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Gründertagebuch Chocri will expandieren

Im Gründertagebuch berichtet Franz Duge, wie das Berliner Startup Chocri nach Investoren und Beiräten sucht, um die Expansion nach Amerika zu stemmen und die Produktion zu automatisieren.

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Chocri-Gründer Franz Duge (links) und Michael Bruck

Der Countdown läuft. In vier Wochen müssen Franz Duge und Michael Bruck ihr Berliner Startup Chocri in Umzugskisten verpacken. Hinein kommen: Maschinen, Schokoladenvorräte und Dosen voller Zutaten wie Mandelsplitter, Mangowürfel oder Minzblätter. Die Gründer und ihre 20 Mitarbeiter ziehen in den Berliner Stadtteil Lichtenberg, um ihre Produktion zu vergrößern.

Aus der Schokomasse und den Zutaten stellen Bruck und Duge Schokotafeln nach Wunsch her, die ihre Kunden vorher auf der Internet-Seite des Unternehmens kreiert haben. Diese Tafeln sind zwar teurer als gewöhnliche Tafeln, dafür aber Unikate.

Mit dieser Idee haben die beiden Gründer 2009 den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb gewonnen, der jetzt zum vierten Mal ausgeschrieben wird. Seitdem berichtet Duge regelmäßig im Gründertagebuch darüber, wie sich das Startup entwickelt.

In der fünften Ausgabe des Tagebuchs erläutert er, warum das Ostergeschäft in diesem Jahr besser läuft als 2009 und wie die Gründer nach Investoren und Beiräten suchen, die ihre Expansion in die USA unterstützen sollen.

24. Februar

In der Videokonferenz mit unserer USA-Managerin Carmen Magar ziehen wir eine Bilanz der vergangenen Wochen: Wir haben in den USA zwar schon einige Tausend Tafeln verkauft, aber nur ein kleiner Teil der Besucher unserer Web-Seite bestellt tatsächlich Schokolade. Womöglich liegt das an den langen Lieferzeiten aus Deutschland. Um schneller zu werden, vereinbaren wir eine Kooperation mit dem Logistikunternehmen UPS: Wer es ganz eilig hat, dem liefern wir die Tafeln für einen Zuschlag von etwa zehn Euro innerhalb von sieben Tagen in die USA. Ansonsten dauert es etwa eine Woche länger.

Langfristig wollen wir das Problem anders lösen: Carmen hat begonnen, sich nach Immobilien umzusehen, damit wir noch in diesem Jahr mit der Produktion in den USA beginnen und dort ein Tochterunternehmen gründen können.

25. Februar

Die vergangenen Monate waren anstrengend: Erst das stressige Weihnachtsgeschäft, dann kam eine Lawine von Bestellungen zum Valentinstag. Deswegen gehen wir heute mit der ganzen Belegschaft bowlen. Und wir zeigen unseren Mitarbeitern das Gelände in Berlin-Lichtenberg, auf das wir im April ziehen werden. Unser Team ist zufrieden: Die neuen Produktionsräume sind nicht nur doppelt so groß, sondern haben auch große, helle Fenster.

27. Februar

In unserem wöchentlichen Teamgespräch ist es heute erstaunlich ruhig. Viele Mitarbeiter sind noch mal in den Urlaub gegangen, um danach genug Kraft zu haben, den Osteransturm zu stemmen. Im vergangenen Jahr konnten wir nicht alle Bestellungen rechtzeitig ausliefern – dieses Mal soll das anders werden.

28. Februar

Schokotafeln nach Wunsch: Kunden können aus über 100 verschiedenen Zutaten auswählen

Wir sponsern seit einem Jahr regelmäßig Gewinnspiele auf ProSieben und RTL II, um Kunden zu gewinnen. Heute stellen wir den Zuschauern unsere neue Osterbox vor. Das Design und der Druck der bunten Verpackung haben einige Tausend Euro gekostet. Damit sich diese Investition rentiert, wollen wir bis Ostern mindestens 2000 Stück verkaufen. Kaum ist unsere Werbung im Fernsehen gelaufen, gehen die ersten Bestellungen ein.

1. März

Ich telefoniere mit Christine Stimpel. Sie ist Deutschland-Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles, einem der Partner des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs. Stimpel unterstützt uns dabei, einen Beirat für Chocri zu besetzen – ein Schritt, den Gründer irgendwann erwägen sollten. Wir hoffen, dass erfahrene Beiräte uns dabei helfen, unsere Produktion zu automatisieren. Auch bei unserer Expansion ins Ausland können gestandene Unternehmer gute Türöffner sein.

2. März

Wir haben uns schon vor Wochen entschieden, im Herbst einen Azubi einzustellen, weil wir es als unsere gesellschaftliche Pflicht ansehen, auszubilden. Heute treffen wir uns mit einem Ausbildungsberater von der Industrie- und Handelskammer. Er erklärt uns, dass einer unserer Mitarbeiter einen Lehrgang machen muss, damit wir ausbilden können.

3. März

Dass wir nach Berlin-Lichtenberg in ein größeres Gebäude ziehen, steht fest. Aber wir sind noch unsicher, wo wir die Büros unterbringen. Wir beschließen, sie im Dachgeschoss der Halle einzurichten – dort ist die Miete etwas günstiger als im Erdgeschoss. Bisher war es allerdings hilfreich, dass wir auch im Büro immer mitbekommen haben, was in der Produktion los ist, und konnten in stressigen Phasen mit anpacken. Ich hoffe, dass die Trennung im neuen Gebäude nicht zu stark auf das Betriebsklima durchschlägt.

4. März

Slogan in der Produktion:

Ich bekomme einen Anruf von einem Unternehmer. Er möchte uns helfen, nach Österreich zu expandieren – natürlich nur gegen eine Beteiligung am Umsatz. Österreich ist das Land, in dem die Menschen am häufigsten das Wort „Schokolade“ googeln. Trotzdem kommen nur 2 von 100 unserer Kunden aus Österreich. Wir verabreden mit dem Unternehmer ein Treffen – vielleicht schafft er es ja wirklich, den Verkauf weiter anzukurbeln.

5. März

Wir bekommen Besuch von einem Vertreter von Barry Callebaut, dem weltweit größten Schokoladenproduzenten. Der Vertreter hat schlechte Nachrichten für uns: Die Kakaopreise sind seit unserer Gründung um etwa 50 Prozent auf ein 30-Jahres-Hoch gestiegen. Noch haben wir zum Glück ausreichend Schokolade übrig, um bis Ende April Tafeln gießen zu können.

Aber dann müssen wir neu kalkulieren: Wenn wir die Preise unserer Tafeln nicht erhöhen wollen, müssen wir an anderer Stelle sparen. Wir wollen deswegen versuchen, die Produktion zu automatisieren, um die Personalkosten zu senken. Chocri-Tafeln werden zwar immer Handarbeit bleiben, aber Schritte wie die Verpackung der Tafeln können auch Maschinen übernehmen.

6. März

Wie in Deutschland versuchen wir auch in den USA, potenzielle Chocri-Kunden in unserem Blog und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter in Entscheidungen einzubeziehen. Zum Beispiel haben wir sie aufgerufen, einen Slogan für unsere englischsprachige Verpackung vorzuschlagen. Anschließend haben wir sie über die Ideen abstimmen lassen. Diese Methode, die auch „Open Innovation“ genannt wird, hat zwei Vorteile, die gerade für Gründer nützlich sind: Erstens bekommen wir mit wenig Aufwand innovative Ideen, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Zweitens setzt sich meist eine Idee durch, die gute Chancen hat, auch auf dem Markt gut anzukommen. Heute ermitteln wir den Sieger des Slogan-Wettbewerbs und belohnen die Gewinnerin mit einem Gutschein im Wert von 50 US-Dollar. Ihr Spruch lautete: "Your style, your taste, your chocri."

9. März

Morgens finde ich eine tolle Nachricht in meinem E-Mail-Postfach vor: Christine Stimpel von Heidrick & Struggles konnte einen hochrangigen Manager eines großen Lebensmittelherstellers gewinnen und überzeugen, mit uns über ein Beiratsmandat zu sprechen. Das klingt sehr vielversprechend, ist aber noch keine Zusage, deswegen behalten wir noch für uns, wer es ist und wie er uns helfen könnte.

10. März

Abends besuche ich ein Networking-Event der Internetplattform Deutsche-Startups.de. Solche Gelegenheiten sollten Gründer nicht auslassen – sie helfen dabei, Partner und Investoren zu finden. Ich unterhalte mich mit einem Vertreter der Investitionsbank Berlin. Er könnte bei unserer ersten Finanzierungsrunde hilfreich sein. Die Zeit drängt: Bald wollen wir mit der Produktion in den USA beginnen – dafür brauchen wir Geld, um Maschinen, Mitarbeiter und Marketing zu finanzieren. Auch der Umzug und der Ausbau unserer Produktion werden teuer. Wir kalkulieren, dass wir in den nächsten Monaten rund 200 000 Euro benötigen – wir brauchen einen Investor!

11. März

Chocri-Osterpackung:

Es geht Schlag auf Schlag: Das Telefon klingelt, in der Leitung ist ein Business Angel, der unser Tagebuch in der WirtschaftsWoche gelesen hat. Ich schicke ihm unseren Businessplan mit allen wichtigen Geschäftszahlen. Später merke ich, dass ich ihn nicht um eine Geheimhaltungserklärung gebeten habe – das sollten wir in Zukunft tun. Zum Glück wirkte er vertrauenswürdig.

15. März

Die Investorensuche geht weiter. Mein Mitgründer Michael Bruck und ich sitzen im Büro und formulieren einen Steckbrief, in dem wir die wichtigsten Informationen über Chocri zusammenfassen – etwa Umsatz und Gewinn des vergangenen Jahres. Ein solcher Steckbrief soll Investoren neugierig machen, bevor man ihnen in Verhandlungen die Details verrät. Florian Schweitzer vom Business-Angels-Netzwerk BrainsToVentures, ebenfalls Partner des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs, versendet den Steckbrief an die Investoren des Netzwerks.

16. März

Ich fahre mit Michael nach Leipzig zu einem jungen Unternehmen, das einige Ähnlichkeiten mit Chocri hat: Spreadshirt verkauft Textilien, die Kunden im Internet selbst gestaltet haben. Spreadshirt ist zwar schon acht Jahre alt und ziemlich erfolgreich, trotzdem ist die Herstellung der individuellen Textilien nach wie vor Handarbeit – wie bei unserer Schokolade. Bei dem Besuch lernen wir eine Menge: Wie Spreadshirt wollen wir unsere Produktion bis September mit Computern und Software ausstatten, um Bestellungen möglichst automatisch abzuarbeiten. Wir hoffen, unsere Produktionskosten so um 30 Prozent zu senken. Eine Herkulesaufgabe!

18. März

Wir bekommen Besuch von einem deutschen Unternehmer aus Dubai. Der Mann möchte für uns den Nahen Osten erschließen und gegen Provision Geschäfte mit Hotels vermitteln, die unsere Schokolade ihren Gäste anbieten könnten. Wir finden die Idee gut und beschließen, die Gespräche fortzusetzen.

21. März

Seit wir den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb vor einem halben Jahr gewonnen haben, wollen wir aus unserer Gesellschaft bürgerlichen Rechts eine GmbH machen, bei der unsere Haftung als Gesellschafter beschränkt ist. Nur so können sich auch Investoren an Chocri beteiligen. Endlich ist es so weit: Wir treffen einen Notar und gründen zum 1. April die Chocri GmbH. Geschafft!

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