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Entzauberte Mythen

Langeweile ist besser als ihr Ruf

Müßiggang und Langeweile haben einen schlechten Ruf – völlig zu Unrecht. Nichtstun ist nämlich auch Arbeit. Und gut für die Kreativität.

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Wer am wenigsten Urlaub bekommt
Im Schnitt haben die Deutschen über alle Branchen und Positionen hinweg 27,4 Tage Urlaub im Jahr Quelle: dpa
Per Gesetz ist ein Mindesturlaubsanspruch von 20 Tagen geregelt. Quelle: dpa
25 Tage für Kellnerinnen, 26 Tage für Köche und Putzfrauen Quelle: dpa
24 bis 29 Tage - je nach Einkommen Quelle: dpa
26,5 Tage im Osten, 28 Tage im Süden Quelle: dpa
28 Tage für Metall- und Fahrzeugbauer Quelle: dpa
28,5 Tage für Ver- und Entsorger Quelle: dpa

Der Sommer ist da, die Ferien beginnen. Endlich Zeit, in den Urlaub zu fahren. Doch aufgepasst: Nichts ist für das Gehirn quälender als Nichtstun – Langeweile empfindet es als schmerzhaften Zustand. Deshalb hat der Müßiggang einen ziemlich schlechten Ruf. In der Ferienzeit darf man vielleicht ein paar Tage faulenzen. Aber bitte nicht, wenn es zurück an die Arbeit geht. Wer zugibt, sich während seines Jobs zu langweilen, gilt bestenfalls als unproduktiv und unausgelastet, schlimmstenfalls als verzichtbar.

Mit allerlei Tricks wird deswegen daran gearbeitet, den Menschen Müßiggang und Nichtstun auszutreiben.

Seminare wollen uns beibringen, wie man „erfolgreich motiviert zum Erfolg“ findet, wie man „Ziele fokussieren und erreichen“ kann. Workshops zum Thema Langeweile sucht man vergebens. Schade eigentlich. „In fünf Schritten zum erfolgreichen Langweiler“ oder „Gelangweilt Ziele setzen und dorthin bummeln“, das wäre doch mal was anderes. Und ganz so falsch läge man damit nicht. Denn das Nichtstun hat durchaus seine guten Seiten.

Muße statt Langeweile

Zugegeben, Langeweile ist vielleicht ein etwas irreführender Begriff. Denn in der Tat sind öde Momente keine schöne Erfahrung. Langeweile kommt von außen, sie zwingt uns zur Untätigkeit. Ein Zustand, der auf Dauer in einen beruflichen Bore-out münden kann. Anders sieht es jedoch aus, wenn man einen Moment des Nichts- oder Wenigtuns selbst wählt. Ganz modern, auch unter Erwachsenen, ist es zum Beispiel, Malbücher vollzukritzeln. Klingt skurril, kann aber durchaus helfen – selbst wenn die ausgemalten Bücher später niemand mehr anschaut.

Zur Person

Denn ein Moment freiwilliger, monotoner Entspannung hilft uns dabei, die Gedanken sprichwörtlich laufen zu lassen. Alternativ kann man natürlich auch Sport machen oder musizieren.

In unserem Gehirn dafür verantwortlich ist das default mode network. Das Grundeinstellungsnetzwerk, das immer dann anspringt, wenn wir uns nicht bewusst auf eine Aufgabe konzentrieren. Es sorgt dafür, dass wir gedanklich auf Wanderschaft gehen, andere Perspektiven einnehmen und neue Ideen kombinieren. Denn unsere ganze kreative Kraft entfalten wir nicht unter Druck, sondern wenn wir dem Arbeitsstress widerstehen und uns stattdessen zurücklehnen.

Tipps zum richtigen Entspannen

In Kreativitätsexperimenten sind Teilnehmer deswegen besonders originell, wenn sie immer wieder Pausen einlegen, in denen sie entspannen und tagträumen. Wer jedoch permanent und konzentriert auf Hochtouren läuft, verliert den Blick fürs große Ganze.

Effektives Nichtstun – genau das ist das Wesen der Mußestunde, die in der Antike noch vergöttert wurde. Heute jedoch wird sie viel zu oft vom kräftezehrenden Berufsalltag verdrängt. Müßiggang mag am Anfang aller Laster stehen. Doch genauso beginnt auch jede ungewöhnliche Idee mit produktiver Langeweile. In diesem Sinne entfaltet ein sommerliches Dolce Vita seine ganze Kraft – wenn man nach dem Urlaub mit frischen Ideen wieder durchstartet.

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