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Digitalisierung Kinder haben Probleme mit Handschrift

Die handschriftlichen Fähigkeiten des Nachwuchses nehmen ab, die Tastatur scheint Kindern und Jugendlichen oft näher als der Stift. Experten sehen im digitalen Zeitalter eine Kulturtechnik bedroht.

Handschrift Tafel Schüler Quelle: dpa

Was der kleine Jasper macht, ist keine bloße Malstunde. In der Kölner Kita trainiert der Fünfjährige mit anderen Knirpsen kurvenreiche Linien. „Das macht Spaß“, sagt Jasper, den Wachsmalstift fest im Fäustchen. 

„Die Bewegung brauchen die Kinder später in der Schule, für das n und viele andere Buchstaben“, erklärt Motorikforscher Christian Marquardt.

Hintergrund der Übungen: Die Fähigkeit, von Hand zu schreiben, lässt bei Kindern im digitalen Zeitalter deutlich nach. Das hat nun schon eine zweite Umfrage ergeben, die bei der Bildungsmesse Didacta in Köln vorgestellt wurde. Experten sehen eine Kulturtechnik in Gefahr und wollen gegensteuern.

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia


Die Lage sei höchst besorgniserregend, betont der Präsident des Didacta-Verbands, Wassilios Fthenakis. Es gehe um eine wertvolle Technik, die in der kulturellen Entwicklung der Menschheit eine maßgebliche Rolle gespielt habe. „Es ist wichtig, dass diese Kulturtechnik nicht geopfert wird auf dem Altar der neuen Medien.“ Die Gesamtgesellschaft trage Verantwortung dafür, die Handschrift zu erhalten, mahnt er. Und: „Wir müssen dem Terrorismus von E-Mails und WhatsApp etwas entgegensetzen.“

Wie ist der Stand der Dinge? Aus einer repräsentativen Umfrage des Schreibmotorik Instituts - rund 1000 Mütter wurden befragt - ergibt sich: Etwa 1,2 Millionen Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren könnten nicht ausdauernd leserlich und unverkrampft schreiben. Noch trister sei das Ergebnis einer Erhebung des Lehrerverbands von 2015 - nach Befragung von 2000 Lehrkräften: Jeder zweite Junge und fast jedes dritte Mädchen habe Probleme, eine gut lesbare Handschrift zu entwickeln. Das sollte laut Kultusministerkonferenz bis Ende der vierten Klasse gelingen.

Wie der Klassenraum das Lernen beeinflusst
Schülerinnen gehen durch die Eingangshalle vom Neubau des Sachsenheimer Lichtenstern Gymnasiums Quelle: dpa/dpaweb
Farbspektrum Quelle: Fotolia
Ein leeres Klassenzimmer einer Schule Quelle: dpa
Das mit viel Holz gestaltete 200 Quadratmeter große Atrium ist am 20.04.2015 in der Kindertagesstätte "Wellenreiter" in Wismar Quelle: dpa
Kim, Miguel, Oliver und Michael aus der ersten Klasse der Grundschule Langenenslingen (Baden-Württemberg) rennen aus dem Schulgebäude. Quelle: dpa
Ein Ventilator steht in einem Büro. Quelle: dpa
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Quelle: dpa


Der Realität entspreche das aber nicht, sagt auch der Bundeselternrat. Der Vorsitzende Michael Töpler appelliert, Eltern sollten mit gutem Beispiel vorangehen und die Tastatur öfter mal links liegen lassen. Der handgeschriebene Brief sei die „persönlichste Form der Kommunikation“ und bringe Wertschätzung zum Ausdruck, gibt Fthenakis zu bedenken. Schreiben heißt aber für viele Kinder und Jugendliche zumindest in der Freizeit: Auf ihre Smartphones, Tablets und Laptops eintippen.

Auch Wissenschaftler Marquardt beklagt, die Handschrift werde im Alltag zurückgedrängt - folgenreich. „Dass es Probleme beim Handschreiben gibt, wissen wir seit Langem.“ Nun sei aber das Ausmaß deutlich - und zwinge zum Handeln. „Es ist nachgewiesen, dass das Handschreiben andere Hirnareale aktiviert.“ Also zu einem konzentrierteren, tieferen und nachhaltigeren Lernen führe. Er befürchtet: Verschlimmere sich das Handschrift-Problem der Schüler, könnten sich die Stimmen mehren, die auch in der Schule, im Unterricht und bei Klassenarbeiten der Einfachheit halber stärker auf den digitalen Weg und die Tastatur setzen wollen.

In Arbeit
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Nun will die neu ins Leben gerufene „Aktion Handschreiben 2020“ eine bessere Förderung des Handschreibens in Kita und Schulen erreichen. Bis 2020 soll dazu flächendeckend ein wissenschaftlich fundiertes Übungsprogramm bereitstehen, versprechen die Gründungsmitglieder Didacta-Verband und Schreibmotorik Institut.

Jasper, Bruno, Emilia, Lennart und Clara versuchen sich schon freudig an den Übungen fürs Vorschulalter. Feinmotorik ist gefragt. Sie sollen auf dem Papier die Rennstrecke von Hugo Blitz mit dem Stift nachzeichnen. Clara ist als erste fertig und strahlt: „Das war doch ganz einfach.“

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