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Empathie Die zehn Nachteile des Mitgefühls

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3. Empathie erzeugt Abwehr

Ein gefühlskalter Vorgesetzter wirkt verstörend und erreicht seine Mitarbeiter nicht – doch ein Übermaß an Empathie ist ebenso schädlich: Hat ein Chef zu viel Verständnis für die schwierige familiäre Situation eines Mitarbeiters, mutet er den anderen Kollegen womöglich zu viel Arbeit zu. Rechtfertigt ein Einkäufer die abnehmende Leistung eines langjährigen Vertrauten aus Sympathie, schadet er seinem Unternehmen. „Empathie kippt leicht ins Mitleid“, sagt auch Myriam Bechtoldt, Psychologieprofessorin an der Frankfurt School of Finance & Management, „und das hilft niemandem.“

Sie hat die Erfolge von Psychotherapeuten untersucht. Am schlechtesten schnitten jene ab, die sich selbst als sehr empathisch beschrieben. Mit ihnen waren die Patienten am wenigsten zufrieden. Sie reagierten sogar ablehnend: Ihrer Meinung nach halfen diese Therapeuten ihnen nicht bei der Bewältigung ihrer Probleme weiter.

Die häufigsten Vorurteile zum Thema Kommunikation
Zwei Männer im Gespräch Quelle: Minerva Studio - Fotolia
Ein Mann zeigt mit dem Finger auf die Kamera Quelle: Carsten Bachmeyer - Fotolia
Eine Frau telefniert Quelle: von Lieres - Fotolia
Eine Frau verbiegt sich auf ihrem Schreibtisch und scheint zu telefonieren und gleichzeitig zu schreiben Quelle: SerrNovik
Ein Mann steht vor einem Labyrinth mit einem Pfeil, der den Weg zu zeigen scheint Quelle: ra 2 studio - Fotolia
Eine Frau brüllt einen Mann an Quelle: Sebastian Ghita
Ein Mann und eine Frau halten Pfeile aufeinander gerichtet Quelle: Robert Kneschke - Fotolia.com

4. Empathie behindert Frauen

Wäre Empathie tatsächlich das entscheidende Talent künftiger Führungskräfte, müssten Frauen eigentlich in Heerscharen die Chefetagen stürmen. Denn im Vergleich zu Männern verfügen sie nachweislich über mehr Einfühlungsvermögen. Das zeigt sich sogar im Kernspintomografen. Roberto Mercadillo von der Universität Queretaro in Mexiko präsentierte im Jahr 2011 jeweils zwölf Männern und Frauen Bilder kranker Kinder, beide Gruppen waren emotional betroffen. Unter dem Hirnscanner zeigte sich aber, wie unterschiedlich die Gefühle verarbeitet wurden: Während bei den Männern nur einzelne Areale im Hirn ansprangen, reagierte bei den Frauen gleich ein ganzes Netzwerk. Dieses aktiviert starke Gefühle – und steigert die Hilfsbereitschaft.

Doch genau die steht Frauen oft genug im Weg. „Viele weibliche Führungskräfte haben zu viel Verständnis für die Probleme anderer“, sagt Sigrid Meuselbach, die vor allem Frauen in der Führungsetage coacht. Der Mitarbeiter hat ein krankes Kind zu Hause? Die Kollegin macht gerade eine schwierige Scheidung durch? „Frauen werden viel zu schnell weich, springen auf und erledigen diesen Job dann eben auch noch mit“, sagt Meuselbach. Das kostet sie Kraft, die sie besser in die eigene Arbeit stecken könnten.

Hinterfragen Sie sich selbst: Stimmen diese Klischees über Frauen und Männer im Job?

5. Empathie manipuliert

Folgende Situation: Ein Zug rollt unaufhaltsam auf eine Weiche zu. Fährt er weiter, wird er fünf Monteure töten, die am Gleis hinter der Weiche arbeiten. Sie können die Weiche umstellen und den Zug auf das Nebengleis lenken. Dort ist nur ein Mann beschäftigt. Was würden Sie tun?

Der Weichensteller-Test ist ein klassisches Experiment der Psychologie. Nahezu 90 Prozent der Versuchsteilnehmer entscheiden sich dafür, die Weiche umzustellen – gemäß der Logik, dass fünf Leben mehr wiegen als eins. Eine Vergleichsgruppe aber erhält Informationen über den alleine arbeitenden Mann: Er bekommt einen fiktiven Namen, ein Alter, eine Familie. Prompt wollen mehr Probanden sein Leben retten – und dafür fünf andere Menschen sterben lassen.

Das Dilemma zeigt, wie leicht unsere Empathie zu beeinflussen ist: Sie folgt keinen festen moralischen Überzeugungen, sondern ist oft zufällig Informationen und Eindrücken ausgeliefert. Mit diesem Effekt haben zum Beispiel Entwicklungshilfe- oder Umweltorganisationen zu kämpfen: Für das rumänische Patenkind oder das verwaiste Tigerbaby lässt sich leichter Geld erhalten als für abstrakte Förderprogramme, die Armut und Artensterben besser bekämpfen – weil wir uns von Einzelschicksalen leichter beeindrucken lassen. Genauso müssen Manager berücksichtigen, dass Empathie sie zu irrationalen Handlungen verleiten kann – mal aus Rücksichtnahme, mal aus wohlwollendem Engagement. Empathie macht weich, sodass wir sachliche Argumente mitunter ignorieren.

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