Entzauberte Mythen

Warten ist immer möglich, aber manchmal sinnlos

Wer erfolgreich sein will, soll Impulsen widerstehen können. Dabei ist diese Fähigkeit mitunter verhängnisvoll.

So steigern Sie Ihre Emotionale Intelligenz
Emotionale Intelligenz 2.0
Tipp 1: Hören Sie auf, Ihre Gefühle als gut oder schlecht zu bewerten Quelle: Fotolia
Tipp 2: Beobachten Sie, wie sich Ihre Emotionen auswirken Quelle: Fotolia
Tipp 3: Spüren Sie Ihre Emotionen körperlich Quelle: Fotolia
Tipp 4: Stellen Sie sich Ihrem Unbehagen Quelle: Fotolia
Tipp 5: Erkennen Sie, wer und was bei Ihnen als Auslöser wirkt Quelle: Fotolia
Tipp 6: Halten Sie inne und fragen Sie sich, warum Sie sich so verhalten wie Sie es tun Quelle: Fotolia

Sie haben die Wahl: Sie bekommen entweder sofort 100 Euro oder 110 Euro in einem Monat. Vermutlich schaffen Sie es, die vier Wochen für läppische 10 Euro zu warten. Doch wie sieht es aus, wenn Sie 100 Euro jetzt oder 110 Euro in einem Jahr bekämen? Nun greifen die meisten sofort zu, obwohl es rechnerisch natürlich viel sinnvoller wäre, zu warten. Wir tun uns eben schwer damit, unseren Belohnungsdrang für langfristige Entscheidungen zu unterdrücken. Außerdem könnte ja was dazwischenkommen. Wer seine Impulsivität unter Kontrolle hat, gilt aber als rational und erfolgreich – eine Charaktereigenschaft, die sich schon im Kindesalter abzeichnet. Berühmt geworden ist der Marshmallow-Test des amerikanischen Psychologen Walter Mischel von der Stanford-Universität aus den Siebzigerjahren: Er legte vierjährigen Kindern einen süßen Marshmallow vor die Nase und sagte ihnen, dass sie einen zweiten bekämen, wenn sie nur ein paar Minuten warten.

Wenig überraschend: Es fiel den Kleinen unfassbar schwer, dem Drang des Naschens zu widerstehen. Unter Aufbietung aller möglichen Tricks (sich die Augen zuzuhalten oder sich mit Kinderliedern abzulenken) schafften es einige, auf den zweiten Marshmallow zu warten. Spannend wurde es jedoch, als Mischel viele Jahre später untersuchte, was aus den Kindern geworden war. Genau die jungen Erwachsenen, die sich schon als Knirpse gut zurücknehmen konnten, hatten im Schnitt besser bezahlte Berufe und höhere Bildungsabschlüsse. Sich für einen langfristigen Erfolg zurückzunehmen und schwierige Zeiten durchzustehen, zeichnet die Outperformer aus.

Diese mentale Zurückhaltung wird unter anderem durch einen speziellen Nervenstrang vermittelt, der uns kurzfristig zügelt und spontane Impulse schwächt. Doch diese Nervenverbindung kann auch andere Auswirkungen haben. Denn was man beim Marshmallow-Test meist ignoriert: Man untersuchte eine recht privilegierte Oberschicht, nämlich Kinder von Wissenschaftlern oder Professoren der kalifornischen Elite-Uni Stanford. So behütet aufgewachsen, konnten sich die Kleinen ziemlich sicher sein, dass ein langfristiges Versprechen (wie ein zweiter Marshmallow) auch eingehalten wurde.

In diesen Ländern leben die geduldigsten Menschen

Diesen Luxus hat nicht jeder. Ein Nachfolgeexperiment aus diesem Jahr zeigt: Bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien war derselbe Nervenschaltkreis aktiv wie bei Kindern aus der Oberschicht, das Ergebnis war komplett anders. Die sozial schwächeren Kinder griffen weit häufiger zum ersten Marshmallow. Weil sie wissen, dass es in ihrem Umfeld besser ist, schnell zuzugreifen als auszuharren. So führt eine ähnliche neuronale Reaktion wie bei den Stanford-Kindern nicht dazu, dass sie geduldig bleiben, sondern jede sich bietende Gelegenheit nutzen. Vom Tellerwäscher zum Millionär steigt man schließlich kaum auf, wenn man gute Chancen an sich vorbeiziehen lässt.

Fazit: Ob sich ein Belohnungsaufschub lohnt, liegt auch am aktuellen Umfeld. Je unsicherer, desto aktiver sollten Sie selbst sein. Nur ansonsten gilt weiter: Alles kommt zu dem, der warten kann.

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