Ingenieurmangel in Deutschland: Elektrotechnik schon in der Grundschule verankern
Elektrotechnik steckt fast überall drin. Aber warum nur ist ihr Image so schlecht?
Foto: imago imagesDas Spektrum der Aktivitäten in der Elektro- und Informationstechnik ist groß und vielfältig. Elektroingenieurinnen und Elektroingenieure entwickeln die heutigen Elektroautos, sorgen dafür, dass sie fahren, möglichst weit. Der Antrieb moderner Züge sowie ihre Steuerung und Sicherheitstechnik sind elektrisch.
So manch einen Elektrotechniker macht es da stutzig, warum sich für diese ganzen Anwendungsfelder in Deutschland nur wenige interessieren. Die Zahl an Erstsemestern sinkt. Es gibt immer weniger Absolventen und noch weniger Begeisterte, die dann den Weg in die Forschung einschlagen oder in die Industrie gehen. Das Problem: Selten werden die einschlägigen Inhalte und vor allem die technischen Errungenschaften, die wir in unserem Leben jeden Tag nutzen, mit dem Fach verbunden. Wer also soll die Energiewende angehen? Wer entwickelt die energieeffiziente Computertechnologie für die zukünftige KI Made in Germany?
Die Antwort auf all diese Fragen ist: Wir!
Damian Dudek (li.) und Michael Schanz
Foto: AMO GmbH/Martin Braun, PresseDenn Elektro- und Informationstechnik ist das Lebenselixier für die nächsten Quantensprünge in Deutschland. Der Elektro- und Informationstechnik fehlt es nicht an Fördergeld für die Forschung und auch nicht an spannenden Themen. Was fehlt, ist der Nachwuchs.
Nachwuchs für den Fusionsreaktor von morgen
Von A wie Akkuschrauber bis Z wie Zentralverriegelung finden sich überall elektronische und elektrische Elemente und Werkzeuge, die mit elektrischer Energie betrieben werden. Umso wichtiger ist es, dass uns in Zukunft nicht die Energie ausgeht und wir nicht den Hitzetod durch die konventionelle Energiegewinnung sterben. Wind, Sonne, Geothermie sind natürliche Energiequellen und wir benötigen viel mehr dieser neuen Wege in der regenerativen Energiegewinnung, um Elektrizität zu generieren. Vom Himmel fallen sie nicht. Wir müssen sie entwickeln. Und dafür benötigen wir Nachwuchs, der den Fusionsreaktor von morgen ans Netz bringt.
Gemeinsam können wir die jetzige Situation ändern. Die vielen Fachexpertinnen und Fachexperten haben meist hervorragende Konzepte, wie sie ihr Wissen weitergeben. Es liegt an uns allen, diese Konzepte auszubauen und auf Bundesebene auszurollen, um so Anreize für jüngere Generationen zu schaffen, einen Beruf in den Fachgebieten der Elektro- und Informationstechnik aufzunehmen.
Die Jobs sollten mit dem Anliegen der Fridays-for-Future Bewegung eng verbunden sein und diese jungen Menschen dazu motivieren, konstruktiv etwas dafür zu tun. Um die hochgesteckten Klimaziele zu erreichen, benötigen wir Menschen, die neue Technologien vor allem in der Elektro- und Informationstechnik ausgestalten und die Systeme auf ihre Energieeffizienz hin optimieren. Damit ist der Beruf in der Elektro- und Informationstechnik an vielen Stellen aktive Mitarbeit am Umweltschutz und an der Verbesserung der Lebensqualität.
„Wir verändern die Welt und schaffen Zukunft“ – das sollte das Motto der kommenden Jahre sein. Unsere Aufgabe ist es, diese Botschaft jungen Leuten adäquat und dort zu präsentieren, wo sie sich tummeln: auf Instagram und TikTok. Studierende, Wissenschaftsinfluencerinnen sowie Wissenschaftsinfluencer und Filmschaffende können Anschauungsmaterial und Annäherungen an die Fächer in Form von Videos, Serien und Comics aufbereiten und in sozialen Medien verbreiten. Die Sinnstiftung sollte dabei stets im Vordergrund stehen. Die Frage also: Wofür mache ich das?
Der Ingenieurmangel: Pflicht und Chance zugleich
Positive Beispiele, an denen wir uns orientieren müssen, gibt es genügend. Die Professur für Schaltungstechnik an der TU Dresden zeigt medienwirksam, dass der Fachbereich von zentraler Bedeutung für die Innovationen der Zukunft ist. Die Mitarbeiter komponieren Songs wie „Viva la Electronica“ oder den „5G Song“, produzieren Musikvideos und publizieren einfach verständliche Comics.
Genauso wichtig ist es, die Elektrotechnik viel stärker als bisher in den Schulunterricht zu integrieren. Schülerinnen und Schüler des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Hamburg arbeiten ab Klassenstufe acht in ausgewählten Forschungsprojekten der TU Hamburg mit.
Unis wie die RWTH Aachen arbeiten gezielt mit Grundschulen zusammen. Es ist nämlich kein Kunststück, junge Kinder, so früh wie möglich, dafür zu begeistern, Widerstandsgrößen umzurechnen, einen Maschenumlauf in einer Schaltung vorzunehmen oder die Knotenregeln anzuwenden. Der Grad an Faszination ist natürlich unterschiedlich, sei es praktisch oder abstrakt, doch sie ist unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Denkweise. Elektro- und Informationstechnik ist Rechnen und Basteln zum Mitmachen. Gerade in der Grundschule können wir ein positiv behaftetes Bild der Elektro- und Informationstechnik vermitteln, denn in diesen jungen Jahren sind die Hürden und Vorurteile noch überschaubar.
Die Herausforderung, den Ingenieurmangel zu überwinden, birgt die Chance – und die Pflicht – die unterrepräsentierte Außenwahrnehmung ins Bessere zu kehren. Um junge Menschen für die Inhalte des Faches zu begeistern und vor allem zu motivieren, die Welt, in der wir leben, und die Alltagsgegenstände, die wir nutzen, zu gestalten. Wir sind überzeugt: Wenn es uns gelingt, die Grundlagen und Zusammenhänge der Elektro- und Informationstechnik in weite Teile der Gesellschaft zu tragen, wird sich ihr Image verbessern.
Lesen Sie auch: Über welche Unis der Weg nach oben führt