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Internetsprache Verhunzt das Internet unser Deutsch?

Unvollständige Sätze, Grammatik - egal. Im Internet herrscht Rechtschreibe-Anarchie. Doch wo Sprachbewahrer einen Kulturverlust sehen, schlummert auch viel Kreativität.

Textnachrichten und das Internet verändern unsere Sprache. Quelle: dpa

A: „was machste we?“, B: „gehn essen, nom nom“, B: „jip!“, A: „späta party?“, B: „yup, bin dabei. bäm!“.

So oder so ähnlich könnte es aussehen, wenn sich zwei junge Leute über Facebook oder WhatsApp fürs Wochenende verabreden. Sprachpuristen kommt da das Grausen. Auch manche Eltern befürchten, dass Chatten, Bloggen und Twittern die Sprache ihrer Kinder verhunzt. Doch Experten geben Entwarnung: Die digitale Kommunikation kann die Sprachgewandtheit sogar fördern.

SMS, E-Mail, Chat und soziale Netzwerke - ständig tippen wir irgendwelche Nachrichten. Statt mit der besten Freundin zu telefonieren, schicken wir schnell ein paar Kurznachrichten hin und her. Mit der Folge, dass wir schreiben wie wir sprechen: in Wortsplittern, Satzfragmenten und ohne genau auf Rechtschreibung und Grammatik zu achten.

Wir schreiben We statt Wochenende, Jip statt Jippie. Präpositionen und Pronomen werden weggelassen oder verschmelzen mit anderen Wörtern. Dazu kommt eine Fülle von emotionalen Ausdrücken wie haha, gähn, seufz, mmmh und nom nom für lecker oder bäm für totale Begeisterung. Denn wo Gesichtsausdruck und Stimmlage fehlten, müssten Worte Gefühle vermitteln, sagt der Hannoveraner Sprachwissenschaftler Volker Schlobinski.

"Fly sein" ist das Jugendwort des Jahres
Bei der Online-Abstimmung zum "Jugendwort des Jahres" hat der Begriff "fly sein" das Rennen gemacht. Quelle: dpa
Der Begriff "Hopfensmoothie" als Bezeichnung für Bier stand auch auf der Liste. Quelle: dpa
Der Begriff "Tindergarten" stand lange ganz oben auf der Liste und steht für die Sammlung von Online-Dating-Kontakten. Quelle: dpa
Ein 17-Jähriger benutzt am 01.04.2015 in Würzburg das iPhone 6. Quelle: dpa
Das Wort «Merkeln» ist am 25.07.2015 in München beim Wortspiel Scrabble gelegt. Quelle: dpa
Das "Jugendwort des Jahres" 2014 war gleich ein ganzer Satz: " Läuft bei Dir" als Synonym für cool oder krass wurde letztes Jahr gekürt. Die Redewendung sei unter Jugendlichen weit verbreitet und werde ohne regionale oder soziale Begrenzungen verwendet. Der Ausdruck beschreibe "einfach perfekt eine für Jugendliche typische Situation". Auf dem zweiten Platz landete " Gönn dir!", als Ausdruck für "Viel Spaß dabei". Auf Rang drei findet sich " Hayvan": Das aus dem Türkischen stammende Wort für Tier könne sowohl positiv als auch negativ verwendet werden - entweder als Synonym für "Muskelpaket" sowie "treuer Freund" oder für "ohne Denkvermögen". Das berühmte " Selfie" schaffte es nur auf Platz vier - gefolgt von " Senfautomat" für jemanden, der alles kommentiert, also immer seinen Senf dazu geben muss. Seit 2008 werden Jugendliche dazu aufgerufen auf „jugendwort.de“ ihre Lieblingswörter der Jugendsprache einzureichen und darüber abzustimmen. 2014 hatte die Online-Abstimmung Schlagzeilen gemacht, weil das Wort " fappieren" mit 46 Prozent der Stimmen deutlich vorn lag. Angelehnt an das englische Verb "to fap" soll es die jugendliche Art sein, über Masturbation zu sprechen. Quelle: dpa
Weniger Diskussionsbedarf um das Voting gab es dagegen im Jahr 2013. Vor zwei Jahren wurde „ Babo“ zum Jugendwort des Jahres gewählt. Der aus dem Türkischen stammende Ausdruck heißt etwa so viel wie Boss oder Anführer. Platz zwei und drei belegen die Ausdrücke „ fame" (toll, super, berühmt) und „ gediegen“ (super, cool, lässig). Quelle: AP

Forscher beobachten diese Abwandlung von Sprache schon seit vielen Jahren. Während früher vor allem Computer-Nerds Begriffe wie lol (Abkürzung für laut lachen) oder omg (Abkürzung für Oh, mein Gott!) nutzten, sind diese heute für viele selbstverständlich. Die Webseite Buzzfeed hat zum Beispiel ihre Rubriken teilweise so benannt.

Auch die Kommentare zu Wikipedia-Einträgen oder auf Facebook-Seiten seriöser Unternehmen wie der Deutschen Bahn zeigen einen lockeren Umgang mit Sprache. „Die Texte werden immer informeller“, hat die Linguistin Christa Dürscheid von der Universität Zürich festgestellt. Dazu beigetragen haben besonders WhatsApp und ähnliche Kurznachrichtendienste. Denn dort kommt es auf schnelle Antworten an. Sprachliche Schönheit? Egal.

Unterscheiden zwischen SMS, Chat und Geschäftsbriefen

Sprachbewahrer sehen angesichts dieser Entwicklung schwarz. Ihre Befürchtung: Gerade junge Leute, bei denen Rechtschreibung und Grammatik noch nicht gefestigt sind, könnten gar kein korrektes Deutsch mehr lernen. Schlobinski sieht da jedoch keine Gefahr. „Es macht keinen Sinn so zu schreiben wie Thomas Mann, wenn ich einen Tweet (Text auf Twitter) mit 140 Zeichen verfasse.“ Trotzdem seien Jugendliche noch in der Lage, ordentliche Schulaufsätze zu schreiben.

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Diese Einschätzung unterstützt auch eine Studie von Christa Dürscheid in der Schweiz. Sie hatte vor vier Jahren untersucht, wie sich E-Mail, Chat und SMS auf das Schreiben von Jugendlichen in der Schule auswirkt. Ihr Ergebnis: Die meisten Schüler können unterscheiden, ob sie eine SMS oder einen Aufsatz schreiben. „Die Schreibkompetenz hat nicht nachgelassen - im Gegenteil. Sie ist breiter geworden“, meint Dürscheid.

Denn eine einheitliche Websprache gibt es nicht. In einer E-Mail schreibt man anders als im Chat. Jedes Forum und jede Clique hat ein eigenes Vokabular. Da ist viel Sprachgefühl gefragt.

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