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Drei-Tage-Bart beliebter denn je Das große Bart-Comeback

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Moral der Mode

Mit anderen Worten: Spielerisches ist verpönt. Das gilt erst recht für konservative Branchen wie die Banken. Demonstrative Lässigkeit hat in der Führungsetage so wenig zu suchen wie in der Schalterhalle. Auch Hip-Hop-Musiker wollen lieber ganz uncool von wohlrasierten Bankbeamten mit Schlips und Kragen bedient werden. Nicht nur die ritualisierte Kleidung, das Einheitsgrau der Anzüge, sondern auch die Einheitsrasur bringt die Mitarbeiter auf Linie, betont ihre Gemeinsamkeit, macht sie zu Repräsentanten des großen Ganzen.

„Du sollst übereinstimmen!“ heißt, nach dem Soziologen Karl Otto Hondrich, nicht nur die elementare Moral des sozialen Lebens, sondern auch die Botschaft der Mode. Sie dokumentiert beides: Das Sich-Abheben von denen, die nicht dazugehören, und die Übereinstimmung mit der Gruppe. Sicherheitshalber wird mit Rundmails an den regelmäßigen Friseurbesuch erinnert oder mit einem offiziellen Dresscode die Corporate Identity gefestigt. Wie bei der Schweizer Bank UBS, die in ihrem 2010 bekannt gewordenen Dresscode den Mitarbeitern die tägliche Rasur verordnete und den Drei-Tage-Bart kurzerhand verbot.

 Die Aufregung darüber hat sich längst gelegt. Wer Karriere machen will, fügt sich bereitwillig dem Comment – und rasiert sich täglich. „Alles, was unnötige Aufmerksamkeit weckt, was Aufsichtsräte auf die Idee bringen könnte, dass sich da einer mit anderen Dingen beschäftigt als mit seinem Job, womöglich mit Mode, steht auf der Abschussliste“, sagt Stefan Wachtel, der bei ExpertExecutive Spitzenmanager auf ihren Auftritt vorbereitet. Der Vorstand soll sich dem Aufsichtsrat nicht als der „Typ mit dem Bart“ einprägen, sondern als „der mit den tollen Quartalsergebnissen“. Wachtel, kein Bartverächter, beobachtet, dass angelsächsische Manager lässiger mit Modesignalen umgehen als ihre deutschen und Schweizer Kollegen. „Jüngere Amerikaner, die bei überseeischen Global Playern arbeiten, tragen unter der Woche auch mal einen Drei-Tage-Bart. Bei denen zählen vor allem die Zahlen.“

Herb-männliche Note

Als politisches Bekenntnis hat der Drei-Tage-Bart, vielleicht mit Ausnahme von Jassir Arafats Fusseln und Edward Snowdens schüchternen Stacheln, noch nie eine Rolle gespielt. Dass er einst von der Band „Die Ärzte“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, als „herrschendes Männlichkeitsideal der Provinzdisko“ verspottet wurde, ist längst vergessen. Nachdem Brandenburgs Landesvater Matthias Platzek ihn vor ein paar Jahren bei der SPD eingeführt hat, gilt er als Zeichen wohltemperierten männlichen Eigensinns. FDP-Chef Christian Lindner muss jedenfalls nicht fürchten, als Krawallmacher zu gelten: Der Drei-Tage-Bart, den er sich in seiner Zeit als Generalsekretär zugelegt hat, verleiht seinen rehhaft-femininen Zügen eine herb-männliche Note.

In Arbeit
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„Heute ist ohnehin alles egal“, urteilt Stilexperte Roetzel. Bei Empfängen sei es mittlerweile nicht ungewöhnlich, dass neben dem Smoking-Träger der Mann mit den Jeans steht, bei dem man nicht weiß: „Ist der unrasiert oder trägt der einen Drei-Tage-Bart?“ Die Bartmode dient vielen Männern als Lizenz, sich gehen zu lassen. Der Faulpelz betritt unrasiert das Büro, dem Arbeitslosen drohen ohnehin keine Sanktionen. Sogar in der Armee gehört die tägliche Rasur nicht mehr wie selbstverständlich zu den männlichen Tugenden. Die Dienstanweisung der Bundeswehr zum „Erscheinungsbild“ der Soldaten schreibt zwar einen sauber gestutzten Bart vor. Im Urlaub aber dürfen die Soldaten ihre Bärte wachsen lassen, wie es ihnen passt.

Schlechte Zeiten für Rasierklingenhersteller, die mit der neuen Lässigkeit empfindliche Nachfrageverluste hinnehmen müssen. Die Firma Gillette, der wir die Erfindung der einlegbaren Klinge verdanken, setzt ihre Hoffnungen deshalb auf den Mann, der statt des Kinns seiner Brust mit der Klinge zu Leibe rückt. Der neue Markenname ist Programm: „Gillette Body“.

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