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Freiberufler Fünf Selbstständige, die es geschafft haben

Der Einstieg in die Selbstständigkeit ist ein schwieriger und mit vielen Risiken verbunden. Die WirtschaftsWoche stellt fünf verschiedene Personen vor - vom Blogger bis zur Yogalehrerin, die sich nicht haben abschrecken lassen und heute erfolgreich sind.

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Der Rechtsanwalt, Jean-Martin Jünger, 40, Mannheim

Jean-Martin Jünger, 40, Mannheim Quelle: Jana Kay für WirtschaftsWoche

Schon als Student war für ihn klar, dass er sich nach dem Staatsexamen selbstständig machen würde. Die ersten zwei Jahre als Anwalt waren nicht einfach. Inzwischen aber beschert die Krise dem Arbeitsrechtler sogar zusätzliche Aufträge.

Der Job Jüngers Spezialgebiete sind Kündigungsschutz, Aufhebungsverträge und Sozialpläne. Er berät Unternehmen und vertritt Arbeitnehmer. Zum anderen leitet er Seminare zum Thema Arbeitsrecht.

Die Anforderungen In kaum einem anderen Beruf hängen die Aussichten so sehr von der Examensnote ab: Die Jahrgangsbesten steigen in einer Top-Kanzlei mit 100.000 Euro Jahresgehalt ein; die anderen haben es schwer, überhaupt eine Stelle zu finden.

Die Chancen Arbeitsrecht gilt nicht als juristische Königsdisziplin, doch Jünger profitiert davon gerade: Viele Unternehmen kündigen betriebsbedingt und legen den Angestellten Abfindungsverträge vor – diese suchen den Rat von Rechtsexperten wie Jünger.

Die Risiken Anfang 2008 gab es über 100.000 selbstständige Anwälte. Umso wichtiger ist, sich von der Masse abzuheben. Jünger etwa leitet ein Forum beim Online-Netzwerk Xing zum Thema Arbeitsrecht mit inzwischen 6300 Mitgliedern: “Das ist ein gutes Mittel, sich einen Namen zu machen.“

Das Einkommen Das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz regelt, wie viel Anwälte verdienen. Im Zivilrecht richtet sich das Honorar nach dem Wert, den der Fall für den Mandanten hat. Manchmal vereinbart Jünger auch ein Stundenhonorar, das zwischen 180 und 400 Euro liegt.

Der Coach, Uwe Volkmer, 53, Bonn

Uwe Volkmer, 53, Bonn Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche

Im April 1991 machte er sich selbstständig. Zuvor war er Partner in einer Managementberatung. Der Job machte ihm Spaß, allerdings blieb wenig Zeit für die Familie. Von der Selbstständigkeit erhoffte er sich das Gegenteil. Bereut hat er es nie.

Der Job Volkmer coacht Angestellte, die befördert werden und sich auf diese neue Aufgabe einstellen wollen. Er berät Teams, deren Abteilungen neu zusammengesetzt werden. Und er trainiert Führungskräfte, vor allem in Sachen Mitarbeiterführung.

Die Anforderungen Etwa 330 Institutionen im deutschsprachigen Raum bilden Coaches aus, viele davon sind allerdings äußerst fragwürdig. Deshalb sind unter den selbst ernannten Coaches – die Berufsbezeichnung ist hierzulande nicht geschützt – mehr Scharlatane als Experten.

Die Chancen Coaching erlebt einen Boom. 55,2 Prozent der Manager haben sich in den vergangenen fünf Jahren coachen lassen, ergab eine Umfrage der Düsseldorfer Personalberatung LAB Lachner Aden Beyer & Company. Davon profitiert auch Volkmer: “Ich hatte noch nie so viel zu tun wie derzeit.“

Die Risiken Der Deutsche Bundesverband Coaching schätzt die Zahl der seriösen Coaches auf 4000. Volkmer sagt, dass er noch nie Probleme gehabt habe, an Aufträge und neue Kunden zu kommen. Ihm hilft auch seine frühere Ausbildung als Einzelhandelskaufmann: Dadurch habe er Erfahrung im Umgang mit Kunden.

Das Einkommen Die meisten Aufträge rechnet Volkmer per Stunden- oder Tagessatz ab. In seinem Bereich verdienen Coaches pro Stunde etwa 240 Euro. Meist gilt: Je wichtiger der Klient, desto höher das Honorar. Wer einen Top-Manager coacht, bekommt schon mal bis zu 2000 Euro – pro Stunde.

Der Journalist, Jörg Stroisch, 35, Köln

Jörg Stroisch, 35, Köln Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche

Mit der Medienkrise kennt er sich bestens aus. Nach seinem Studium der Sozialwissenschaften in Bochum heuert er im Jahr 2000 in einer Online-Redaktion beim Verlag Gruner+Jahr an – im September 2001 bekommt er die betriebsbedingte Kündigung. Ein paar Monate später tritt er eine Stelle als Immobilienredakteur beim inzwischen eingestellten Online-Portal Versum an. Schon wenige Tage nach seinem Dienstantritt geht dort eine Entlassungswelle durchs Haus. Stroisch behält seine Stelle zwar zunächst – aber mit der Vorahnung, dass es ihn auch bald erwischen könnte. Neun Monate später erfasst ihn die nächste Entlassungswelle. „Da es schon meine zweite Kündigung war, traf es mich nicht mehr ganz so unvermittelt“, sagt Stroisch heute. Seitdem arbeitet er als selbstständiger Journalist (Fachjargon „Freier“).

Der Job Die meisten Freien müssen viele unterschiedliche Bereiche abdecken, um finanziell über die Runden zu kommen. Stroisch schreibt Artikel für Online-Magazine, Kundenzeitschriften für Firmen und Bücher für den Haufe-Verlag; außerdem entwirft und betreut er Internet-Seiten, unter anderem Meineimmobilie.de und das Stadtreiseportal Miovista. Und er leitet Seminare zum Thema Online-Journalismus.

Die Anforderungen Universitäten, Fachhochschulen und Journalistenschulen haben Ausbildungsgänge im Programm, Verlage bieten Volontariate. Solche Abschlüsse erhöhen zwar die Chancen auf eine Festanstellung, „Journalist“ kann sich aber dennoch jeder nennen. Entsprechend gesättigt ist der Markt: 25.000 freie Journalisten gibt es nach Schätzung des Deutschen Journalisten-Verbandes.

Die Chancen Stroisch fragte sich schon während seiner Zeit als Redakteur, wie er als Freier erfolgreich sein könnte. Früher schrieb er am liebsten Reportagen und konnte auch einige veröffentlichen – allerdings wurde ihm schnell klar, dass Selbstständige in diesem Bereich keine großen Chancen haben. Deshalb legte er seinen Schwerpunkt auf vermeintlich trockene Finanzthemen wie Immobilien, Versicherung und Vorsorge. Stroisch machen sie Spaß, denn er weiß, dass die Leser davon „immer einen konkreten Nutzen haben“.

Die Risiken Vor drei Jahren stand Stroisch kurz vor der Pleite, einige wichtige Kunden sprangen ihm ab. Von der derzeitigen Krise, die auch die Medienlandschaft massiv erfasst hat, liest er allerdings höchstens in der Zeitung. Ihn selbst betrifft die Misere nicht, er bekommt fast jede Woche neue Anfragen.

Das Einkommen Das Gehaltstal hat Stroisch bereits durchschritten. Zu Beginn seiner Selbstständigkeit hatte er im schlechtesten Monat Einnahmen von mickrigen 80 Euro. Im Jahr 2007 setzte Stroisch hingegen 42.000 Euro um, im vergangenen Jahr waren es 68.000 Euro. Damit geht es ihm besser als vielen Kollegen: Nach Angaben der Künstlersozialkasse liegt deren Durchschnittseinkommen bei 13.570 Euro – pro Jahr.

Die Yogalehrerin Martina Mittag, 48, Hamburg

Martina Mittag, 48, Hamburg Quelle: Gerrit Meier für WirtschaftsWoche

Zum Glück hat Martina Mittag sich geirrt: „Ich habe gedacht, in der Krise würden die Leute als Erstes bei Wellness und Fitness sparen“, sagt die 48-Jährige. Doch in jüngster Zeit hat die Fitnesstrainerin und Yogalehrerin nach eigenen Angaben jede Woche so viele Anfragen erhalten, wie sie früher in einem ganzen Monat bekam. „Die Menschen wollen sich ihr Seelenleben eben nicht durch das Geschäft vermiesen lassen und suchen nach einem Ausgleich für den Krisenstress“, erklärt sie sich den Boom.

Der Job Mittag hat im Jahr 2001 ihren festen Job als Fitnesstrainerin gekündigt. „Ein waghalsiger Sprung“, erinnert sie sich, „aber genau den habe ich gebraucht.“ Einige Kunden blieben ihr treu, andere empfahlen sie weiter. Ihr Netzwerk war ihr Startkapital, außerdem bekam sie eine Anschubfinanzierung vom Arbeitsamt. Heute hat sie mehrere Standbeine: „Business Yoga“ für Belegschaften, Einzeltrainings für Führungskräfte, Weiterbildungen für andere Trainer.

Die Anforderungen Sowohl Yogalehrer als auch Fitnesstrainer sind keine geschützten Berufe; private Bildungsträger bieten Lehrgänge an. Der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland hat Richtlinien für die Ausbildung entwickelt. Wie Mittag sollten freiberufliche Trainer bereit sein, an Wochenenden und abends zu arbeiten.

Die Chancen Martina Mittag hat ihr Angebot immer weiter ausgebaut, betreibt die Internet-Seite yogawerft.de und ist inzwischen auch Buchautorin. Und weil die Arbeit in der Krise eher zu- als abnimmt, ist sie gerade dabei, ein kleines Team aufzubauen.

Die Risiken Wenn Martina Mittag in den Urlaub fährt, dann für maximal zehn Tage. „In dieser Zeit verdiene ich schließlich nichts“, sagt Mittag. Außerdem muss sie Reserven aufbauen, von denen sie leben kann, wenn sie krank wird oder sich verletzt.

Das Einkommen Das Einkommen von Martina Mittag hängt von der Zahl der Stunden ab, die sie gibt. Für eine Trainingseinheit verlangen erfahrene Yogalehrer wie sie zwischen 70 und 100 Euro. Berufseinsteiger können mit etwa 40 Euro pro Stunde rechnen.

Der Blogger, Kai Müller, 31, Köln

Kai Müller, 31, Köln Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche

Herbst 2008, Deutschland steckt in der Wirtschaftskrise. Da fasst Kai Müller einen Entschluss: Er kündigt seine feste Stelle als Web-Designer, die er drei Jahre zuvor nach langer Suche gefunden hatte. „Nie im Leben hätte ich gedacht“, sagt er, „dass ich diesen Schritt einmal gehen würde.“ Mitten in der Krise wird Müller zum dritten Mal in seinem Leben zum Freiberufler – obwohl die ersten beiden Versuche eher „Katastrophen“ gewesen seien.

Der Job Müller gründet nicht aus der Not, sondern aus dem Erfolg heraus: Sein Online-Magazin „Stylespion.de“, das er bisher in seiner Freizeit betrieben hat, steuern inzwischen täglich über 5000 Internet-Nutzer an. In dem „Blogzine“ stellt er Trends vor und gibt Tipps, wie man auch ohne viel Geld seine Wohnung schick einrichten kann. Das kommt auch bei Anzeigenkunden an, die auf der Seite für Uhren, Lampen oder Designerklamotten werben.

Die Anforderungen Jeder kann ohne viel Aufwand einen Blog ins Leben rufen – aber damit Geld zu verdienen, ist eine hohe Kunst. Die Inhalte müssen so gut sein, dass die Leser immer wieder kommen. „Wie ein DJ überlege ich mir ganz genau, was ich auflege und was nicht“, sagt Müller. Außerdem weiß der Kölner, wie sich eine Internet-Seite technisch umsetzen lässt. Das zumindest kann man lernen: Web-Design-Kurse bei Akademien oder Volkshochschulen kosten pro Tag zwischen 150 und 500 Euro.

Die Chancen Kai Müller bekommt inzwischen viele Angebote – auch eine Produktionsfirma hat schon angefragt, weil sie mit ihm eine Fernsehsendung aufnehmen wollte. Außerdem entwickelt er permanent weitere Ideen, etwa eine erfolgreiche Interviewserie. Jüngst fragte er seine Leser, was sie davon halten würden, wenn aus „Stylespion.de“ eine Community würde: Wer will, könnte ein Profil anlegen und eigene Beiträge schreiben. Die Mehrzahl war dafür – also wird Müller den Versuch wagen.

Die Risiken „Natürlich ist es mir schwergefallen, die feste Stelle zu kündigen“, sagt Kai Müller, „zumal sichere Jobs derzeit selten sind.“ Sorgen macht er sich dennoch keine. Für die Gründung hat er sich nicht verschulden müssen, seine laufenden Kosten sind gering, und aktuell stehen die Anzeigenkunden Schlange. Und falls der „Stylespion“ irgendwann nicht mehr in den Zeitgeist passt, vertraut Müller auf sein wachsendes Netzwerk: „Das ist das beste Kapital.“

Das Einkommen Drei Monate nach dem Schritt in die Selbstständigkeit schwanken Kai Müllers Einkünfte noch. Auch wenn der er keine genauen Angaben machen will: Seine Einnahmen aus den Werbebannern reichten aus, um gut davon zu leben, sagt er.

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