Headhunter Warum Männer gefördert und Frauen abgeworben werden

Weibliche Top-Führungskräfte sind in deutschen Vorständen noch immer stark unterrepräsentiert. Quelle: imago images

Um mehr Frauen in ihre Vorstände zu bekommen, setzen deutsche Unternehmen statt auf interne Beförderungen vor allem auf Personalberatungen – dabei haben diese selbst ein Diversitätsproblem in der Führungsetage.

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Zalandos Finanzvorständin, Sandra Dembeck, hat in ihrer Karriere bereits so einige Stationen zurückgelegt: Indien, China, die Niederlande und Großbritannien – der Lebenslauf der 49-Jährigen gleicht einer bunten Landkarte. Und doch: Im vorletzten März zog es die Betriebswirtin nach fast zwei Jahrzehnten zurück nach Deutschland. 

Laut einer Studie der Allbright Stiftung ist dies ein Schritt, den viele weibliche Führungskräfte gehen. Denn wie auch viele andere talentierte Frauen in den Vorstandsetagen großer Konzerne wurde Dembeck nicht intern aufgebaut, sondern von außen rekrutiert: Headhunter spielen bei der Erhöhung des Frauenanteils in den Unternehmensführungen eine immer größere Rolle.

Fremd fischen bei Wettbewerbern

Zu Beginn eine gute Nachricht: Im letzten halben Jahr wurden fast genauso viele Frauen wie Männer neu in die Vorstandspositionen der 160 Börsenunternehmen berufen. Das lässt den Anteil an Frauen in Vorständen im März 2023 auf etwa 17 Prozent steigen.

Weniger positiv: Hinter dieser Entwicklung verbirgt sich immer noch ein harter Wettbewerb um talentierte Frauen in der Wirtschaft. Deutsche Unternehmen stehen dabei oft vor einem hausgemachten Problem: Wenn sie intern nicht genug Frauen gefördert haben, müssen sie weibliche Talente von anderen Firmen abwerben. Die Zahlen der Allbright Stiftung zeigen, dass fast zwei Drittel der derzeitigen weiblichen Vorstandsmitglieder nicht aus den eigenen Reihen stammen. Die Hälfte der Frauen, die zwischen Januar 2022 und März 2023 in die Vorstände von Dax, MDax und SDax aufgestiegen sind, wurden von Headhuntern rekrutiert.

Während die männlichen Vorstände vor allem als Eigengewächse in ihrem Unternehmen an die Spitze befördert werden, schaffen es weibliche Talente laut der Studie nur im Ausnahmefall bis an die Spitze: 83 Prozent der in den letzten fünf Jahren intern beförderten Vorstandsmitglieder waren Männer.

Auch 2023 verdienen Frauen im Schnitt deutlich schlechter als Männer. Diese Benachteiligung ist regional aber unterschiedlich stark ausgeprägt – in vier Landkreisen verdienen Frauen gar mehr als Männer. Woran das liegt.
von Kristin Rau

Extern rekrutierte Männer bleiben im Vergleich zu extern rekrutieren Frauen häufig kürzer im Vorstand der Unternehmen: Während fast jeder dritte externe Mann das Unternehmen nach fünf Jahren bereits wieder verlassen hat, verlässt nur etwa jede sechste externe Frau nach diesem Zeitraum den Vorstand.

Mögliche Erklärungen dafür sind laut der Studie, dass sie vor der Einstellung genauer durchleuchtet werden, anpassungsfähiger sind – oder die Unternehmen sich mehr Mühe geben, sie nicht zu verlieren.

Starker Blick ins Ausland

Schaut man auf die vergangenen Jahre, steigt der Anteil an Frauen in Vorständen zwar rasant, liegt mit unter einem Fünftel aber immer noch deutlich unter dem der Männer. Deshalb finden sich unter den Vorständen der 160 Unternehmen in Dax, MDax und SDax verhältnismäßig wenig wechselbereite Frauen. Wo also rekrutieren die Personalberatungen die weiblichen Top-Talente für die Vorstände? Laut der Studie sind vor allem zwei Quellen beliebt: Ausländische Unternehmen und die Ebene unter dem Vorstand der 40 großen Dax-Unternehmen.



Das läge daran, dass in Unternehmen außerhalb Deutschlands mehr Frauen in Führungspositionen zu finden sind als hierzulande – auch weil sich ihnen dort teils bessere Karrierechancen bieten.

Geschäftsführerin der Allbright Stiftung, Wiebke Ankersen, führt das darauf zurück, dass in Deutschland viele Frauen in Teilzeit oder unter ihrem Niveau arbeiten. Entweder, weil sie berechtigte Zweifel daran haben, dass sich hierzulande eine Führungsposition mit einem gelungenen Familienleben vereinbaren lässt – oder weil man ihnen die Führung nicht zutraut.

Zwar werden in den Dax-Unternehmen weibliche Führungskräfte schon seit Längerem auf allen Ebenen eingestellt. Oft gelinge es den Unternehmen aber trotzdem nicht, diese Frauen konsequent zu fördern – den Personalberatungen erleichtert das wiederum ihre Abwerbeversuche.

Beratungen selbst mitten in der Transformation

„Die Unternehmen müssen selbst systematisch einen viel größeren Pool an weiblichen Führungskräften auf allen Ebenen aufbauen, daran führt kein Weg vorbei“, kommentieren die Geschäftsführer der Allbright Stiftung die Ergebnisse der Studie.

Die großen Karriere-Irrtümer

Vor allem eine ehrliche Offenheit für Veränderung sei dabei essenziell: Wenn Unternehmen Frauen im Top-Management wollen, müssen sie sich darauf einstellen, dass es ein anderes Miteinander wird, als sie es aus den traditionellen Männergruppen gewohnt sind. Die Unternehmensführungen müssen zudem klar signalisieren, dass Frauen und ihre Perspektive in der Führung gewollt sind, und es muss gut sichtbare Frauen in diesen Positionen geben.

Das gilt auch für die wichtigsten Akteure bei der Vermittlung von Führungskräften in deutsche Vorstände, die fünf größten internationalen Personalberatungen. Neben dem schweizerischen Unternehmen Egon Zehnder, dominieren laut der Studie vier US-amerikanische Beratungen den deutschen Markt: Heidrick & Struggles, Korn Ferry, Russel Reynold Associates und Spencer Stuart. Keine der genannten Beratungen hat eine Frau in ihren deutschen Geschäftsführungen.

Immerhin: Laut der Allbright Stiftung wird der Frauenanteil insgesamt in den Personalberatungen immer größer – auch um über deren weiblichere Netzwerke der Nachfrage der Unternehmen nach Top-Managerinnen besser nachkommen zu können.

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Von Januar 2022 bis März 2023 waren etwa 70 Prozent der Neueinstellungen im Bereich Executive Search bei den fünf großen Personalberatungen Frauen. Dadurch ist der Frauenanteil bei den Headhuntern in diesem Bereich auf fast 40 Prozent gestiegen.

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