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Geplante Obsoleszenz Wenn Murks zum Verkaufsprogramm wird

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Ein Zeichen betriebswirtschaftslicher Hilflosigkeit

Hersteller reden sich meist damit heraus, diese Maßnahmen dienten der Qualitätssicherung. Doch dann wäre zumindest ein deutlicher Hinweis an den Käufer fällig, wie man das Gerät trotzdem weiter betreiben kann. Doch der fehlt in aller Regel. Die Stiftung Warentest hat 2013 bei einem Test von Waschmaschinen keine Belege gefunden, „dass gezielt ein frühzeitiger Verschleiß von Produkten herbeigeführt wird.“

Doch „Möglichkeiten dafür“ gebe es viele, räumen die Autoren ein und listen die „Tricks“ auf: „hohe Reparaturkosten, fest eingebaute Akkus, fehlende Ersatzteile, Drucker, die fälschlich leere Patronen anzeigen oder Produkte, die sich nicht reparieren lassen“.

Was mit unserem Müll passiert
Insgesamt betrug das Abfallaufkommen im letzten Jahr in Deutschland rund 343 Millionen Tonnen, 36,7 Millionen Tonnen davon waren Hausabfälle. Das entspricht also 456 Kilogramm Müll pro Einwohner. Seit dem Jahr 2002 ist das Abfallaufkommen zwar leicht gesunken, jedoch wird laut Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit immer noch zu viel Abfall erzeugt. Immerhin: 14 Prozent der Rohstoffe, die die deutsche Wirtschaft einsetzt, werden mittlerweile aus Abfällen gewonnen; entsprechend werden der Abbau von Rohstoffen und die damit verbundenen Umweltbelastungen reduziert. Quelle: dpa
Grund ist die am 8. Mai 1991 beschlossene Verpackungsverordnung, die den Grundstein für die Mülltrennung in Deutschland legte. Von den 456 Kilogramm Müll pro Nase und Jahr sind 164 Kilogramm Restmüll, 113 Kilo Biomüll, und 148 Kilogramm getrennte Wertstoffe, also Papier und Pappe (72 Kilogramm), Glas (24 Kilogramm) und Holz (14 Kilogramm). Pro Einwohner fielen zusätzlich rund 30 Kilogramm Sperrmüll an. Quelle: Statista Quelle: dpa
Die Mülltrennung nutzt aber nicht nur der Umwelt und liefert billige Rohstoffe, sie schafft auch Arbeitsplätze: Fast 200.000 Beschäftigte arbeiten in rund 3.000 Abfallentsorgungs- oder Verarbeitungsbetrieben. Sie machen einen Umsatz von rund 40 Milliarden Euro jährlich. Quelle: dpa
Anders als in vielen anderen Ländern landen unsere Abfälle eher selten auf Deponien zum Verrotten. Zuvor müssen sie in irgendeiner Art und Weise verwertet werden. Hausmülldeponien beispielsweise dürfen seit Mitte 2005 nur noch vorbehandelte Abfälle aufnehmen, bei denen organische Bestandteile nahezu völlig entfernt sind. Anders sieht es beispielsweise in Bulgarien, Rumänien, Griechenland oder Polen aus, wo mehr als 70 Prozent der Abfälle auf Deponien landen. Quelle: dpa
Ein großer Teil der Abfälle in Deutschland, nämlich 35 Prozent, werden deshalb in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Die Überreste landen dann auf der Deponie. Die Energie, die bei der Verbrennung entsteht, wird vielfach zur Erzeugung von Strom oder zum Heizen verwendet. Wir heizen also mit unserem Müll. Quelle: ZB
Immerhin 18 Prozent unserer Abfälle kompostieren wir. Quelle: dpa
47 Prozent der kommunalen Abfälle werden recycelt - damit ist Deutschland der Wiederverwertungskönig innerhalb der 28 EU-Staaten. In keinem anderen Land wird ein so großer Anteil der kommunalen Abfälle noch einmal verwendet. Quelle: AP

Wie das geht, zeigt zum Beispiel Bosch mit seinem Akku-Rasenmäher rotak 43 li, über den sich ein Haiko P. am 20. Mai 2014 beschwert: Der Akku habe kurz nach Ablauf der zweijährigen Garantie den Geist aufgegeben. Der Ersatz koste 100 Euro. „Die Akkuzellen“, schreibt Haiko P., „sind verlötet, sodass nur sehr schwer festgestellt werden kann, welche kaputt ist. Eine Zelle kostet ungefähr 3 Euro. Man braucht Spezialwerkzeug, um an das Innenleben heranzukommen. Der Akku könnte auch nur verschraubt sein, ohne Komforteinbußen.“ Absicht oder einfach nur Nachlässigkeit der Bosch-Entwickler?

Verantwortung des Managements

Die Frage der Vorsätzlichkeit sei natürlich nicht durch technische Tests nachweisbar, sondern allenfalls vor Gericht zu klären, wendet Schridde ein. „Manchmal hat das einfach mit schlechter Kommunikation von Beschaffung und Ingenieuren zu tun. Aber das ändert nichts an der Verantwortung des Managements. Wenn es billigend in Kauf nimmt, dass ein Produkt nur begeistern aber nicht haltbar sein soll, ist das schließlich eine gewollte Unterlassung.“

Der Einwand von Unternehmen, Verbänden und anderen Skeptikern der geplanten Obsoleszenz: Welcher Hersteller sollte aus dem Murks ein System machen? Beschädigt das nicht seine Marke? Schridde hält diese Argumente, die er auch von Unternehmen und Verbänden hört, für „Nebelkerzen“. Die Hersteller produzierten nicht so sehr direkt für den Konsumenten, sondern für den Handel. Und der habe beim Einkauf nicht dasselbe Interesse wie der Konsument.

„Geplante Obsoleszenz ist ein Zeichen der Hilflosigkeit der Betriebswirte: In dem Moment, wo ein Markt gesättigt ist, fällt ihnen nichts Besseres ein als die Umschlagshäufigkeit im Sortiment hoch zu drehen“, sagt Schridde. Eisenriegler sieht das genauso: „Die Optimierung für die Hersteller im Sinne von "wie kann ich viel verkaufen" hat erst stattgefunden, seitdem eine gewisse Marktsättigung eingetreten ist. Die haben wir eindeutig bei Haushaltsgeräten.“

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