Festivals 2015 Immer mehr Besucher wollen Luxus-Camping

Der Markt der Festivals ist weltweit hart umkämpft. Die Veranstalter ködern deshalb neue Zielgruppen – mit Luxusangeboten.

Festival Musik Camping Quelle: AP

Auf einem Acker bei Mendig in der Vulkaneifel faltet Christian Schmeing einen roten Klappstuhl auf. Er setzt sich langsam hin, dann blinzelt er durch die Gläser seiner dunklen Sonnenbrille. Ein Sonntagnachmittag Anfang Juni beim Musikfestival Rock am Ring. Die Sonne brennt vom Himmel, der Wind trägt die Gitarrenriffs der Band Eagles of Death Metal herüber, die gerade ein paar Hundert Meter entfernt die Bühne betreten haben.

Schmeing nippt an seinem Bier und lächelt zufrieden. Er hat gut geschlafen – nicht unbedingt normal für eine Festivalnacht.

Der Grund dafür steht etwa einen Meter hinter ihm: Ein dunkelroter Container mit beiger Tür und zwei kleinen Fenstern, knapp 15 Quadratmeter groß.

Der Boden ist dunklem Holz nachempfunden, darauf stehen zwei Betten mit echten Matratzen. Es gibt Stauraum für Klamotten, einen Stromanschluss und eine Belüftungsanlage, dazu exklusiven Zugang zu sauberen Duschen und Toiletten.

Was spartanisch klingt, ist für Festivalbesucher der pure Luxus.

20 Jahre lang war Schmeing Dauergast „am Ring“. Und zwar ohne Komfort. Zuerst schleppte er Berge an Ausrüstung und Verpflegung vom Parkplatz zum Camp. Dann schlief er im Zelt, bei Regen, Sturm und eisigen Temperaturen. Währenddessen konnte er tagelang auf saubere Duschen und Toiletten verzichten – doch dieses Jahr war Schluss. „Ich wäre nicht mehr gekommen, wenn es all das nicht gegeben hätte“, sagt der 41-jährige Betriebswirt. Er ist langsam in einem Alter, in dem die meisten Menschen eine warme Matratze dem kalten Matsch vorziehen.

Für solche Besucher hat der legendäre deutsche Konzertveranstalter Marek Lieberberg das Experience Camp bauen lassen, eine Art Wohnsiedlung für 800 Komfortbewusste. Sie liegt gleich neben den normalen Campingplätzen.

„Die Ansprüche der Fans sind gestiegen“, sagt der 69-jährige Lieberberg, „und darauf müssen wir uns einstellen.“

Mit seiner Agentur MLK organisiert er bereits seit 30 Jahren Rock am Ring. Doch erst seit Kurzem wollen die Fans mehr Bequemlichkeit, Sauberkeit und Luxus – und weniger Stress, Unordnung und Chaos. Vor allem aber sind sie bereit, dafür auch ordentlich zu zahlen.

Das sind die beliebtesten Festivals
Platz 5: Nature One (64.000 Besucher)300 DJs legen alljährlich bei Nature One im Hunsrück auf. 64.000 Raver tanzten bei der letztjährigen Ausgabe des Electrofestivals unter anderem zu den Klängen von Paul van Dyk, Sebastian Ingrosso und Tom Novy. Quelle: Jochen Herrmann, Wikimedia Commons, CC BY SA 3.0
Platz 4: Hurricane Festival (73.000 Besucher)In der Lüneburger Heide wird es jeden Sommer laut: Beim Hurricane Festival traten letztes Jahr unter anderem Rammstein, die Arctic Monkeys und Paul Kalkbrenner auf. Dazu versammelten sich 73.000 Feiernde auf der Motorrad-Sandrennbahn Eichenring. Quelle: ASK, Wikimedia Commons, CC BY SA 3.0
Platz 3: Rock im Park (76.000 Besucher)Es ist der kleine Bruder vom Rock am Ring: Acht Jahre später gegründet, fand es 1993 zunächst unter dem Namen Rock in Vienna in Wien statt. Erst seit dem 1995 in München heißt es Rock im Park und findet seit 1997 in Nürnberg statt. Vergangenes Jahr zogen unter anderem The Killers, Green Day und 30 Seconds to Mars 72.000 Besucher an. Quelle: Heini Samuelsen, Wikimedia Commons, CC BY SA 2.0
Platz 2: Wacken Open Air (84.500 Besucher)Das Mekka der Heavy-Metal-Jünger liegt in Schleswig-Holstein. Das Örtchen Wacken zog allein vergangenes Jahr 84.500 Menschen an. Diese feierten bei „Wacken Open Air“ unter anderem zu den Auftritten von Anthrax, Motörhead und Rage against the Machine. Quelle: dpa
Platz 1: Rock am Ring (87.000 Besucher)U2, Chris de Burgh und Marius Müller-Westernhagen sorgten vor 29 Jahren bei der Erstauflage von „Rock am Ring“ für Stimmung. Seitdem entwickelte sich das Ereignis zu Deutschlands größtem Festival: 85.000 Menschen feierte vergangenes Jahr am Nürburgring zu Fettes Brot, Limp Bizkit, Moonbootica und Papa Roach. Das Foto zeigt den Auftritt der Sportfreunde Stiller. Dieses Jahr soll die Festivallegende ihr Ende finden: Der neue Nürburgring-Betreiber hat den Vertrag mit Veranstalter Marek Lieberberg gekündigt, der letzte Rock am Ring findet vom 5. Bis zum 8. Juni statt. Quelle: dpa

Abschied von der Anarchie

Diese Einstellung gibt es auf Festivals noch nicht allzu lange. Denn traditionell waren sie eher große Gleichmacher. Die Abteilungsleiterin zeltete neben dem Erstsemester-Studenten, der Abiturient saß mit der Ärztin unterm Pavillon. Es gab keine Hierarchien, keine Abgabetermine, keine Projektbesprechungen. Alltagsflüchtlinge lauschten der Musik oder frönten dem Alkohol. Meistens beides gleichzeitig.

Wo Gitarren jaulen und Bässe wummern, sind die Sorgen weit, weit weg. Das Versprechen: vier Tage Anarchie. Bis das Auto wieder für die Rückfahrt in den Alltag gepackt werden muss.

Doch nun hält der Markt endgültig Einzug. Zum einen, weil Festivals wie Live-Auftritte für die Musikbranche insgesamt wichtiger werden. Hier gibt es noch Gewinnpotenzial, in den aufkommenden Musikstreamingdiensten dagegen kaum.

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