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Gestresste Gesellschaft Wenn Last Minute zum Alltagsprinzip wird

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Ohne Plan gibt's Stress

Ist das nicht toll? Diese Freiheit, stets alles noch schnell umwerfen zu können, ein Leben ganz spontan im Moment, befreit von jedem Plan!

Vielleicht. Aber dauernde Planlosigkeit ist auch extrem anstrengend und nervenzehrend.

Denn ein Plan ist nicht nur eine Fessel, sondern auch eine Stütze: Er verschafft einen Erwartungshorizont. Während sich heute viele Menschen kaum noch regelmäßig zu einem gemeinsamen Essen versammeln, gab es in den vormobilen Generationen Hausfrauen, die am Montag planten, was sie am nächsten Sonntag kochen würden.

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Hinter solcher Planmäßigkeit steht das Bedürfnis, wenn schon nicht nach absoluter Sicherheit, so doch immerhin nach der einigermaßen großen Wahrscheinlichkeit, dass das Leben in der nahen Zukunft halbwegs in geordneten Bahnen verlaufen wird. Und dass eben gerade nicht unablässig zwischen verschiedenen Optionen entschieden werden muss.

Ohne Erwartungshorizont wird das Leben auf Dauer unruhig und anstrengend. An Kindern sieht man das besonders deutlich: Kinder, die ohne ritualisierte Abläufe dauernd entscheiden dürfen, was sie als nächstes tun wollen, werden schnell unruhig, unzufrieden, unausstehlich.  

Erwachsene haben sich – meistens – besser im Griff. Sie quengeln nicht sofort los. Aber die psychischen Wirkungen dauernder Spontaneität dürften bei ihnen ähnlich sein.  

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Und schließlich: Als Massenphänomen betrifft das Last-Minute-Leben nicht nur jeden einzelnen mobilen Planlosen. Wenn Planlosigkeit und dauernder spontaner Entscheidungszwang zum Lebensmodell wird, hat das gesellschaftliche Folgen. Ein kollektiver Erwartungshorizont, also ein möglichst verlässlicher, gemeinsamer Plan für die nächste Zukunft, an den sich alle halten müssen, ist Bedingung dafür, dass so etwas wie eine Gesellschaft überhaupt existiert. Regelmäßigkeiten, die dauernde spontane Entscheidungen überflüssig machen, waren für den Soziologen Pierre Bourdieu eine Hauptvoraussetzung jeder Gesellschaft.

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Eine Menge von Menschen, die dauernd kurzfristige Entscheidungen treffen, die dauernd improvisieren (müssen oder wollen) und sich nicht mehr darauf verlassen können, dass morgen gilt, was gestern galt, ist keine Gesellschaft mehr - sondern nur noch eine unberechenbare, unzuverlässige Menschenmasse.

Soziologen nennen diesen Prozess der Störung oder Auflösung gesellschaftlicher Ordnung „Anomie“. Émile Durckheim behauptete vor 120 Jahren, dass solch eine Anomie die Menschen seelisch krank mache, Angst hervorrufe – und sogar zum Selbstmord führen könne.

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