Vertrauensvolle Beziehungen zu Kunden und Mitarbeitern können Manager nur durch konkretes Handeln im Unternehmensalltag aufbauen und allenfalls mit einer dosierten Transparenz würzen.

Wir sollten nicht den naiven Fehler begehen, ungesichert und bar jeder Vernunft in die „Google-Schlacht“ zu ziehen. Aufmerksamkeit um jeden Preis wirkt nur effekthascherisch. Manchmal ist ein wenig Zurückhaltung nicht nur vornehm, sondern auch zwingend notwendig, um unsere persönlichen Interessen zu schützen.

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