Gender Pay Gap Der Kampf um die Lohnlücke

Frauen verdienen weniger als Männer, in Deutschland ist der Unterschied besonders ausgeprägt. Quelle: Fotolia

Frauen verdienen weniger als Männer, in Deutschland ist der Unterschied besonders ausgeprägt. Aber wie ist die Lohnlücke zu beziffern? Sind es 4, 7 oder 22 Prozent? Der Kampf um die Deutungshoheit ist hochideologisch.

Wenn wie jedes Jahr am 8. März der Weltfrauentag gefeiert wird, ist meist auch der Equal Pay Day nicht weit. Er markiert das Datum, an dem Frauen rechnerisch beginnen, ein Einkommen zu haben. Wegen des Einkommensunterschieds von rund 21 Prozent zwischen Frauen und Männern kann man so rechnen: 21 Prozent von 365 Tagen sind 77 Tage. Die sind am 18. März rum – und dann beginnen Frauen knapp drei Monate nach den Männern, Geld zu verdienen.

Das Rechenspiel ist natürlich mehr PR-Gag als Realität, schließlich hatten erwerbstätige Frauen auch im Januar schon Geld auf dem Konto. Es weist aber auf eine Tatsache hin, die sich seit Jahren nicht zu ändern scheint: Frauen verdienen weniger als Männer. Nur: Taugt die Angabe des Statistischen Bundesamtes, es seien 21 Prozent weniger? Laut einer neuen Studie des Beratungsunternehmens Price Waterhouse Coopers sind es sogar wieder 22 Prozent. Oder ist der Wert eine „Kampfzahl“? Auf dieser Basis setzte die SPD das Entgelttransparenzgesetz durch, es sollte Frauen endlich Klarheit bringen, ob und wieviel weniger sie in ihrem Unternehmen verdienen. Allein: Wegen des Widerstands der Union wurde das Gesetz derart verwässert, dass der Auskunftsanspruch und die Klagemöglichkeit nun nicht allzu viele Arbeitnehmer reizt.

Der Kampf um die Deutungshoheit über den „wahren“ Einkommensunterschied ist hochideologisch. Kritiker sagen, es seien in Wahrheit „nur“ knapp 7 Prozent. Dann sind Faktoren wie Teilzeit, Berufswahl und weniger Führungspositionen herausgerechnet, man spricht vom bereinigten Gender Pay Gap. 7 Prozent markieren den verbliebenen Gehaltsunterschied bei gleicher Qualifikation und Stelle – auch nicht gerade wenig. Manche erachten auch diese Berechnung noch als falsch und halten den Einkommensunterschied mit weniger als 4 Prozent für marginal bis nicht existent. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) errechnete 2016 einen Wert von 3,8 und fügte hinzu, der Restwert enthalte vermutlich Dinge wie „persönliche Präferenzen“ und individuelle Risikoneigung. Was hat es also mit diesen Zahlen auf sich? Wieviel Wahrheit steckt darin und wieviel Mythos?

Diese Faktoren beeinflussen Ihr Gehalt
älterer Mann im Büro am Computer Quelle: Fotolia
Euro-Münzen liegen auf einer Karte mit dem Bundesland Hessen. Quelle: dpa
Frauen mit verschiedenem Gewicht Quelle: dpa
Kandidatinnen bei Germany´s Next Topmodel Quelle: dpa
Fußballer rasieren sich Quelle: REUTERS
Eine Frau Quelle: Fotolia
Einem Mann kommt Rauch aus den Ohren (Symbolbild) Quelle: Fotolia
Kinder malen. Quelle: dpa
Gehaltsabrechnung und Geld Quelle: dpa
Bier Quelle: dpa
Ein männlicher Körper im Anzug Quelle: Fotolia
Zwei Männer und eine Frau. Quelle: Fotolia
Zwei Hände und ein 500-Euro-Schein. Quelle: dpa
Auf Lohn- und Gehaltsabrechnungen liegen Euromünzen und Eurogeldscheine. Quelle: dpa

Astrid Bendiks, Münchner Rechtsanwältin, Arbeitsrechtsexpertin und Mitglied im Netzwerk Business Professional Women, will da nicht mehr diskutieren. „Der große Unterschied kommt daher, dass Frauen in frauenspezifischen, schlechter bezahlten Berufen tätig sind, länger und häufiger ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, um Kinder zu erziehen oder Angehörige zu pflegen, und nach dieser Unterbrechung häufig in Teilzeit arbeiten.“ Doch Teilzeit mit logischerweise niedrigerem Gehalt hin oder her: Die Lohnlücke sei eben Fakt, während die Gründe für Teilzeit, längere Unterbrechungen und die Wahl schlechter bezahlter Berufe struktureller Art seien. Sprich: Das Argument, Frauen wollten es doch so, zieht nicht. „45 Prozent der Frauen arbeiten Teilzeit, 3,4 Millionen in Minijobs. Das sind schon ziemlich verheerende Zahlen“, sagt Bendiks.

Äpfel mit Birnen würden verglichen, wenn man behaupte, der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern betrage 21 Prozent, wehrt dagegen Wido Geis vom IW in Köln ab. „Es gibt in Deutschland viele Frauen, die in Teilzeit sind, wir haben ganz andere Berufswahlmuster als bei Männern. Das ist letztlich nicht den Unternehmen anzulasten“, sagt der Sozialforscher. Gegen diese Sichtweise sprechen internationale Vergleichszahlen. So gehört Deutschland zu den OECD-Staaten mit dem höchsten Geschlechterunterschied beim Einkommen – hinter Japan, Südkorea, Estland und Chile. Belgien und Griechenland etwa warten mit 6 Prozent unbereinigtem Unterschied auf, Luxemburg nur mit 4 Prozent.

Die Strukturen, die so viele Frauen unfreiwillig zu sogenannten Zuverdienerinnen ohne eigene Karriere machen, sieht auch Wido Geis vom IW kritisch. Denn dass die Zahl der Geringverdienerinnen zu hoch ist, findet auch er. Die gesellschaftlichen Faktoren könne man aber mit „keiner Arbeitsmarktmaßnahme umkehren“, sagt Geis. Einen etwas unorthodoxen Tipp hat er für Frauen aber trotzdem: Augen auf bei der Partnerwahl. „Viele Frauen orientieren sich ‚aufwärts‘, heiraten einen etwas älteren und besser verdienenden Mann. In so einer Konstellation kommt die Frau bei Familiengründung sehr schnell in die Position, die das Zuhausebleiben nahegelegt, weil das Einkommen des Mannes einfach höher ist.“

Trotz auch einer nicht unerheblichen Zahl von Paaren, die sich gleichberechtigt die Aufgaben teilen und gleichberechtigt Karriere machen, zeigen die Zahlen, dass die Realität der Masse noch eine andere ist. So nehmen fast ausschließlich Frauen eine lange Elternzeit, Männer nehmen meist nur zwei Monate, wenn auch in steigender Zahl. Darin sieht Waltraud Kratzenberg-Franke, die Koordinatorin des Equal Pay Days in Deutschland, einen Schritt in die richtige Richtung. „Es ändert sich etwas, aber langsam“, sagt sie.

Aufklärung und bessere Kinderbetreuungsangebote als Ausweg

Wenn Waltraud Kratzenberg-Franke Argumente hört, dass Frauen sich doch nicht auf für sie benachteiligende Konstellationen einlassen müssten, dass sie mit ihrem Partner die Arbeitsverteilung aushandeln und sich vor allem nicht auf die überkommene Aufteilung der Steuerklassen in die Kategorien 3 und 5 einlassen müssten, kommt sie in Fahrt. „Die Gründe, warum mit 21 Prozent die reale Lohnlücke abgebildet wird, liegen unter anderem an strukturellen arbeitsmarktrelevanten Merkmalen. Es reicht nicht, zu sagen: ‚Geht doch Vollzeit arbeiten, dann verdient ihr auch mehr oder sucht euch direkt Berufe aus, in denen besser bezahlt wird.‘“ Wichtig sei es auch, die nicht bezahlte Care-Arbeit, die zum größten Teil von Frauen geleistet werde, mit in die Betrachtung einzubeziehen. „Wer organisiert Kinder, Haushalt, Pflege von Angehörigen etc.? Und wer reduziert sein Berufstätigkeit, um diese Aufgaben zu bewältigen?“

In Berliner Szenestadtteilen mag der Hipster mit Babytrage mittlerweile zum Stadtbild gehören und die gleichberechtigtere Arbeitsteilung einer zunehmenden Zahl von Paaren symbolisieren: Die traditionellen Rollenmuster seien außerhalb davon noch stärker, als mancher denkt, mahnt Kratzenberg-Franke. Sie beeinflussten die Berufswahl, die daraus entstehende Lohnlücke setze sich wie ein Teufelskreis fort, weil sie schlechtere Einkommensperspektiven und niedrigere Erwerbsbeteiligung nach sich zieht. 

Zudem wüssten viele verheiratete Frauen nicht um die Möglichkeit, zum Beispiel ihre Steuerklasse beim Finanzamt auf die für sie bessere Kategorie 4 ändern zu lassen, bei der beide Partner gleich besteuert werden. Und selbst dann könne es passieren, dass sie beim Finanzamt schlecht beraten würden. Bis vor einigen Jahren bekamen frisch verheiratete Paare ungefragt die Steuerklassen 3 für den Mann und 5 für die Frau zugeteilt. Nur auf Antrag konnte man das ändern. Heute erfolgt die Eingruppierung in der Regel nach dem Prinzip 4/4.

Das heikle Steuerklassenthema bleibt ein Punkt, den Paare letztlich intern aushandeln müssen. Die eine oder andere scheitert womöglich an der Hartnäckigkeit eines konservativ eingestellten Partners, der dann vorrechnet, wie sehr sich das Modell 5/3 finanziell vermeintlich lohnt. „Oft ist es so, dass Frauen immer noch aufgrund von Rollenstereotypen und partiell auch aufgrund ihres Verhaltens in Gehaltsverhandlungen nicht früh genug in verantwortungsvolle Positionen kommen. Hinzu kommt, dass Frauen von Unternehmen oftmals nicht gefördert werden, da bei ihnen die Familienplanung eingerechnet wird und damit einhergehend, das Risiko auszufallen und wenn, dann höchst wahrscheinlich nur noch in Teilzeit zurückzukommen Dann bekommen sie ein Kind und finden sich in der Situation wieder, dass ihre Berufstätigkeit zum Rechenexempel wird: durch das Ehegattensplitting mit den hohen Abzügen des geringeren Gehaltes, der teuren Kitagebühren und dem Wegfall der Mitversicherung beim Ehepartner, lohne sich dann allenfalls ein Minijob“, erklärt Kratzenberg-Franke.

Der Anreiz, Vollzeit arbeiten zu gehen, ist unter monetären Gesichtspunkten nicht da - was allerdings sehr kurzsichtig gedacht ist. Oft ist die Rückkehr in Vollzeit nach familienbedingten Unterbrechungen sehr schwierig. Aus einem Minijob in ein sozialversichertes Arbeitsverhältnis zu kommen so gut wie unmöglich.

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Köln fordert deshalb eine substantielle Verbesserung beim Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren. Hier sei der Hebel, wenn man schon nicht die Einstellungen der Menschen ändern könne, meint Wido Geis. Und damit nicht genug: „Das ganz große Thema in dieser Legislaturperiode ist, was am Übergang zur Schule passiert. Hier muss ein ausreichendes Betreuungsangebot sichergestellt werden, damit die Familien mit der Einschulung nicht plötzlich zurückfallen“, sagt Geis. Die zweite Stellschraube sei, mehr Frauen für Berufe zu begeistern, die mehr Gehalt mit sich bringen.

Für eine Berufsbildaufklärung macht sich auch Waltraud Kratzenberg-Franke stark. Schon in der Schule müsse über die Auswirkungen von Berufswahl und die damit verbundene Erwerbsperspektive, gängige Steuermodelle und die Entstehungsmechanismen von Altersarmut aufgeklärt werden. „Allen muss klar sein, dass der Arbeitsmarkt verlässlicher ist als der Heiratsmarkt.“

Die aktuelle Studie von Price Waterhouse Coopers attestiert Frauen unterdessen ein hohes Bewusstsein für die lauernden Probleme auf dem Arbeitsmarkt und bei der Entlohnung. „Die Generation der heute 28- bis 40-Jährigen verlangt eine geschlechtergerechte Arbeitswelt und will sich nicht mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen“, prognostiziert Nicole Elert, Leiterin des Bereichs Arbeitsrecht bei PwC. Demnach suchen 73 Prozent der befragten Frauen aktiv Karrierechancen und 75 Prozent hielten es für wichtig, gute Positionen zu erreichen. 77 Prozent trauen sich Führungspositionen zu. 42 Prozent machen sich jedoch auch Sorgen: Sie fürchten, dass eine Familiengründung negative Folgen für ihre Karriere haben könnte. Knapp die Hälfte der Mütter unter den befragten Frauen (48 Prozent) bestätigt diese Sorge: Sie fühlen sich bei Beförderungen und der Vergabe besonderer Projekte übergangen.

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