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Heiterbildung Wer hat Angst vorm bösen Markt?

Die Marktwirtschaft ist zum beliebtesten Sündenbock aufgestiegen. Kabarettist Ferdinand Linzenich über die verbale Treibjagd auf die Marktwirtschaft.

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Ferdinand Linzenich Quelle: Peter Stumpf für WirtschaftsWoche

Früher waren ja die Amerikaner, die Israelis oder Helmut Kohl schuld an allem, was weltpolitisch schiefgelaufen ist. Seit Helmut Kohl nicht mehr im Amt ist und schon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr vor Untersuchungsausschüsse gezerrt werden kann, war ein Platz für einen neuen Sündenbock frei. Deshalb ist das neueste Schreckgespenst die freie ungezügelte Marktwirtschaft.

Man hat ja den Eindruck, nicht einmal die FDP möchte zurzeit mit marktwirtschaftlichem Denken in Zusammenhang gebracht werden. Hätte der Markt eine feste Adresse, müsste er wohl täglich mit Drohbriefen, anonymen Anrufen und Schadensersatzklagen rechnen.

Weshalb viele Politiker – allen voran die Bundeskanzlerin – ihn auch mit allen Mitteln unschädlich machen wollen. Das Problem ist nur, die Ritter vom Orden des wirtschaftlichen Anstands werden schon deshalb niemals zu wahren Robin Hoods werden können, weil der Markt auch nicht der böse Sheriff von Nottingham ist. Er ist nicht mal eine Windmühle. Womit sich auch ein – satirisch sicherlich reizvoller – Vergleich von Schäuble und Merkel mit Don Quijote und Sancho Pansa erübrigt.

Benutzt man die Metapher vom menschlichen Körper, ist der Markt weder das Herz noch das Hirn der Gesellschaft. Am ähnlichsten ist er noch der Leber. Ein Organ, das jeden Tag unauffällig Bilanz zieht über den Lebenswandel seines Besitzers, das lebenswichtige Enzyme für das Funktionieren des Organismus produziert, dabei enorme Belastungen verkraften kann und das man erst spürt, wenn es richtig krank geworden ist. Dann allerdings herrscht sofort akute Lebensgefahr.

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    Ich will jetzt nicht in eine Diskussion eintreten, wie viel Schnaps und fettes Essen eine Leber verträgt, da sind die Experten unterschiedlicher Meinung. Eins aber ist sicher – ohne Leber ist ein Körper nicht vorstellbar. Ebenso wenig wie eine Gesellschaft ohne Markt.

    Es hat ja im 20. Jahrhundert jenseits des Eisernen Vorhangs einen groß angelegten Freilandversuch gegeben, eine marktfreie Gesellschaft zu entwickeln. Obwohl jede Form von marktwirtschaftlichem Handeln rigoros unterdrückt wurde, funktionierten die Marktgesetze im Hintergrund weiter und bilanzierten, nüchtern und unbeeindruckt von Plansoll und Ideologie, den Aufwand und Ertrag dieser Volkswirtschaften. So lange, bis die Bilanzen derart aus den Fugen geraten waren, dass die Arbeiter- und Bauernparadiese an ökonomischer Leberzirrhose eingingen.

    Wie kommt es aber, dass sich in einer Welt, in der sich sonst nur Vulkane, Erdbeben und Aidsviren dem universalen Machtanspruch des Menschen widersetzen, dies auch für die Gesetze des Marktes gilt.

    Vielleicht weil die Marktmechanismen keine menschliche Erfindung sind, sondern älter als unsere Spezies? Denn nicht nur menschliche Gesellschaften, sondern alle Ökosysteme basieren letztlich auf einfachen Marktmechanismen.

    Ein Löwenrudel in der afrikanischen Serengeti macht es uns vor. Bevor Löwen sich zum Angriff auf ein Beutetier entschließen, treffen sie instinktiv marktwirtschaftliche Entscheidungen. Sie machen gewissermaßen einen Businessplan.

    Sie wägen Investitionen (Energieeinsatz) und möglichen Gewinn (zu erwartende Fleischmenge) ab und beziehen Risiken mit ein – große Beutetiere zum Beispiel sind wehrhaft und können den Jäger verletzten und damit sein Produktivkapital beschädigen. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten (Mangel an Beute) gehen die Löwen größere Risiken ein und greifen auch tonnenschwere Büffel an, in ökonomisch günstigeren Zeiten (Überfluss) verlegen sie ihre Zukunftsinvestitionen in Form von Nachwuchs.

    Der Erfolg des Rudels hängt dabei einzig und alleine davon ab, ob es ihm gelingt, am Ende in seiner Bilanz von Investitionen und Gewinn mindestens eine schwarze Null zu schreiben.

    Nun haben die Löwen uns gegenüber marktwirtschaftlich einen großen Vorteil. In ihrer Welt gibt es bislang weder Regulierungsbehörden noch politische Gremien, die den Löwen geschäftliche Auflagen machen – wie etwa ein Beutelastenausgleich mit kleineren Raubtieren oder tarifvertragliche Ruhezeiten für Antilopen.

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      Das Einzige, was auch die Löwen in Afrika seit geraumer Zeit kennen, sind Subventionen. In der Serengeti kommen die in Gestalt von Haustieren des Weges. Ein Rind ist so ungefährlich wie eine Ratte, so leicht zu erlegen wie eine Schildkröte, aber so nahrhaft wie ein Büffel – kurzum ein Bombengeschäft.

      Überall wo es genug Rinder gibt, verlegen sich die Löwen deshalb auf dieses Marktsegment. Und zwar auch in Afrika mit den bekannten Folgen: Langsam, aber sicher verlernen sie ihre Fähigkeiten zum Jagen von Wildtieren – sprich, sie werden marktuntauglich.

      Deshalb können sie auch nicht, bleiben die vierbeinigen Subventionen eines Tages aus, so ohne Weiteres zu ihrer traditionellen Lebensweise zurückkehren. Und da es auch keine Lobbyisten in der Serengeti gibt, werden sie zu Menschenfressern – das heißt, sie fallen dann erst mal über die Urheber der Subventionswirtschaft her.

      Schade, dass es das nur in der Serengeti gibt.

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