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Genuss ohne schlechtes Gewissen Esst, was auf den Tisch kommt!

Unser Essen ist ein Spiegel unserer Persönlichkeit. Wir instrumentalisieren es inzwischen als Bekenntnis, Visitenkarte und Statussymbol. Ein Plädoyer dafür, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Essen ist viel mehr als die reine Kalorienzufuhr Quelle: Getty Images

Die Einladung zur Hochzeit ist auf transparentem Papier gedruckt und enthält Datum, Ort, Uhrzeit und Dresscode. Neben Zu- oder Absage bittet der Gastgeber noch um die Angabe von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Das Menü sei, angesichts der zahlreich geladenen Vegetarier, frei von Fisch und Fleisch.

Zurückhaltung, Vorsicht und politische Korrektheit sind die Würzmittel einer Feier, deren Atmosphäre Einschränkung, Verzicht und Vernunft atmet. So sehr, dass sich der Normalesser fast sehnt, stattdessen zu einem selbstmörderischen Gelage eingeladen zu sein, wie es in Marco Ferreris Film „Das große Fressen“ ausgemalt wird.

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Essen, wie es der Mensch sich wünscht, nicht, wie es ihm angeboten wird – das hat sich zu einem Erfolgsrezept entwickelt, mit dem bereits Kindergärten konfrontiert werden: Viele Eltern sind nicht mehr mit der Gemeinschaftsverpflegung einverstanden und fordern, die Betreuer mögen den Kindern das eigens mitgebrachte Essen servieren.

Warum wir mögen, was wir essen

Das Gemeinschaftsmahl im Kreis der Familie oder mit dem berufstätigen Partner, bei dem alle Tischgenossen das Gleiche essen, ist auf dem Rückzug. Unsere Ernährungsgewohnheiten werden in der Kindheit geprägt, sagt der Soziologe Simon Reitmeier. Was wir als Kinder nach der Schule zu Mittag auf den Tisch bekamen, verbinden wir im Rückblick mit Wärme, Nähe und Zuneigung.

Im Erwachsenenalter lösen diese Gerichte, so Reitmeier in seiner Studie „Warum wir mögen, was wir essen“, im besten Fall genau diese Emotionen aus: Ein Kartoffelpuffer, der riecht, wie in der Küche der Kindheit, gibt uns das Gefühl von Sicherheit – mehr als jede Abschaltautomatik im Herd.

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Immer häufiger jedoch sind wir bereit, diese Emotionen einzutauschen gegen ein noch besseres Gefühl: die Überzeugung, mit unserem Essen etwas Richtiges zu tun. Jahrtausendelang, so der Historiker Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg, spielte das keine Rolle.

Von der Notwendigkeit, etwas zu sich zu nehmen in prähistorischen Zeiten, über den späteren Glauben Ägyptens, dass Mangel göttliche Bestrafung und Überfluss Belohnung sei, entwickelten sich in der Antike Vorstellungen von gesunder Ernährung: Die Idee, mit ausgewähltem Essen das Leben zu verlängern, hatten schon die griechischen Gelehrten Herodot und Hippokrates.

Erst die Moral, dann das Essen

Während die Römer den Genuss feierten, prägte das Mittelalter, so Hirschfelder, die Idee, dass gottgefälliges Leben mit Fasten und fleischlosen Tagen einhergehe. Wir verdanken es Luther, so der Soziologe, dass bis heute Genuss mit schlechtem Gewissen verbunden wird: Er brach mit den Fastengeboten, aber nur, um uns dafür die Idee des moralischen Lebens in Eigenverantwortung einzupflanzen.

Inzwischen kehren wir einen lange Zeit geltenden Spruch um. „Du isst, was du bist“, heißt das Credo unserer Gesellschaft. Wir hadern mit der Nahrungsmittelindustrie und den Produzenten, wir versuchen ein Leben zu führen, das möglichst keine schädlichen Spuren hinterlässt, so wie vor gut 2,5 Millionen Jahren, als unsere Vorfahren von Früchten und Blättern lebten.

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