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Einfallsreichtum fördern Kreativität lernt man nicht im Seminar

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Wie Sie ohne Seminar kreativ werden

Es gibt auch keine Pillen oder Tropfen, weder chemisch noch pflanzlich, die die Kreativität steigern. Damit im beruflichen Alltag die Ideen sprudeln, muss man sich selbst kennen und dieses Wissen über sich selbst auch umsetzen.

"Ich muss herausfinden, wann ich die besten Ideen habe und entsprechend den Tag strukturieren", sagt Holm-Hadulla. "Wenn ich zwischen acht und zehn Uhr morgens besonders leistungsfähig und kreativ bin, sollte ich mich da um die Lösung von schwierigen Problemen kümmern und nicht Routine-Mails beantworten."

Außerdem sei Bewegung wichtig: Wer zwischendurch einmal aufsteht, vielleicht im Stehen telefoniert oder auch nur kurz zum Fenster geht und in den Himmel schaut, tut nicht nur seinem Körper, sondern auch seinem Geist etwas Gutes.

Zehn Tipps für mehr Produktivität
1. Tierfotos aufhängen…Klingt skurril, funktioniert aber tatsächlich. Davon ist zumindest Hiroshi Nittono von der Universität Hiroshima überzeugt. Für seine Studie im vergangenen Jahr teilte er 132 Freiwillige in zwei Gruppen. Gruppe A blickte zunächst auf Fotos verschiedener Kleintiere, darunter Hundewelpen und Katzenbabys. Gruppe B sah zwar ebenfalls Bilder von Tieren, allerdings von ausgewachsenen. Nun absolvierten alle Probanden unterschiedliche Geschicklichkeitsspiele. Und siehe da: In allen drei Experimenten schnitten jene am besten ab, die zuvor die Tierbabys angeschaut hatten. Nittono glaubt: Beim Anblick niedlicher Tiere wird uns sprichwörtlich warm ums Herz. Und dieses Gefühl kann offenbar auch unsere geistigen Fähigkeiten steigern – zumindest kurzfristig. Quelle: REUTERS
2… oder einen echten Hund anschaffenVorausgesetzt natürlich, der Arbeitgeber stimmt zu. Doch mit ziemlicher Sicherheit werden es ihm die Angestellten mit mehr Leistung danken. Zu diesem Ergebnis kam auch eine Studie, über den der britische „Economist” vor einigen Jahren berichtete. Darin sollten sich die Freiwilligen zum Beispiel Ideen für einen Werbespot ausdenken. Bei manchen hatte es sich unter dem Konferenztisch ein Hund gemütlich gemacht – und genau jene Probanden waren am kreativsten. Außerdem fühlten sie sich auch am wohlsten. Quelle: dpa
Geschenke verteilenHöhere Löhne? Boni für besondere Leistungen? Alles schön und gut – aber kleine Geschenke helfen viel mehr. Das glaubt etwa Sebastian Kube, Verhaltensökonom an der Universität Bonn. In seiner Studie sollten im Jahr 2011 48 Studenten drei Stunden lang die Bücher einer Bibliothek katalogisieren – für zwölf Euro Stundenlohn. Doch Gruppe A gestattete Kube im Verlauf des Experiments eine Gehaltserhöhung von 20 Prozent. Gruppe B schenkte er einen Gutschein für eine Thermoskanne im Wert von sieben Euro. Kaum zu glauben: Die Lohnerhöhung brachte gar nichts. Wirksam war hingegen der Gutschein: Er steigerte die Produktivität im Schnitt um 30 Prozent. Kube erklärt sich dieses Ergebnis mit dem so genannten Reziprozitäts-Effekt. Vereinfacht gesagt: Wer uns etwas schenkt, dem fühlen wir uns anschließend verpflichtet. Wer von seinem Unternehmen also ein Geschenk erhält, erhöht im Anschluss sein Engagement. Quelle: Fotolia
4. Im Internet surfenNoch immer soll es Unternehmen geben, die ihren Angestellten verbieten, während der Arbeit privat im Netz herumzusurfen – ein großer Fehler. Das zumindest legt eine Studie aus dem Jahr 2011 nahe. Don Chen und Vivien Lim von der Nationaluniversität von Singapur reichten 96 Studenten einen Text mit einer Länge von 3500 Wörtern. Darin sollten sie 20 Minuten lang jedes „E“ markieren – eine zugegebenermaßen stupide Aufgabe. Dann teilten die Wissenschaftler die Probanden in drei Gruppen. Die einen mussten eine zehnminütige Zusatzaufgabe lösen, die anderen konnten entspannen, wieder andere durften im Internet herumsurfen. Jetzt bekamen alle einen 2000 Wörter langen Text, in dem sie jedes „A“ kennzeichnen sollten. Wer sich am besten schlug? Jene Gruppe, die zuvor im Netz herumgesurft war. Offenbar sorgte Surfen für Entspannung und lud den geistigen Akku am besten auf. Quelle: Reuters
5. Mit Kollegen tratschenDie Psychologin Kathryn Waddington von der Universität von London befragte für ihre Studie im Jahr 2005 knapp 100 Krankenschwestern und –pfleger. Ergebnis: Ein kurzer Plausch in der Kaffeeküche oder in der Raucherecke war für die meisten eine gute Gelegenheit, um Frust und Freude zu teilen – und sich letztendlich wieder besser auf die Arbeit zu konzentrieren. Quelle: Fotolia
6. Musik hörenMusik hat durchaus magische Kräfte. Das konnte 2008 auch Costas Karageorghis von der Brunel-Universität in London nachweisen. 30 Freiwillige strampelten sich auf einem Laufband ab und lauschten währenddessen unterschiedlicher Musik. Und siehe da: Liefen die Freiwilligen zu einem Rhythmus von 120 bis 150 Pulsschlägen pro Minute, brachten sie bis zu 15 Prozent mehr Leistung – und fanden das Training außerdem weniger anstrengend. Quelle: dpa
7. Pflanzen mitbringenEin norwegisch-amerikanisches Forscherteam um Ruth Raanaas ließ für eine Studie im Jahr 2011 34 Studenten verschiedene Aufgaben lösen. Die eine Hälfte war derweil von Blumen und Pflanzen umgeben, die andere nicht. Mehrmals testete Raanaas die Aufnahmefähigkeit und Konzentration der Probanden – und stellte fest: Die Blumen-Gruppe schnitt jedes Mal besser ab. Offenbar steigerte die Flora die geistigen Fähigkeiten. Quelle: dpa

"Es gibt natürlich denjenigen, der sechs Stunden lang still sitzen und auf den Bildschirm starren kann und dabei effektiv arbeitet. Es gibt aber viele, die alle zehn Minuten aufstehen und aus dem Fenster sehen müssen", sagt Holm-Hadulla. Wer kreative Mitarbeiter wolle, müsse das akzeptieren - und ihnen die Möglichkeit geben, so zu arbeiten, wie sie es brauchen. Nicht jeder, der nicht neun Stunden lang wie festgeklebt am Schreibtisch hockt, ist ein Faulpelz.

Hier seien aber auch die Mitarbeiter gefragt, so Holm-Hadulla. Sie müssten sich ihre Freiräume zum Kreativ sein schützen. Also darauf achten, dass sie sich zum Denken beziehungsweise Nichtdenken zurückziehen oder ein paar Schritte gehen können, um den Kopf freizubekommen. "Früher hat man das einmal Muße genannt." Es kommt darauf an, dem Gehirn zu signalisieren: Jetzt brauche ich dich. Solche Rituale sind wichtig. Denn die Kreativität kommt nicht aus dem Nichts.

Wer seinen Arbeitsalltag nicht ritualisiere, könne noch so viele Seminare besuchen. Er werde dadurch weder besser, noch schneller denken können. Auch körperliche Rituale können helfen. Dafür sind weder Yoga noch buddhistische Meditationstechniken nötig, bewusstes Atmen und Achtsamkeit reichen vollkommen, so Holm-Hadulla. Also bevor es an die - möglichst kreative - Verarbeitung von Informationen geht, hinstellen, durchatmen und gute Gedanken zulassen. Und das jedes Mal.

Pflanzen machen produktiv

Es kann außerdem hilfreich sein, den Mitarbeitern keine allzu strengen Regeln aufzuerlegen, wie der Arbeitsplatz auszusehen hat. Zwar soll im Büro konzentriert gearbeitet werden, der Trend zu unpersönlichen Räumen und steriler Atmosphäre ist jedoch oftmals kontraproduktiv. "Manche brauchen den leeren, sterilen, weißen Arbeitsplatz, andere brauchen Blumen und Fotos", weiß Holm-Hadulla.

Trends



Das haben kürzlich auch Forscher um Marlon Nieuwenhuis von der Cardiff Universität herausgefunden: In einem Experiment in mehreren Bürogebäuden in Großbritannien und den Niederlanden bemerkten sie, dass Büropflanzen die Produktivität der Mitarbeiter um bis zu 15 Prozent steigern können. Einfach, weil die Atmosphäre als angenehmer empfunden wurde.

"Arbeitgeber sollten ihre Neigung zu nüchternen Büros überdenken", fasst Nieuwenhuis das Ergebnis ihrer Untersuchung zusammen. Ob die Yuccapalme auf dem Schreibtisch der Kreativitätsturbo ist? Fraglich. Gleiches gilt für die anderen Rituale. "Kein Trainer kann mir sagen, um wie viel Uhr oder an welchem Tisch ich kreativ bin", sagt Holm-Hadulla. "Das muss ich selber herausfinden."

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