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Fragwürdige Mode Warum es vielen Deutschen an Stil fehlt

Politisch korrekt, modisch daneben - so geben sich deutsche Geschäftsleute gern und kombinieren ihren Anzug mit Kurzarmhemd, Funktionsjacke und Rucksack. Auf den Spuren des deutschen Stils.

So kleiden sich Menschen in aller Welt
DeutschlandStil: Reduziert, schlicht, funktional Weniger ist mehr: „Deutsche möchten auf den zweiten Blick wirken und nicht auf den ersten Blick blenden“, sagt Psychologin Ines Imdahl vom Kölner Rheingold Salon. Anstatt durch viel Schnickschnack besticht der gehobene deutsche Modestil durch klare, puristische Formen. Kleidung dient weniger dem großen Auftritt, sondern muss vor allem funktional sein. Dazu zählt auch, dass sie eine gewisse Langlebigkeit aufweist – seitens der Qualität und des Designs. Diese Einstellung brachte etwa den Zwiebel-Look von Jil Sander hervor. Ihre puristischen Einzelteile ließen sich je nach Lust, Temperatur und Anlass frei miteinander kombinieren. Sehr praktisch eben. Die Bilder zeigen Outfits von Porsche Design (links) und Jil Sander. Quelle: Porsche Design (links) und Reuters
ItalienStil: Prächtig, verspielt, gewagt Dolce Vita bestimmt in Italien auch die Mode. Anstatt modischer Zurückhaltung wie in Deutschland herrschen dort Extravaganz und Überfluss vor. Der italienische Stil zeigt sich farbenfroh, verspielt und üppig barock. Gerne darf es gewagt sein – wie der „Schlampen-Chic“ von Dolce & Gabbana oder Gianni Versaces wilde Kombination unterschiedlicher Muster, Formen und Farben. „Wenn jemand in Florenz aufwächst und von all dieser schönen Architektur und Kunst umgeben ist, dann hat er ein anderes Verhältnis zu Mode als jemand, der sich in einem von schlichten Nachkriegsbauten geprägten Deutschland ästhetisch sozialisiert“, sagt Gerd Müller-Thomkins, der das Deutsche Mode-Institut leitet. Auf den Bildern sind Looks von Etro (links), Giorgio Armani (Mitte) und Versace (rechts) zu sehen. Quelle: DPA (linkes und mittiges Bild) und Reuters (Bild rechts)
FrankreichStil: Elegant Der Wegbereiter des französischen Kulturguts schlechthin ist ausgerechnet ein Brite. Ende des 19. Jahrhunderts kam der britische Modeschöpfer Charles Frederick Worth nach Paris, verband britisches Textilhandwerk mit französischer Pracht – und begründete damit die Haute Couture, zu deutsch „Hohe Schneidekunst“. Heutzutage orientiert sich die gesamte Modewelt an den zweimal jährlich stattfindenden Haute-Couture-Schauen in Paris. Die handgefertigten, teils imposanten Roben richten sich an einen kleinen, gut betuchten Kundenkreis, dienen vor allem der Markenpflege der Modehäuser und sollen den Verkauf ihrer Konfektionsbekleidung ankurbeln. Grundsätzlich besticht der gehobene französische Modestil durch seine Eleganz. Diese brachte Designer wie Christian Dior oder Yves Saint-Laurent hervor. Diors teils kiloschwere Abendkleider wirkten etwa dank weiter Petticoats und enger Korsagen federleicht und Saint-Laurents Hosen und Smokings für Damen besaßen trotz ihrer maskulinen Vorbilder einen erotischen Charakter. Die Bilder zeigen Outfits von Chanel (linkes und rechtes Bild) sowie Louis Vuitton (mittiges Bild). Quelle: DPA (linkes und rechtes Bild) und AP (mittiges Bild)
GroßbritannienStil: Traditionsbewusst, klassisch „Die bestgekleidete Frau ist die, deren Kleider auch auf dem Land nicht absurd aussehen würden“, sagte einst der ehemalige Hofschneider von Queen Elizabeth II., Hardy Amies und trifft damit den gehobenen britischen Stil auf den Punkt. In Großbritannien zählen Traditionsbewusstsein und Etikette – und das spiegelt sich in der vornehmlich klassischen britischen Kleidung wider. Typischer Vertreter des „Brit Chic“ ist Burberry, der Erfinder des Trenchcoats. Das kamel-schwarz-rot-weiße Karomuster des Innenfutters gilt als Markenzeichen des Unternehmens. Mittlerweile ist es teils überdimensioniert auch auf anderen Kleidungsstücken und Accessoires zu finden. Hier sind Kreationen der britischen Designer Margaret Howell, Ashley Williams sowie von Burberry zu sehen (v.l.n.r.). Quelle: British Fashion Council (linkes und mittiges Bild) und Burberry ( Bild rechts)
USAStil: Sportlich elegant Neue Welt, neue Konventionen. Amerikanische Designer nahmen Anfang des 20. Jahrhunderts die aus Europa überschwappenden Trends auf und passten sie den amerikanischen Bedürfnissen an. Dadurch entstand ein Stil, der bis heute die gehobene US-Mode prägt: „Elegant mit einer sportlichen Note“, fasst ihn Bernhard Roetzel zusammen, Modeexperte und Buchautor. Dadurch wurden die USA ab den Vierzigerjahren zum Geburtsland sportlicher Mode. US-Designer Michael Kors beschreibt ihre Ursprünge so: „Sportswear existiert, weil amerikanische Frauen die ersten waren, die das moderne, schnelle Leben lebten.“ Er selbst steht für einen zeitlosen Chic, der elegant und einfach zugleich ist. Als Inbegriff des „American Look“ gilt Ralph Lauren. Einerseits veredelte der Designer die Jeans und Fransenlederjacken amerikanischer Cowboys, andererseits verjüngte er den traditionsbewussten britischen Stil, an dem sich die US-Oberschicht ohnehin schon immer orientiert hatte. Die Fotos zeigen Outfits von Tommy Hilfiger (linkes und mittiges Bild) sowie von Ralph Lauren (Bild rechts). Quelle: Tommy Hilfiger (linkes und mittiges Bild) und DPA (Bild rechts)

Seit elf Jahren trägt Jürgen Geßler seine Titanuhr - von früh bis spät. „Ich liebe ihren zeitlosen Stil“, sagt der Chef von Porsche Design. Der Accessoires- und Modemarke von Porsche ging es jedoch um weit mehr als Aussehen, als sie 1980 die weltweit erste Titanuhr auf den Markt brachte. Sie war nicht nur hautverträglicher und leichter als ihre Vorgänger aus Edelstahl, sondern auch genauso präzise und widerstandsfähig.

Ihr Schöpfer Ferdinand Alexander Porsche steht hinter zahlreichen Design-Ikonen. Schon im Gründungsjahr der Marke 1972 sorgte er mit der weltweit ersten schwarzen Uhr für Aufsehen. Sechs Jahre später folgte die tropfenförmige Sonnenbrille mit auswechselbaren Gläsern. „Das Credo von F.A. Porsche war, dass gutes Design ehrlich sein muss“, sagt Geßler und betont: „Nicht schön, sondern ehrlich. Nur dann erhalten sich Produkte ein Leben lang.“

Das heißt, dass sie nicht vorgeben sollen, mehr zu sein als sie sind. Anstatt mit viel Deko zu blenden, beschränkt sich das Design aufs Wesentliche und hebt die Funktion der Produkte hervor. Das gilt auch für die 2003 eingeführten Bekleidungskollektionen. So kommt der aus einem einzigen Stück Leder hergestellte „RawTec Blazer“ schlicht und schnörkellos daher und erhielt so 2012 einen Red Dot Award.

Das bedeuten Dresscodes für Männer
Stufe 1: Baseline Casual für MännerDie Zeiten, in denen Anzug tragen Pflicht war, sind lange vorbei. Viele Unternehmen setzen jetzt auf den „Baseline Casual“-Look. Also: Hübsche T-Shirts oder Polohemden, dunkle Jeans ohne Waschungen und geschmackvolle, nicht zu sportliche Sneaker. Aber Achtung: Folgen Sie immer der +1/-1 Regel. Sie können immer eine Stufe schicker gekleidet ins Büro kommen und am „Casual Friday“ oder zu anderen entspannteren Events auch mal eine Stufe weniger schick. Kleiden Sie sich dagegen gleich zwei Stufen schicker, wirkt das nur overdressed und überheblich. Quelle: Peek&Cloppenburg
Stufe 2: Mainstream casual für MännerAls Mann tragen Sie auf dieser Stufe am besten Shirts und Pullover in verschiedenen Farben. Gerne darf es auch kariert oder gestreift sein, Hauptsache, Sie treffen die richtige Mischung zwischen schick und locker. Auch die Kombination aus Hemd und einem lockeren Sakko bietet sich an. Untenrum machen Sie mit einer schicken Chino oder Leinenhose alles richtig. Dazu die passenden eleganten Schuhe, idealerweise aus hellem Leder, fertig ist ihr "Mainstream casual"-Look. Quelle: Peek&Cloppenburg
Business CasualHier bleibt die Jeans im Kleiderschrank, dafür darf die Krawatte raus – bei Bedarf. Grundsätzlich ist ein Anzug mit Hemd und darüber eventuell ein feiner Strickpulli absolut ausreichend. Quelle: dpa
Stufe 2: Mainstream casual für MännerAls Mann tragen Sie auf dieser Stufe am besten Shirts und Pullover in verschiedenen Farben. Gerne darf es auch kariert oder gestreift sein, Hauptsache, Sie treffen die richtigen Mischung zwischen schick und locker. Auch die Kombination aus Hemd und einem lockeren Sakko bietet sich an. Untenrum machen Sie mit einer schicken Chino oder Leinenhose alles richtig. Dazu die passenden eleganten Schuhe, idealerweise aus hellem Leder, fertig ist ihr "Mainstream casual"-Look. Quelle: Peek&Cloppenburg
Stufe 5: Boardroom attire für Männer Schick, adrett und schwarz-weiß - diese drei Schlagworte sollten bei diesem Outfit im Vordergrund stehen. Als Mann kommen Sie um einen schwarzen oder dunkelgrauen Anzug nun nicht mehr herum. Auch die Qualität spielt jetzt eine große Rolle. Weißes Hemd und unifarbene Krawatte machen das Outfit komplett. Quelle: Peek&Cloppenburg
Black Tie / Cravate NoireDamit ist keine schwarze Krawatte, sondern eine schwarze Fliege gemeint – die zum Smoking getragen wird. Quelle: REUTERS
White Tie / Cravate BlancheHier tragen Männer Frack mit weißer Fliege.  Dies ist bei besonders festlichen Anlässen wie dem Wiener Opernball angesagt. Und was ist mit den Damen? >>Das bedeuten Dresscodes für Frauen Quelle: dpa

Innovation, Schlichtheit, Funktionalität – wenn sich Jürgen Geßler anschaut, was seine Marke ausmacht, gibt er zu: „Das sind alles ziemlich deutsche Eigenschaften.“ Das beginnt schon bei ihren Ursprüngen im Automobil.

Daneben spiele Mode für die auf Technik fixierten Deutschen nur eine untergeordnete Rolle, findet Stilexperte Bernhard Roetzel: „Deutschland ist das Land der Erfinder“, sagt der Autor des Bestseller-Ratgebers „Der Gentleman“. „Die Schönheit eines Autos oder einer Maschine erfreut viele mehr als die Schönheit eines Stoffes.“

Tatsächlich sagen 44,8 Prozent der Deutschen, sich kaum oder gar nicht für Mode und Modetrends zu interessieren. Als Experten, die anderen gerne mal einen modischen Tipp geben, sehen sich gerade mal 10,7 Prozent. Die Ergebnisse der aktuellen Werbeträgeranalyse des Instituts für Demoskopie (IfD) Allensbach spiegeln sich im Straßenbild wider, findet Gerd Müller-Thomkins, Leiter des Deutschen Mode-Instituts in Köln: „Den meisten Deutschen fehlt es an Stil“, sagt er.

Das bedeuten Dresscodes für Frauen
Baseline Casual für Frauen Quelle: Peek&Cloppenburg
Casual Quelle: Peek&Cloppenburg
Smart Casual Quelle: Fotolia
Business CasualWenn auf der Einladung von Business Casual die Rede ist, greifen Frauen am besten zum dunklen Kostüm, einem Hosenanzug oder einem Etui-Kleid. Der Rocksaum sollte das die Knie umspielen. Ein Minirock ist bei Business Casual genauso unangebracht, wie ein bodenlanger Rock. Jeans sind übrigens auch tabu: Wer keinen Hosenanzug besitzt und Röcke nicht mag, trägt eine dunkle Bundfaltenhose. Dieser Dresscode ist meistens bei Geschäftsessen oder Geschäftsreisen gefragt und hat eine repräsentative Funktion. Quelle: Fotolia
Business AttireBusiness Attire, Day Informal oder Tenue de Ville bedeutet, dass Sie Geschäftskleidung tragen sollten, obwohl Sie sich nicht im Büro befinden. Gefordert wird dieser Dresscode häufig bei Geschäftsreisen, bei Treffen mit Geschäftspartnern oder bei Business-Veranstaltungen im Allgemeinen. Frauen tragen also ein klassisches Kostüm oder einen Hosenanzug in Dunkelblau, Dunkelgrau, Anthrazit oder Schwarz. Dazu passt eine Bluse mit langen Ärmeln in Weiß, Hellblau oder Rosa. Alternativ geht auch ein förmliches Kleid, dessen Saum aber das Knie bedecken muss. Quelle: Fotolia
Black Tie / Cravate Noire Quelle: AP
White Tie / Cravate BlancheMänner tragen Frack mit weißer Fliege, Frauen sollen pompöse Abendkleider tragen. Und was ist mit den Herren? >>Das bedeuten Dresscodes für Männer Quelle: dpa

Ihnen ist vor allem praktische Kleidung wichtig – wobei es um keine anspruchsvolle Designphilosophie à la Porsche geht. „Ästhetik ist nebensächlich“, sagt Autor Roetzel. „Kleidung muss in erster Linie bequem, pflegeleicht und billig sein.“ Ein Beispiel bietet der Büroalltag: „In Deutschland ist es eher üblich, einen Anzug für 399 Euro zu tragen als einen für 999 Euro“, sagt Roetzel. Statt einem Mantel tragen deutsche Geschäftsleute dazu gerne eine Funktionsjacke, statt einer Aktentasche einen Rucksack. Für Roetzel ein Stilbruch: „Das sieht genauso albern aus, wie jemand im Blaumann mit Aktenkoffer.“

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