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Fortbewegung Was unseren Gang ausmacht

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Der ökonomische Gang

Die schönsten Plätze Deutschlands
Bamberg: Domplatz Quelle: dpa
Berlin: Gendarmenmarkt Quelle: Reuters
Bremen: Marktplatz mit Roland Quelle: dpa
Coburg: Marktplatz Quelle: dpa
Dresden: Alt- und Neumarkt Quelle: AP
Frankfurt am Main: Opernplatz Quelle: dpa
Hildesheim: Marktplatz Quelle: dpa

Sind das womöglich die legitimen Erben der "bürgerlichen Gehkultur"?

Nein, damit ist etwas anderes gemeint. Das Gehen wird vom Bürger – und vom aufgeklärten Adel – im 18. Jahrhundert nicht nur als physiologischer, sondern auch als moralisch-seelischer Vorgang verstanden. Daher das Plädoyer für den demonstrativ aufrechten Gang. "Halt dich gerade!" – das ist eine typisch bürgerliche Parole. Und die gilt ja heute noch. Der ordentliche Fußgänger geht nicht mit seitwärts oder nach unten geneigtem Kopf, wie ein Modegeck, der eitel seine Kleider mustert, sondern mit erhobenem Haupt. Er geht gleichmäßig ausschreitend, mit leicht auswärts gerichteten Füßen, immer in gerader Richtung, einer klaren Linie folgend.

Klingt ziemlich rational und ökonomisch.

Ja, im Gegensatz zu den von Rousseau inspirierten Romantikern, die das umherschweifende, wilde Gehen favorisieren, suchen viele nun den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten. Erst recht zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Der Gang wird zunehmend bezogen auf das Ideal der ökonomischen, also möglichst reibungslosen und kraftsparenden Fortbewegung.

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    Aber gilt das auch für das Gehen in der Natur? Ist das Schöne am Spazieren nicht gerade das Zweckfern-Vergnügliche, das keiner Begründung bedarf?

    Sicher, aber es wird im 19. Jahrhundert immer mehr in Regie genommen. Der "Turnvater Jahn" empfiehlt das Wandern als kollektive Leibesertüchtigung im Dienste des Vaterlands. Sein Erziehungsprogramm trägt deutlich militaristische Züge, es ist gegen die napoleonische Besatzung gerichtet – und findet heute noch sein fernes Echo in Wanderführern mit dem Titel "Du musst wandern".

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    Gehen als organisiertes Exerzitium?

    Durchaus. Das Gehen wird im 19. Jahrhundert von der Psychologie in Deutschland vor allem deshalb so aufwendig erforscht, weil es in der Variante des Marschierens kriegswichtig und sogar -entscheidend erscheint. Die ersten Erforscher des menschlichen Ganges wie die Brüder Wilhelm und Eduard Weber entwickeln die Vorstellung eines idealen Mechanismus, eines reibungslosen Gangs, der wie die Schwingungen eines Pendels bis ins kleinste Detail auszurechnen sei.

    Das Pendel als Taktgeber der Truppen?

    Genau, es soll Ordnung ins Gehen gebracht werden. Auf dem Schlachtfeld, aber auch in der Stadt, wo der Fußgänger zunehmend in Konkurrenz tritt zu Pferdewagen und Transportmaschinen aller Art. Das daraus resultierende Chaos wird nirgendwo anschaulicher und drastischer beschrieben als in den Paris-Romanen von Honoré de Balzac. Sein Typ des Flaneurs ist eine Antwort auf die Anarchie der Straße.

    Er setzt ihr eine betont langsame Gangart entgegen?

    Ja, die Gangart des Aristokraten. Balzac entfaltet ein ganzes Panorama von städtischen Physiognomien. Der frisch in den Adelsstand erhobene Bürger, der über den Boulevard stolziert, verrät seine soziale Herkunft ebenso wie die Hüften schwingende Kokotte. Sie alle bilden das Bewegungsinventar des Schriftstellers, mit dem er das soziale Leben zu erfassen sucht.

    Ein überholtes Programm?

    Durchaus nicht, aber zeitraubend! Ich habe eine Zeit lang mit einem befreundeten Ethnografen ein ähnliches Forschungsprojekt verfolgt: Wir wollten auf verschiedenen Pariser Plätzen Passanten filmen, daraus ein Inventar erstellen und mit Balzacs Texten konfrontieren. Das hätte manchmal wunderbar funktioniert. Gerade bei weiblichen Passanten – für den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Gang und Mode hatte Balzac ja einen untrüglichen Blick. Die Balanceleistungen der heutigen Frauen beim Catwalk hätten ihn wahrscheinlich begeistert.

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