WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Erfolgsrezepte eines Schlagerstars Das Geschäftsmodell Helene Fischer

Seite 3/6

Auf der Suche nach frischem Blut

Wer den leicht bizarren Auftritt heute Revue passieren lässt, erkennt Moderator Silbereisen mit seinen blond gesträhntem Haar sofort. Sie allerdings, damals noch ein wenig fülliger im Gesicht und deutlich dunkler auf dem Kopf, identifiziert man erst auf den dritten Blick. Doch nicht nur das Aussehen hat mit der heutigen Helene Fischer nicht allzu viel gemein, auch ihr Name ist damals ein anderer: Silbereisen stellt die 20-Jährige als „Helen Fisher“ vor.

Eingefädelt hatte den TV-Auftritt Uwe Kanthak. Der Musikmanager, der schon Branchengrößen wie Rex Gildo und Nino de Angelo betreute, war zu dieser Zeit auf der Suche nach frischem Blut. Kanthak wollte einen jungen Künstler, der das Zeug hat, den Schlager zu modernisieren und neue Zielgruppen zu erschließen.

In den frühen 2000er-Jahren wäre ihm das schon einmal fast gelungen: Sängerin Michelle galt mit ihrem Hit „Wer Liebe lebt“ als Hoffnung des modernen Schlagers. Doch für den großen Durchbruch reichte es nicht.

Beliebte chinesische Schlager

Vergiss Pop - mach Schlager

Seine zweite Chance wittert Kanthak, als ein Demoband mit dem Celine-Dion-Hit „The Power of Love“ auf seinem Schreibtisch landet. Darauf zu hören: Eine junge Sängerin aus dem 6000-Seelen-Ort Wöllstein in Rheinland-Pfalz. Sie klingt vielversprechend, Kanthak lädt sie auf ein erstes Treffen ins Frankfurter Sheraton Hotel ein. Und empfiehlt Fischer: Vergiss Pop – mach Schlager.

Fischers Enttäuschung ist groß, auf der Rückfahrt weint sie pausenlos, wie sie Jahre später in einer TV-Doku gesteht. „Musikantenstadl“ statt Popstar – ein Albtraum. Weil sie aber auch die große Chance hinter Kanthaks Angebot erkennt, lässt sie sich doch auf das Experiment ein. „Mit dem Schlager hat sie als junge Sängerin eine Nische gefunden, die vorher in dieser Professionalität noch nicht besetzt war“, sagt Berater Krumrey.

Revitalisierung eines Marktsegments nennen Marketingexperten so etwas. „Die Sängerin ist der iPod der Schlagerbranche“, sagt Karsten Kilian, Markenstratege und Hochschuldozent. „So wie Apple damals mit dem Digitalgerät einen coolen Nachfolger für den Walkman erfand, hat Fischer das Schlagergenre revolutioniert.“

Deutsche schunkeln im Takt

So wie Konsumgüterhersteller mit dem besten Platz im Supermarktregal um die Aufmerksamkeit des Konsumenten kämpfen, braucht auch ein Talent im Musik-Business ein Alleinstellungsmerkmal, um sich in der schier unüberschaubaren Masse trällernder und tanzender Konkurrenten durchzusetzen. Eine Nische, die noch nicht besetzt ist, aber großes ökonomisches Potenzial hat. Die zum Künstler passt und authentisch beim Publikum ankommt.

Aus heutiger Sicht passen Schlager und Helene Fischer perfekt zusammen. Doch damals gingen Sängerin wie Manager ein hohes Risiko ein: Vor mehr als zehn Jahren steckte der Schlager in einer tiefen Krise. Es fehlte an neuen Interpreten, niemand unter 60 Jahren schien freiwillig diese Musik zu hören – vorläufiger Höhepunkt eines Niedergangs, der mit der 68er-Bewegung begonnen hatte: Schlagerfans werden damals in den Medien als „Konsumidioten“ beschimpft, für Philosoph und Musiktheoretiker Theodor Adorno sind Schlager „kommerzielles Werkzeug der Massenverdummung“.

Dabei war der deutsche Schlager immer auch Gradmesser für die Befindlichkeiten der Bevölkerung. Immer wenn sich die Deutschen politisch und gesellschaftlich unsicher fühlen, schunkeln sie im Takt. „Schlager“, sagt auch Philosoph Byung-Chul Han, „üben eine therapeutische Funktion aus“.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%