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Intuition Wann wir auf unser Bauchgefühl hören sollten

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Das Dilemma der Intuition

Kein Zweifel, die Beispiele zeigen die Stärken der Intuition. Aber sie verdeutlichen auch ihr grundsätzliches Dilemma: Das Bauchgefühl funktioniert dann besonders gut, wenn wir vieles, aber nicht alles wissen. Und wenn wir uns bei der Bewertung hauptsächlich auf unsere Erfahrungen verlassen können. Deshalb sind Experten auf einem Gebiet eben genau das: Experten. Durch ihr tiefes Wissen haben sie häufig das richtige Bauchgefühl. Aber auch ihnen fällt es bisweilen schwer, eine intuitive Entscheidung zu begründen – außer mit der Intuition selbst. Dazu kommt: Auch sie können falschliegen.

Das hat der Psychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman in seiner jahrzehntelangen Forschung und seinem bahnbrechenden Werk „Schnelles Denken, langsames Denken“ überzeugend nachgewiesen. Die intuitiven, unbewussten Entscheidungsprozesse sind nämlich fehleranfällig.

Drei typische Denkfehler

Doch bei allem berechtigten Zweifel und trotz immer besserer Datenanalyse: Ignorieren sollte man die Intuition aber trotzdem nicht. Das bestätigt auch Andreas Glöckner, Professor für Psychologische Diagnostik, Urteilen und Entscheiden an der Universität Göttingen: „Das Gefühl ist ein Warnsignal dafür, dass ein möglicherweise wichtiges Kriterium bei einer Entscheidung noch nicht bedacht wurde.“ Diesen Faktor, sagt der Psychologe, gelte es dann zu finden – um zu entscheiden, ob er wichtig ist oder nicht.

Glöckner hat das bereits selbst erlebt. Bei einer großen Fluglinie half er einst als Projektleiter bei schwierigen Entscheidungen, etwa bei der Wahl der Zulieferer. Die Verantwortlichen versuchten solche Entscheidungen häufig zu rationalisieren, indem sie zum Beispiel in einer Tabelle die wichtigsten Attribute der Bewerber auflisteten und verglichen. „Anhand dieser Kriterien gab es einen eindeutigen Gewinner“, erinnert sich Glöckner, „aber es blieb bei allen ein schlechtes Gefühl.“ Erst in diesem Moment wurde den Entscheidern klar: Die Servicequalität als wichtiges Kriterium fehlte – weil sie sich nicht so leicht formalisieren ließ.

Wann Überzeugungen zu Handlungen führen

Das Beispiel zeigt, wie wichtig gedankliche Flexibilität ist. Eine Fähigkeit, die in starren Unternehmenshierarchien nicht unbedingt überall zu finden ist. Den aktuellen Zustand bezeichnet der renommierte Kognitionsforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung als „Angst vor Intuition“. Die führt dazu, dass entweder die falsche Entscheidung getroffen wird – oder dass viel Zeit und Geld in eine rückwärtsgerichtete Rationalisierung der Intuition gesteckt wird.

Wichtiger Kontrolleur

Ein Problem bleibt allerdings: Menschliche Entscheidungen werden niemals völlig fehlerfrei sein. „Man kann mit einer guten Intuition schon relativ nah an die optimale Lösung eines Problems rankommen“, sagt Andreas Glöckner von der Uni Göttingen, „aber auch die blinde Datenanalyse kommt heute schon erstaunlich weit.“

Und während das menschliche Denkvermögen mit ziemlicher Sicherheit auf einem ähnlichen Niveau verharrt, treiben selbstlernende Big-Data-Algorithmen ihre eigene Genauigkeit immer weiter in die Höhe. „In Zukunft kann man sich schon vorstellen, dass ein Computer zu vielen Problemen die normativ richtige Lösung findet, wenn er mit den richtigen Daten gefüttert wird. Das kann man auch mit Intuition nicht schlagen“, sagt Glöckner.

Das menschliche Bauchgefühl wird aber auch hier eine wichtige Rolle einnehmen. Dann nämlich, wenn sich das Ergebnis nicht richtig anfühlt. „Die Intuition dürfte eine wichtige Kontrollfunktion behalten“, sagt Glöckner, „und dafür sorgen, einen Algorithmus mit genau den richtigen Daten zu füttern.“

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