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Diversität in der Start-up-Szene Barrieren im Kopf

Von den etwa 10,4 Millionen Menschen mit einer Behinderung in Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt nur knapp 57 Prozent im Alter zwischen 15 und 64 Jahren berufstätig Quelle: imago images

Viele Unternehmen zahlen lieber eine Abgabe als Menschen mit Behinderung einzustellen. Vor allem in der Start-up-Szene. Die Initiative Inklupreneur will das ändern.

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Die Geschichte von Inklupreneur beginnt mit Gert. Ohne ihn, da ist Nils Dreyer sicher, wäre er nie auf die Idee gekommen Menschen mit Behinderung Jobs in einem Start-up zu besorgen. „Weil mir ohne ihn gar nicht bewusst geworden wäre, wie schwierig der Einstieg in den normalen Arbeitsmarkt häufig ist.“

Die beiden Männer begegneten einander vor rund zehn Jahren, als Nils Dreyer gemeinsam mit einem Freund eine Content-Marketing-Agentur an den Start brachte. Auf der Suche nach einem guten Softwareentwickler empfahl ihnen die Gründungsberatung, mit dem Arbeitsamt zu kooperieren. „Aus den Bewerbungen stach nur eine heraus“, erinnert sich Nils Dreyer. „Gerts Kompetenzen und Erfahrungen waren exzellent.“

Dennoch blieb Dreyer zunächst skeptisch, denn der mögliche neue Mitarbeiter hatte immer nur zwei Jahre in jedem seiner vorherigen Jobs gearbeitet. In einem Vorstellungsgespräch stellte sich schließlich der Grund heraus: Gert hat eine Behinderung, bei seiner Geburt bekam er zu wenig Sauerstoff und kämpft in der Folge unter anderem mit Lähmungserscheinungen.

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    Weil er dadurch als schwerbehindert gilt, erhielten die Firmen für seine Einstellung eine finanzielle Förderung – und die lief damals nach 24 Monaten ab. Gert musste dann meist gehen, trotz seines Knowhows. Dreyer und sein Co-Gründer waren empört. Für sie stand fest: Wir wollen Gert. „Und zwar nicht, weil wir gute Menschen sind“, betont Nils Dreyer, „sondern weil wir wussten, dass wir mit ihm einen Topmitarbeiter bekommen, der unser Unternehmen vorwärts bringen wird.“

    Der erste fest angestellte, sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter im Start-up war somit ein Mensch mit Behinderung. Geplant war das nicht, aber dieser Zufall brachte einen Stein ins Rollen – und führte letztendlich, zehn Jahre später, zur Gründung von „Inklupreneur“.

    Nils Dreyer, der seine Anteile an der Agentur verkauft hat, arbeitet mittlerweile als Geschäftsführer der Hilfswerft, einer gemeinnützigen GmbH in Bremen, die Programme entwickelt, um Gründer und Unternehmer fürs Social Entrepreneurship zu gewinnen. Sein Ziel: Brücken schlagen zwischen zwei Gruppen, die bislang nur wenig miteinander zu tun hatten: Von den etwa 10,4 Millionen Menschen mit einer Behinderung in Deutschland waren laut Statistischem Bundesamt nur knapp 57 Prozent im Alter zwischen 15 und 64 Jahren berufstätig. Die Erwerbsquote nichtbehinderter Menschen in dieser Altersgruppe beträgt dagegen knapp 82 Prozent. Damit sind Menschen mit einer Behinderung doppelt so häufig arbeitslos wie Menschen ohne Beeinträchtigung.

    Für Nils Dreyer eine nicht tragbare Situation. Zwar fordert die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die auch Deutschland unterzeichnet hat, seit dem Jahr 2009 die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am allgemeinen Arbeitsmarkt. Und Unternehmen, die mehr als 20 Beschäftigte haben, sind hierzulande gesetzlich dazu verpflichtet fünf Prozent ihrer Stellen mit schwerbehinderten Menschen zu besetzen. Doch in der Realität helfen diese Vorgaben nur wenig. „Statt es einfach auszuprobieren, entscheiden sich viele Unternehmen stattdessen für die sogenannte Ausgleichsabgabe“, sagt Dreyer.

    Nils Dreyer und die Hilfswerft-Crew. Quelle: Nils Schröder

    Begegnungen sind selten

    Die besagt, dass die Firmen für jeden Arbeitsplatz, der nicht mit einem Menschen mit einer schweren Behinderung besetzt wird, je nach Größe des Betriebs zwischen 100 und 300 Euro monatlich zahlen zu müssen. Das Geld fließt vor allem an die Integrationsämter, die damit Schwerbehinderte und deren Arbeitgeber fördern. Durch die Ausgleichsabgaben kamen im vergangenen Jahr gut  670 Millionen Euro zusammen. Rund ein Viertel der deutschen Unternehmen beschäftigt keinen einzigen schwerbehinderten Menschen. Eine aktuelle Untersuchung der Jobplattform Monster und des gemeinnützigen Vereins Sozialhelden hat ergeben, dass knapp drei Viertel der Deutschen am Arbeitsplatz noch nie Kontakt zu einem Menschen mit Behinderung hatte.

    Genau dieser fehlende Kontakt ist laut Nils Dreyer das Problem. „Das sorgt für Vorurteile, die in vielen Fällen ungerechtfertigt sind. Obwohl Menschen mit Behinderung gleich oder sogar besser qualifiziert sind, haben sie es schwerer einen Job zu finden, der ihren Fähigkeiten entspricht.“ Die Idee, dass Menschen mit einem körperlichen oder psychischen Defizit per se weniger leistungsfähig sind oder gar weniger intelligent, halte sich hartnäckig.Darum hat Dreyer vor ein paar Monaten die Initiative Inklupreneur ins Leben gerufen, um mehr Menschen mit Behinderung in die Start-up-Szene zu bringen. Bis Ende 2024 sollen über 100 inklusive Jobs entstehen – zunächst in Berlin, später in ganz Deutschland.

    Mit an Bord sind aktuell 27 Start-ups, die gemeinsam 17 Stellen ausgeschrieben haben. Unter anderem der Kondomhersteller Einhorn, die Lebensmittelorganisation ProVeg, die Personalberatung Talents4Good, die Suchmaschine Ecosia und das Digitalunternehmen für Kfz-Zubehör KFZTeile24. Gesucht werden unter anderem SEO-Manager, IT-Spezialisten, Copy-Writer und Online-Marketing Manager.

    Einer der möglichen Arbeitgeber ist Sven Bock. Er ist Co-Gründer von Karma-Kollektiv, einer Tee- und Cafémanufaktur in Berlin. Das Start-up hat sich dazu verpflichtet, bis Ende 2024 zehn Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen. Schon vor der Teilnahme am Inklupreneur-Programm habe sein Team überlegt, wie es mehr Menschen mit Behinderung ins Unternehmen holen könne, so Bock. „Wir planen gerade den Aufbau einer eigenen inklusiven Produktionsstraße mit zugehöriger Logistik. Hier haben wir bereits eine Person eingestellt und schaffen demnächst zwei weitere Stellen. Mittelfristig wollen wir aber auch im Marketing und Vertrieb Stellen über Inklupreneur besetzen.“



    Sven Bock hofft, dass sich andere Gründer ein Beispiel an ihm und Dreyer nehmen. Mittlerweile gab es schon Anfragen von Gründern aus anderen Bundesländern, die sich ebenfalls am Projekt beteiligen wollen. Nils Dreyer stimmt das zuversichtlich: „Ich bin überzeugt davon, dass Inklusion in naher Zukunft fester Bestandteil der deutschen Start-up-Szene wird.“

    Mehr zum Thema: Menschen mit Behinderung sieht man in der Start-up-Szene nur selten. Dabei bringen sie häufig Eigenschaften mit, die Unternehmer gut gebrauchen können, wenn sie erfolgreich sein wollen.

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