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Genuss ohne schlechtes Gewissen Esst, was auf den Tisch kommt!

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Unser Essen als Erzählung

„All das gehört zu den narrativen Seiten des Essens, wir erzählen mit unserer Wahl der Speisen etwas über uns“, sagt Hirschfelder. Alltägliches wie Essen mit Bedeutung aufzuladen helfe uns, die Komplexität und Virtualität der Welt zu meistern.

Oft schwingen jedoch ganz andere Dinge mit in unseren kulinarischen Geschichten. In dem Maß, wie die Kritik an der Herrschaft der Männer wächst, zelebrieren diese ihre Männlichkeit in der Küche. Das beginnt, sattsam bekannt, mit der Liebe zum schärfsten Messer, dem teuersten Dampfgarer oder gleich dem privaten Fleischreifeschrank, um aus dem normalen Steak ein Dry Aged werden zu lassen.

Dazu kommt die Inszenierung des Archaischen, Verbotenen: So viel nacktes Fleisch zeigt kein klassisches Männermagazin, wie die sehr erfolgreiche Männerzeitschrift „Beef“. Sie präsentiert Hoden, erläutert detailliert das Zerlegen von Tieren und kokettiert mit dem Verbotenen: „Wie schmeckt eigentlich...?“ Das kann dann Wal, Giraffe oder Murmeltier sein.

Heute ist der Mensch am Herd ein Kerl, hier darf er es sein. Oder am Grill, der jüngsten Technik-Sau, die durchs kulinarische Dorf getrieben wird. Statt sich über die PS-Zahlen ihrer Autos auszutauschen, stellen sich bei Grill-Seminaren die Teilnehmer auch mit dem Produktnamen ihres Gasgrills vor.

Aus der Mahlzeit wird eine Botschaft

24 Stunden schmoren auf geschlossenen Kugelgrills und Smokern für mehrere Tausend Euro Fleischstücke, überwacht mit Sonden-Thermometer und Weckruf per Smartphone, falls die Temperatur zu weit nach unten geht. Eine Wurst auf Kohle grillen – alles unter der Würde von Grillmeistern, die lieber Lachs auf Brettern räuchern und Eis mit Baiser kurz im Grill gratinieren.

Die größten Lügen der Lebensmittelindustrie
Der Name kann über Erfolg oder Misserfolg eines neuen Produktes entscheiden. Deshalb verpflichten Unternehmen zum Teil extra Namenserfinder: Das hilft aber nicht immer - manchmal sind die Namen irreführend und es versteckt sich nicht das dahinter, was man auf den ersten Blick erwartet. "Crispy Chicken" ist schlichtweg paniertes Hähnchenbrustfilet und in einem Frischkäse mit Ziegenmilch wird nicht nur Ziegenmilch drin sein, sondern auch andere Milchbestandteile. Ein Blick auf die Rückseite hilft den "richtigen" Bestandteilen auf die Spur zu kommen. Der Ratgeber "Lebensmittel-Lügen – wie die Food-Branche trickst und tarnt" deckt diese und andere 'Lügen' auf. Er ist für 9,90 Euro bei allen Verbraucherzentralen oder im Internet unter www.vz-ratgeber.de erhältlich. Quelle: dpa
Man vermutet es nicht, aber nicht selten versteckt sich Alkohol in der Zutatenliste - das ist vor allem für Alkoholiker gefährlich, die schon bei kleinsten Mengen rückfällig werden können. Achtung: Sollte sich nur eine sehr geringe Menge Alkohol in den Lebensmitteln verstecken, kann das häufig auch als Trägerstoffe oder Lösungsmittel getarnt sein und taucht dann nur als Aroma auf. Quelle: dpa
Immer mehr Verbraucher achten bei ihrem Einkauf auf regionale Produkte - das kann sich aber schnell als Lüge entpuppen. Denn ein einheitliches Gesetz gibt es dafür nicht, sondern es liegt im Ermessen der Anbieter, ob die Produkte wirklich regional sind, also dort hergestellt wurden oder nur dort verkauft werden. Man sollte sich also ganz genau die Verpackung anschauen. Quelle: dpa
Für Zutaten, die - meist verführerisch - auf Gläsern, Verpackungen oder Dosen abgebildet sind, besteht eine "Mengenkennzeichnungspflicht", die anzeigt, wie viel davon tatsächlich im Produkt steckt. Vorsicht ist noch an anderer Stelle geboten: Steht auf der Verpackung der Hinweis "Serviervorschlag", dann entfällt eine Kennzeichnungspflicht. Zutaten, die dann auf dem Glas gezeigt werden, sind oft gar nicht enthalten, kritisiert die Verbraucherzentrale. Quelle: dpa/dpaweb
Noch eine Lüge kann sich hinter dem Terminus 'Hausfrauenart' verstecken. Denn neben der Regionalität der Produkte liegen auch solche im Trend, die auf Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe verzichten. Es erklärt sich allerdings beinahe von selbst, dass die Produkte aus dem Supermarkt, vor allem in der Vielzahl, wie sie dort stehen, direkt aus dem Kochtopf von Oma in das Glas hüpfen. Quelle: dpa
Lecker und gesund schließt sich leider in der Mehrzahl der Fälle aus: Die Wahrheit zeigt dann ein Blick auf die Nährwerttabelle - und hilft dabei die Lebensmittel, die zwar mit einer "Extraportion Milch" werben, aber verschweigen, dass da auch mehr Zucker und mehr Fett drin ist, zu entlarven. Quelle: dpa
Immer mehr Hersteller ersetzten Originalzutaten durch Billigstoffe und deklarierten das nicht deutlich genug auf der Verpackung, kritisieren Verbraucherschützer. Ein weiteres Problem: Oft fehlt das Zutatenverzeichnis ganz oder ist nur schwer lesbar. Ausnahmen darf es etwa bei Käse oder Getränken mit Alkoholgehalt von mehr als 1,2 Prozent geben, sonst aber nicht. Der Verbraucherschutz empfiehlt deshalb, sich beim Hersteller zu beschweren, wenn das Verzeichnis fehlt. Quelle: AP

Wer nicht bei einem der Trends mitmacht, ist schnell raus aus der Gruppe. „Ernährungsstile eignen sich, um andere Menschen abzuwerten. Wer nicht kauft, wie man selbst, ist moralisch unterlegen“, sagt Soziologe Simon Reitmeier. Dabei übersieht man gern so manche Paradoxie: „Das Huhn muss glücklich sein, wie es aber der Küchenhilfe oder dem Stallmitarbeiter geht, interessiert nicht“, so Reitmeier.

Wer isst, wie er sich sieht, wird damit selten hinter dem Berg halten. Das Sendungsbewusstsein eint Veganer wie Kulinariker. Jeder fühlt sich im Ernstfall den Vertretern anderer Ernährungsweisen überlegen. Aus der Mahlzeit wird eine Botschaft, transportiert via Instagram oder dem eigenen Foodblog.

Die Nahrung wird zur Nachricht. Wir beladen den Teller mit gekochter Bedeutung. Und vergessen, dass neben dem Atmen das Essen vor allem eine Notwendigkeit ist, die sich zunächst einmal allen ideologischen Kategorien entzieht.

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Niemand würde die Luft, die er atmet, mit rigorosen Einschränkungen oder ehrgeizigen Deutungen belasten. Nur das Essen wird zum Bekenntnis stilisiert, bis sein eigentlicher Sinn fast vergessen scheint und aus der Lust die Last am Essen wird.

Dabei könnte es so einfach sein: Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

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