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Elsässers Auslese

Erfolgsmodell und Lehrbeispiel Hong Kong

Markus Elsässer Value Investor

Hong Kong prosperiert ununterbrochen seit dem Zweiten Weltkrieg. Worauf basiert diese Erfolgsgeschichte? Wem ist dies zu verdanken?

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Victoria-Peak Quelle: dpa

Ich bin gerade auf dem Rückweg von Australien auf Zwischenstopp in Hong Kong. Die ehemalige Kronkolonie, die Heimatstadt meiner Kindheit, fasziniert mich immer wieder. Die Dynamik und die Schnelligkeit, mit der auch visionäre Projekte angegangen werden, ist einfach beeindruckend.

Wer hat die Rahmenbedingungen für die Jahrzehnte lange Prosperität und Dynamik in Hong Kong geschaffen? Ein Mann, von dem Sie sicher noch nie gehört haben: Sir James Cowperthwaite (1915 - 2006). Wer war er und worauf beruht sein Erfolgsmodell?

Es ist der Verdienst der Schweizer Finanzzeitung "Finanz und Wirtschaft" auf den Erfolgspionier Sir James Cowperthwaite in der Ausgabe vom 25. April 2015 hingewiesen zu haben. James Cowperthwaite wurde von der Britischen Regierung bereits 1946 nach Hong Kong entsandt. Von 1961 bis 1971 bestimmte er als Finanzstaatssekretär (Financial Secretary, eine Art Finanzminister) die wirtschaftlichen Geschicke der Kronkolonie. Sein Hauptanliegen war es vor allem, die Dummheiten anderer Regierungen zu verhindern.

Die Schönheit der Monotonie
Yick Cheong Gebäude in Quarry Bay Quarry Bay – ein Industriegebiet und Gewerbestandort im Osten Hongkongs. Hier reiht sich ein Hochhaus an das andere. Trist und grau, könnte man meinen. Doch der australische Fotograf Peter Stewart hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Schönheit der symmetrischen Wolkenkratzern festzuhalten.
Yick Cheong Gebäude in Quarry Bay 2012 und 2013 reiste Peter Stewart durch Asien, um faszinierende Architektur zu entdecken. Sein Tipp, um in alltäglichen Dingen Schönes zu entdecken: Touristenattraktionen vermeiden und nach versteckten Orten suchen.
Tak Lee Gebäude in Quarry Bay24 Etagen Beton und zahlreiche Wohnparzellen verbergen sich hinter dieser schönen Fassade. „Alles was es braucht, ist ein gutes Auge, um auch in der Monotonie etwas Schönes zu entdecken“, erklärt Peter Stewart sein Projekt. „Es sind die täglichen Dinge, die wir oft übersehen.“
Oi Man Estate in Ho Man Tin, KowloonZwölf Wohnblocks und 6289 Wohnungen – das klingt erst einmal nicht ästhetisch. Für Peter Stewart liegt die Schönheit des Gebäudes jedoch gerade in der Symmetrie der endlos langen Balkonreihen, die sich im Gebäudeinneren in die Höhe schrauben.
Oi Man Estate in Ho Man Tin, KowloonDas zwölf Quadratkilometer große Kowloon – „Neun Drachen“ – hat seinen Namen von den neun Hügeln, die sich im Norden der Stadt erheben. Die Stadt gilt als chinesischer als der Rest Hongkongs und hat ein bedeutendes Geschäfts- und Einkaufszentrum.
Montane MansionInspiration für seine Fotografien bekam der Künstler von Instagram und Flickr. Oft durchkreuzte er die Stadt per Google Street View, bevor er sich auf Fototour begab. „Selbst in großen Städten braucht es nicht viel Aufwand oder Zeit, um die Orte zu finden, die man wirklich gesehen haben muss“, erzählt er.
Choi Hung Estate in Wong Tai SinDieser Gebäudeblock ist das Zuhause von 19.000 Menschen. Wong Tai Sin ist eine der größten Wohnsiedlungen in ganz Hongkong.

Ich selbst bin Cowperthwaite leider nie begegnet, habe aber zur gleichen Zeit (in den sechziger Jahren) in Hong Kong gelebt. Hong Kong hatte damals zwei Millionen Einwohner (heute acht Millionen). Als heranwachsender, junger Mann habe ich den Puls der Wirtschaftskraft deutlich gespürt. Hong Kong mit seiner freien Wirtschaftsordnung, mit dem Gefühl, dass dem Schnellen und Mutigen alle Türen offen stehen, das hat mich sehr geprägt.

Sir James Cowperthwaite hasste nationale Statistiken. In Hong Kong lies er nur ganz wenige Daten erheben. Seiner Ansicht nach waren Statistiken gefährlich, da sie nur Vorwände für staatliche Interventionen lieferten. Wenn der Staat aber gegen vermutete Missstände vorgehe, störten die Politiker die Marktkräfte. Cowperthwaite hatte absolutes Vertrauen in den Markt und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Bürokratie. "Die aggregierten Entscheidungen einzelner Geschäftsleute, die in einer freien Wirtschaft persönlich urteilen, mögen zwar oft falsch sein, doch auf die lange Sicht werden sie höchstwahrscheinlich weniger Schaden anrichten als zentralistische Verfügungen einer Regierung - und gewiss würde der Schaden rascher behoben".

Cowperthwaite lag und liegt richtig. Wer sich überzeugen möchte, bucht am besten mal einen Flug nach Hong Kong.

Was vielfach vergessen wird: In den Nachkriegsjahren lag das Durchschnittseinkommen in Hong Kong weit unter demjenigen von Großbritannien. In der Epoche der Entkolonisierung sagte der linke Schwedische Ökonom und Nobelpreisträger (!) Gunnar Myrdal den Aufstieg Afrikas und den Abstieg Asiens voraus. Cowperthwaite lies sich nicht beirren. Er baute ganz auf "positive Non-Intervention": Niedrige Steuersätze, keine Zölle, keine Subventionen, keine öffentlichen Schulden, keine hinderliche Bürokratie. Klare Prinzipien, die er so zementierte, dass diese auch von seinen Nachfolgern beherzigt wurden. Das Resultat: Hong Kong zog im wirtschaftlichen Einkommen an Großbritannien vorbei, welches sich - bis zum Antritt von Margret Thatcher - im dirigistischen Sumpf verhedderte. Die jungen afrikanischen Staaten gerieten ins Hintertreffen.

Cowperthwaite brachte selbst die Kommunisten in Peking ins Grübeln. Seit dem Polit-Wechsel 1997 lassen sie Hong Kong mehr oder minder gewähren. Vor allem aber steht der Erfolg von Cowperthwaite mit seiner Laisser-faire Politik in krassen Widerspruch zur marxistisch-maoistischen Misere der Volksrepublik in jener Zeit. Mao hat sich nicht durchgesetzt. Wie man heute sieht, hat China von Cowperthwaite gelernt.

Und wie steht es mit uns heute in Europa? Es hat sich immer wieder gezeigt, dass es einzelne Persönlichkeiten sind, die Großes bewegen und nachhaltige Veränderungen bewirken. Nicht von ungefähr sind nur wenige Denkmäler ganzen „Teams“ gewidmet worden.

Ohne jeden Zweifel gehört Sir James Cowperthwaite in meine Hall of Value Fame.

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