Handschrift Grundschüler lernen eine aussterbende Kunst

Vier verschiedene Handschriften lernen Erstklässler in deutschen Schulen. Finnland schafft die Handschrift hingegen ab. Das muss nicht schlecht sein.

Was wirklich hinter Lernmythen steckt
Bloß nicht mit den Fingern rechnen Quelle: Fotolia
Eine Lehrerin schreibt mit Kreide an die Tafel Quelle: dpa
Schüler mit dem Smartphone auf dem Schulhof Quelle: dpa
Fehler helfen beim LernenWer sich beim Lernen häufig verhaspelt und die Lösung raten muss, lernt trotzdem was. Eine kanadische Studie hat gezeigt, dass die Gedächtnisleistung sogar von den Fehlern profitiert. Dies gilt allerdings nur, wenn die Raterei nicht völlig ins Kraut schießt, sondern nur knapp an der richtigen Lösung vorbei ist. Wer häufig fast richtige Vermutungen anstellt, dem helfen diese wie kleine Brücken beim Erinnern an die korrekte Information. Diesen Vorteil konnten die Forscher sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Probanden feststellen. Wer sich selbst herantastet, profitiert davon also mehr, als wenn ihm die richtige Antwort vorgesagt wird. Quelle: Fotolia
Texte wiederholt zu lesen, heißt viel zu lernen Quelle: dpa
Gelerntes erzählen, hilft es sich zu merken Quelle: AP
Hochbegabte sind LernüberfliegerWer einen ungewöhnlich hohen IQ hat, ist in der Schule noch lange kein Überflieger. Weil viele Hochbegabte in der Schule unterfordert sind, markieren sie den Klassenclown und bekommen entsprechend schlechte Noten. Quelle: Fotolia
Sport steigert die Konzentration Quelle: Fotolia
Manche sind nachts am lernfähigsten Quelle: Fotolia
Der frühe Vogel fängt den Wurm Quelle: dpa/dpaweb
Chaos macht kreativOrdnung gibt Sicherheit, weshalb kreative Köpfe gerne im Chaos versinken. Nur weil sich auf dem Schreibtisch Bücher und Zettel türmen, wird man aber noch lange nicht kreativ. Kreativ werden kann nämlich nur, wer bereits gelernt hat. Quelle: Fotolia
Lernen geht am besten unter Druck Quelle: dpa/dpaweb
Gehirnjogging macht geistig fitter Quelle: dpa
Musizieren macht klug Quelle: dpa
Kurz-vor-knapp-Lernen funktioniert Quelle: dpa
Werden Kinder gelobt, lernen sie besser Quelle: Fotolia
Schüler an der Tafel Quelle: AP
Intelligente Kinder haben bessere NotenUm eine gute Note zu bekommen, braucht es neben Intelligenz und Begabung auch Fleiß, Hingabe und Motivation. Ein intelligenter Mensch, der nicht lernt, bekommt schlechtere Noten als ein weniger intelligentes Kind, das sich anstrengt. Quelle: Fotolia
Lernmythen: Wer lernt und es aufschreibt, merkt es sich besser Quelle: dpa
Die Jüngsten lernen am besten Quelle: dpa

Claudia Wellendorff kann sich sehr sicher sein: Was sie schreibt, wird gelesen. Aus der Flut der üblichen gedruckten Karten und standardisierten Briefe stechen die des Schmuckherstellers aus Pforzheim heraus. Der Briefumschlag ist aus festem Papier, die Adresse wie der Inhalt des Schreibens in Schreibschrift – in Claudia Wellendorffs Handschrift. Nicht in der eines Assistenten, wie es bei Begrüßungskarten des Direktors auf Hotelzimmern üblich ist: „Ich schreibe Einladungen oder Grüße stets selbst, und während ich das tue, widme ich meine Gedanken dem Adressaten.“ Egal, was in dem Anschreiben steht, die entscheidende Nachricht kommt an: Mein Gegenüber ist mir wichtig.

Die Handschrift ist selten geworden im Leben der meisten Erwachsenen, so selten zwischen E-Mails und Nachrichten im Messenger, dass es auffällt, wenn jemand sie für eine Nachricht nutzt. Die PIN für die EC-Karte hat die Unterschrift unter dem Euroscheck ersetzt, die SMS den Liebesbrief. Mitte Januar erklärte Finnland, das im Bildungstest Pisa jahrelang an vorderster Stelle landete, die Schulkinder künftig stärker in der Nutzung der Tastatur statt des Füllfederhalters zu unterrichten. In den USA zählen schon 41 von 50 Bundesstaaten die Handschrift nicht mehr zum fundamentalen Bestandteil der Erziehung. Die Aufregung in Deutschland ließ nicht auf sich warten, die motorischen Fähigkeiten seien dringend weiter zu schulen, warnte der Verband Bildung und Erziehung.

Wie der Klassenraum das Lernen beeinflusst
Schülerinnen gehen durch die Eingangshalle vom Neubau des Sachsenheimer Lichtenstern Gymnasiums Quelle: dpa/dpaweb
Farbspektrum Quelle: Fotolia
Ein leeres Klassenzimmer einer Schule Quelle: dpa
Das mit viel Holz gestaltete 200 Quadratmeter große Atrium ist am 20.04.2015 in der Kindertagesstätte "Wellenreiter" in Wismar Quelle: dpa
Kim, Miguel, Oliver und Michael aus der ersten Klasse der Grundschule Langenenslingen (Baden-Württemberg) rennen aus dem Schulgebäude. Quelle: dpa
Ein Ventilator steht in einem Büro. Quelle: dpa
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. Quelle: dpa
Ein Lehrer betritt das Lehrerzimmer in einem Gymnasium in Hannover Quelle: dpa
Schulkinder spielen auf dem Schulhof der Paul-Klee-Grundschule. Quelle: dpa
eine junge Frau bemalt eine Wand blau Quelle: Fotolia

Für Kulturpessimismus gibt die Geschichte der Menschheit jedoch kaum Anlass. Handschrift in der Breite der Bevölkerung ist in der Historie ein vergleichsweise kurzes Phänomen. Die Sumerer nutzten vor rund 6000 Jahren erstmals die Schrift zur Übermittlung von Informationen. Sie lehrten Kinder, Zeichen in Lehm zu ritzen. Jahrhundertelang blieb Handschrift das Privileg verschiedener Minderheiten. Aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts lernten zum Beispiel alle Schüler in den USA Schreibschrift.

Keine natürliche Fähigkeit

Das Schreiben mit der Hand ist keine natürliche Fähigkeit, sondern eine, die allen 28 Muskeln in der Hand beigebracht werden muss wie Gitarre spielen oder Tortellini formen. Und ohne Praxis schläft die Fähigkeit wieder ein. „Sie sollten üben“, sagt Christian Marquardt, Leiter des Instituts für Schreibmotorik in Heroldsberg, finanziert vom Schreibgerätehersteller Schwan, der seit Jahren sinkende Umsätze verzeichnet. Die eigene Handschrift als Distinktionsmerkmal zu nutzen will in Zeiten, wo es keiner erwartet, gut überlegt sein.

Wer den Schwung unter dem kleinen „g“ nicht pflegt oder ein „i“ und ein „n“ nachlässig verbindet, kann sich schnell verdächtig machen. Während Wellendorffs Handschrift makellos ist, kokettieren Erwachsene heute damit, dass sie eine „Sauklaue“ haben und ihre eigene Schrift so gut wie nicht mehr lesen können – meist weil die Handschrift kaum ein Kollege, Vorgesetzter oder Kunde noch zu Gesicht bekommt. Kommen schlampig notierte Buchstaben aber beim Empfänger an, betrachtet er die als persönliche Aufmerksamkeit gemeinten Zeichen im schlimmsten Fall als Ausweis der Unfähigkeit in allen Belangen.

Untersuchungen unter Schülern sollen belegt haben: Eine gute Handschrift weist darauf hin, dass die schulische Karriere besser verläuft, und sie hilft, Dinge auswendig zu lernen. Eine andere Untersuchung belegt, dass Lehrer Arbeiten von Schülern mit krakeligem Schriftbild auch inhaltlich abwerten. Werden Arbeiten der Schüler in Maschinenschrift bewertet, wird die motorische Fähigkeit nicht länger mitbewertet. Auch der Autor dieser Zeilen musste die Abschrift der Worte einem Menschen mit besser ausgebildeten Fähigkeiten überlassen.

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