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Großraumbüro Selbst Mittelständler richten sich ein wie Google

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Zwischen Büro und Wohnzimmer

Was steckt hinter dem Trend? Der britische Büroarchitekt Francis Duffy hat auf diese Frage schon 1997 in seinem Buch „The New Office“ eine Antwort versucht und zunächst einmal festgestellt: Die Grenzen zwischen Büro und Wohnzimmer verwischen. Eine klare Unterscheidung zwischen Zuhause und Arbeitsplatz sei „lediglich noch eine kulturelle Konvention“, sagt Duffy: „Und zwar eine längst überholte.“

Der Arbeitsplatz ist ein Spiegelbild unserer Arbeitswelt. Heute kommt es eben nicht mehr auf die leitzordentliche Pflichterfüllung von dienstbereiten Angestellten an. Sondern auf die Schaffung eines Umfeldes, in dem die Kreativität und das Wissen von hochbezahlten Geist-Arbeitern miteinander vernetzt sind. Und daher ist es laut Duffy kein Wunder, dass Büroflächen nicht mehr auf die Bewältigung von Routinetätigkeiten ausgerichtet sind, sondern vor allem auf Interaktion.

Abschied vom Schachbrett

Büro bei Rewe mit Blümchentapete und Schriftzug

Die Idee einer informellen Bürolandschaft stammt übrigens aus Deutschland. Das Quickborner Team um den Organisationsberater Eberhard Schnelle wollte bereits Ende der Fünfzigerjahre offene und frei fließende, möglichst nicht rechtwinklige Grundrisse für Büros nutzen, schwärmte von flexiblen und anpassungsfähigen „Lebenswelten“ für die Beschäftigten – ein krasser Bruch mit der damaligen Konvention schachbrettartig gefüllter Großräume.

Entsprechend führte Duffy, einer der Gründer des Londoner Architekturbüros DEGW, das Wort „Bürolandschaft“ ins Englische ein. Das, was er unter „New Office“ versteht, sieht er in einer Linie mit den revolutionären Entwürfen des Quickborner Teams.

Allein, revolutionär ist heute gar nichts mehr – und das Ausgefallene längst selbst zur Norm geworden. Es entstehen lauter Bürogebäude und -räume, die unangepasst sein wollen – und sich in ihrem unbedingten Willen nach Andersartigkeit stark ähneln. Denn am Ende sollen die Architekten immer wieder den gleichen Selbstbildern der Konzerne Kontur verleihen.

Da ist etwa das Statement der Durchsichtigkeit: Große Komplexe sind nicht mehr ehrfurchtgebietend, durch Mauern von der Außenwelt abgeschirmt, sondern einladend gestaltet, für jedermann zugänglich – so wie die in Anlehnung an ein Hochschul-Quartier Campeon genannte Zentrale von Infineon bei München oder der Vodafone-Campus in Düsseldorf.

Im Inneren setzt sich die Botschaft der Weltläufigkeit und Offenheit meist in weitläufigen Großraumbüros ohne feste Sitzplätze fort, die mit bunten Lounges und Café-Ecken aufgelockert werden, optional durch sogenannte Silent-Bereiche ergänzt und mit einem gewissen Maß an Kunst verziert – das gibt es nicht nur bei L’Oréal und der Telekom, sondern beispielsweise auch bei Adidas, BMW, Lufthansa, Siemens und der Deutschen Bank.

Zu den Optionen gehören Einrichtungsgegenstände wie ein Beer-Pong-Tisch für das Trinkspiel nach getaner Arbeit, etwa bei der Fintech Group in Frankfurt. Ein 4000 Quadratmeter großes Fitnessstudio bei Adidas in Herzogenaurach. Oder auch der Entspannungsraum mit Liegen und Massagesessel bei Unilever in Hamburg.

Scott Witthoft und Scott Doorley vom Hasso Plattner Institute of Design in Stanford zeigen sich in „Make Space“ (2012) sicher: Je außergewöhnlicher die Büroeinrichtung und je anregender die Farbgestaltung, desto kreativere Ideen entstehen. Das legen auch Laborexperimente nahe. Im Jahr 2014 gewannen Marily Oppezzo und Daniel Schwartz von der Stanford-Universität zufällig ausgewählte Personen für Kreativitätstests. Einige saßen in einem spärlich ausgestatteten Zimmer vor einer weißen Wand, andere durften auf dem Laufrad denken oder spazieren gehen. Das Ergebnis: Körperliche Bewegung förderte die gedankliche Flexibilität. Im Gehen hatten die Testpersonen bis zu 400 Prozent mehr Einfälle als im Stehen.

Sportgeräte im Büro dienen also der Mitarbeiter-Optimierung, genauso übrigens wie schön hergerichtete Treppenhäuser, die die Angestellten buchstäblich dazu bewegen sollen, den Aufzug zu meiden. Auch das lässt sich bei L’Oréal begutachten, wo auf vielen Treppenstufen steht, wie viele Kalorien man gerade verbrennt.

Köder für die Besten

Architekt Miazgowski ergänzt, dass sich die schönen vier Wände auch positiv auf Firmenimage und Budget auswirken: „Unternehmen wollen die Besten der Besten“, und die ließen sich von modernen Innenstadtbüros halt eher locken als von alten Büros am Stadtrand. Zum anderen seien in Zeiten von Home Office und flexiblen Arbeitszeiten klassische Schreibtischplätze im Schnitt nur zu 60 Prozent besetzt.

Auf die Macht der schönen Räume setzt auch Rewe Digital. Die Digitaltochter der Supermarktkette hat im Kölner Stadtteil Mülheim das Carlswerk, ein ehemaliges Kabelwerk auf dem Gelände eines früheren Industrieareals, zum Bürogebäude umgebaut – fernab der Rewe-Konzernzentrale auf der anderen Rheinseite.

Dort bietet das Unternehmen neuerdings Themenflächen an. Ein Büroabschnitt ist im Werkstatt-Flair eingerichtet, ein anderer wie eine Wohnung, in einem dritten kleben Sterne an den Wänden, „ganz so, wie die Teams es für richtig halten“, sagt Rewe-Digital-Chef Christoph Eltze, „um sich bei ihrer Arbeit rundum wohl zu fühlen“.

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