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German Angst Fürchtet euch nicht!

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Sorgen vor Inflation sind keine Angst

Mutter mit Kind im zersörten Berlin, Mai 1945 Quelle: dpa

Furcht vor konkreten Bedrohungen ist durchaus gesund. Die Sorge um die Währung zum Beispiel ist berechtigt. Die auch nach drei oder mehr Generationen zumindest unterschwellig noch nachwirkende Erfahrung des Verlustes aller Ersparnisse in der Inflation von 1923 und der Währungsreform 1948 macht die Deutschen hierfür sensibler als Südeuropäer, die sich über viele Jahrzehnte an eine schleichende Entwertung gewöhnten. Die Deutschen haben nicht wirklich Angst vor der Inflation, sie fürchten sie. Mit gutem Grund verlangen sie von ihren Politikern, davor bewahrt zu werden.

Angst dagegen ist eine obskure Befindlichkeit, die von der Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. Angst ist der Verlust des Lebensmutes, kaschiert durch die Flucht aus der Verantwortung ins hier und jetzt der Spaßgesellschaft. Sie ist für den einzelnen und für die Gesellschaft eine ungeheure Last. Im schlimmsten Fall, wenn Menschen deswegen bewusst auf Kinder verzichten, führt sie dorthin, wo sie herstammt: ins Nichts.

Dieses diffuse Gefühl wird auch im Ausland für so typisch deutsch gehalten, dass es im Englischen mittlerweile als „German Angst“ bekannt ist. Sogar von einer „German disease“, einer deutschen Krankheit ist oft die Rede. Aber warum ist die Angst deutsch?

Gabriele Baring,  Psychotherapeutin und Ehefrau des bekannten Historikers Arnulf Baring, ist bei ihren Patienten immer wieder auf dieselben tieferen Ursachen gestoßen. Die verdrängten Traumata der Erlebnisgeneration des Zweiten Weltkrieges wirkten in den Kindern und Enkeln fort, ist sie überzeugt. „Wir Deutschen stehen psychisch auf brüchigem Boden. Deshalb ängstigen uns konkrete Bedrohungen weit intensiver, als es bei anderen Nationen der Fall ist“, schreibt Baring in ihrem Buch „Die geheimen Ängste der Deutschen“. Anders als in anderen Nationen sei in Deutschland nach dem Krieg über das eigene Leid weitgehend geschwiegen worden.

Baring schreibt auch über ihre eigene Familiengeschichte: Eine Mutter, deren erster Mann drei Wochen nach der Hochzeitsnacht fiel, die nach dem Krieg mit einem beinamputierten Kriegsheimkehrer – Barings Vater – verheiratet war, der auf Krücken studierte und sein Leben lang unter Phantomschmerzen litt. Und beide finden keine Worte für ihre Leiden.

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